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Das war meine Rettung "Ich war 16 Jahre lang ein Staatenloser"

Als der Künstler Christo in den Westen fliehen wollte, hatte er Angst, dass ein Zollbeamter ihn verpfeift. Von
ZEITmagazin

ZEITmagazin: Christo, Sie haben mit 21 Jahren Ihre Heimat Bulgarien verlassen. Wie kam es dazu?

Christo: Ich studierte bis 1956 an der Kunstakademie in Sofia und war nie aus Bulgarien rausgekommen. Während eines Verwandtenbesuchs in Prag, ich hatte nur einen Studentenausweis dabei, habe ich beschlossen: Du gehst niemals mehr zurück in dieses blöde Bulgarien, du bleibst in Prag, das liegt näher zum Westen. Zu der Zeit brach in Budapest der ungarische Volksaufstand aus. Hunderttausende flohen aus den kommunistischen Ländern in den Westen, wie ich auch.

ZEITmagazin: Wie ist Ihnen die Flucht über die Grenze in den Westen überhaupt gelungen?

Christo: Ich war lediglich mit einer Ausnahmegenehmigung in Prag und hatte kein Geld. Um zu überleben, habe ich Porträts gemalt, dabei habe ich eine Gruppe von Ärzten kennengelernt. Auch sie wollten in den Westen. Wir haben uns zusammengetan und einen Zollbeamten bestochen, damit er uns in einem verplombten Waggon eines Güterzugs versteckt, der uns über die Grenze bringen sollte. Wir waren uns nicht sicher, ob er uns am Ende nicht doch verpfeifen würde. Es war Januar 1957 und sehr kalt. Im Zug trauten wir uns nicht zu reden, draußen hörten wir die Grenzpolizisten und die Spürhunde. Erst als wir die Grenze nach Österreich überquert hatten, haben wir an die Tür gehämmert, bis endlich der Wagen von außen geöffnet wurde. Zum Glück hatte ich die Adresse von einem alten Studienfreund meines Vaters, der um 1920 in Wien studiert hatte. Ich zeigte einem Taxifahrer den Zettel und kam um vier Uhr nachmittags, es war kalt, zu diesem Freund in die Spiegelgasse. So ist die Geschichte.

ZEITmagazin: Viele Menschen riskieren heute ihr Leben und verlassen ihre Heimat, um eine bessere und sicherere Zukunft zu finden. Erinnert Sie dies an Ihre eigene Flucht?

Christo: Na klar, ich kenne das nur zu gut. Das ist auch Teil meiner Familiengeschichte. Meine Mutter ist kurz vor dem Ersten Weltkrieg aus Saloniki geflohen, mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe und der auch Christo hieß, war ein mazedonischer Freiheitskämpfer und wurde während der Balkankriege 1912 bis 1913 von den Türken wegen seines Widerstands hingerichtet. Ich weiß, was es heißt, ein Flüchtling zu sein, auch ich bin durch die Wälder gelaufen. Ich sprach lange keine Sprachen außer Russisch und Bulgarisch. Ich hatte nie Zeit, Sprachen zu lernen, denn ich musste Teller und Autos waschen, um Geld zu verdienen und zu überleben.

ZEITmagazin: Ihr Entschluss zu fliehen war Ihre Rettung in die Freiheit.

Christo: Ja. Ich bin eine sehr entschlossene, radikale Person. Mein ganzes Leben ist geprägt von solchen Entscheidungen, die immer von der gleichen Haltung geprägt sind: nicht vom Weg abkommen, keine Kompromisse, keine Zugeständnisse, keine halben Sachen. Ich bin niemals auch nur eine Sekunde in meinem Leben davon abgewichen. Das galt damals, als ich jung war, und es gilt heute, 60 Jahre später, noch genauso.

ZEITmagazin: Sie mussten viele schwierige Zeiten durchleben. Welches Ereignis ging Ihnen besonders nahe?

Christo: Der Tod meiner Frau und künstlerischen Partnerin Jeanne-Claude war sicherlich der schwierigste Moment in meinem Leben. Ich habe nie geglaubt, dass sie vor mir sterben würde. Es war sehr hart, Jeanne-Claude war für mich der Mensch, der nicht ersetzbar ist.

ZEITmagazin: Nach ihrem Tod haben Sie trotzdem als Künstler weitergearbeitet und nicht aufgegeben.

Christo: Ich habe so viele Fehl- und Rückschläge erlebt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Wenn Projekte platzen und nicht realisiert werden, erscheint das erst mal wie eine Katastrophe, aber diese Dynamik setzt auch kreative Kräfte frei. Nach 20 Jahren Vorbereitung und einer privaten Investition von 15 Millionen Dollar habe ich neulich das Over The River-Projekt im US-Bundesstaat Colorado abgesagt. Ich wollte dort ursprünglich den Arkansas-Fluss mit silberfarbenem Stoff überspannen. Ich habe schlicht das Interesse verloren und alleine beschlossen, das Projekt nicht mehr zu machen. Das ist Freiheit. Jedes Projekt ist einzigartig. Und ich bin der Motor dieser Ideen. Ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen.

ZEITmagazin: Sie haben in mehreren Ländern gelebt, darunter drei Jahre illegal in den USA. Wie definieren Sie Identität?

Christo: Ich war 16 Jahre lang ein Staatenloser. Staatsangehörigkeit ist für mich etwas rein Bürokratisches. Identität ist jedoch das, was du bist. Meine Identität ist Christo, das ist alles, und niemand kann mir das nehmen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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