© Robin Hinsch

Flüchtlinge Auf Wiedersehen, Kinder

Sie sind jung, viele unter 18, manche unter 15. Sie sind aus Afghanistan und Pakistan geflüchtet und sitzen jetzt in Belgrad fest. Eine fotografische Dokumentation aus dem Lager, in dem sie unter katastrophalen Bedingungen darauf warten, dass ihr Leben weitergeht. Von
ZEITmagazin

ZEITmagazin: Herr Hinsch, Ihre Fotos dokumentieren die Lebenssituation von geflüchteten Jugendlichen aus Afghanistan und Pakistan in Belgrad. Wenn man Ihre Bilder sieht, glaubt man, am Ende der Welt angekommen zu sein, im dunklen Nirgendwo. Wie haben Sie als Fotograf dort Zugang gefunden?

Robin Hisch: Am Anfang waren die Jugendlichen eher skeptisch, gleichzeitig aber auch freundlich und froh, dass sich überhaupt jemand für sie interessiert. Auf den meisten Porträts kann man die Gesichter kaum erkennen. Viele waren vorsichtig. Nicht aus Angst, dass man ihnen etwas anlasten könnte, sondern aus Unbehagen darüber, dass sie die Flucht vielleicht nicht bis zu Ende schaffen und ihre Eltern ihr Leben in diesem Loch sehen könnten. Viele kämpfen täglich gegen die Zweifel, nicht am System, sondern an sich selbst. Ihre Familien, oft aus der Region Kaschmir, haben sie losgeschickt, und nun schaffen sie es einfach nicht anzukommen. Das Ziel der meisten ist Großbritannien.

ZEITmagazin: Wie sind Sie auf das Lager aufmerksam geworden?

Hisch: Ein Bekannter erzählte mir davon. In den zerfallenen Hallen leben ungefähr 1.000 Menschen, mitten in Belgrad, direkt am Hauptbahnhof. Ich fand vor allem interessant, dass es fast ausschließlich Menschen sind, deren Chancen auf Asyl sehr schlecht sind und die sich wortwörtlich in einer Sackgasse befinden.

ZEITmagazin: Sie haben eine Woche dort verbracht. Welche Geschichten erzählen die jungen Männer?

Robin Hinsch

30, hat Fotografie studiert, 2014 wurde er mit dem International Photography Award ausgezeichnet. Gerade ist eine Arbeit von ihm, die zum Thema "Shifting Boundaries" in der Ukraine entstanden ist, als Teil einer Ausstellung im Haus der Photographie in Hamburg zu sehen

Hisch: Oft war es tatsächlich die gleiche Geschichte, die mir die Teenager abends am Feuer erzählt haben. Bulgarien muss eine ziemliche Hölle sein. Es heißt, man kommt relativ einfach durch die Türkei, aber in Bulgarien werden viele von der Grenzpatrouille festgenommen und beraubt. 16-jährige Jungs auf der Suche nach einem besseren Leben schlittern auf diesem Weg von einer Katastrophe in die nächste. Einer erzählte, dass er im Winter zusammen mit anderen an der serbisch-bulgarischen Grenze verhaftet wurde. Sie mussten sich ausziehen und wurden bei Minusgraden mit einem Feuerwehrschlauch abgespritzt. Nach zwei Tagen wurden sie ohne Geld und Kleidung wieder an der Grenze ausgesetzt. Andere haben schon bis zu 13-mal versucht, über die ungarische Grenze zu kommen, die ja dicht gemacht wurde. Von solchen Situationen, die sie seitdem in ihren Träumen verfolgen, berichten viele.

ZEITmagazin: Die Zustände, unter denen die Jugendlichen leben, sind menschenunwürdig. Wie kann das sein, mitten in Europa?

Hisch: Diese Frage kann man sich schon stellen. So schwer kann es doch nicht sein, bessere Lösungen zu finden. Jemand in dem Lager hat zu mir gesagt: "Niemand verlässt seine Heimat, wenn sie nicht auf einmal zu einem Haifischmaul wird." Dieser Satz, an so einem Ort, ist bezeichnend und geht nicht spurlos an einem vorüber. Man überlegt schon, ob die Fotografie irgendetwas bewirken kann.

ZEITmagazin: Wie involviert ist die Stadt Belgrad? Gibt es Hilfeleistungen?

Hisch: Eine wirkliche Struktur gibt es nicht. Es kommen immer mal wieder Bewohner vorbei und bringen Kleinigkeiten, und es gab eine Initiative, die Feuerholz vorbeigebracht hat. Alle zwei Tage kocht eine engagierte linke, anarchistische Gruppe, aber von offizieller Seite kommt niemand.

ZEITmagazin: Sie waren in den vergangenen Jahren immer wieder in Krisengebieten unterwegs, unter anderem im Irak, in Syrien und in Kiew. 2015 saßen Sie eine Woche lang in einem türkischen Gefängnis. Welche Rolle spielt die Angst auf Ihren Reisen?

Hisch: Die Angst gehört dazu und ist ein ständiger Begleiter. Es wäre merkwürdig, wenn ich keine Angst hätte. Aber ich gehöre generell eher zu den Optimisten als zu den Pessimisten. Ich habe nicht gedacht, dass ich nie wieder aus dem türkischen Gefängnis herauskomme, aber ich war sehr froh, als ich gehen durfte. Ich habe damals in Syrien fotografiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Grenze zur Türkei eine Grauzone. Bei dem Versuch, über die Grenze zu kommen, wurden wir festgenommen, und man unterstellte uns Unruhestiftung in der Türkei. Nach einer Woche wurde ich abgeschoben. Ich war bis heute nicht wieder dort.

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