Harald Martenstein Über den sachlichsten Vermittler auf Erden

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ZEITmagazin Nr. 12/2017

In der ZEIT stand ein Artikel über Ayn Rand. Natürlich stammte der Text von einer Amerikanerin. Ich fürchte fast, ich bin der einzige deutsche Medien- und Kulturschaffende, der Ayn Rands Roman Der Streik persönlich gelesen hat, alle 1.260 klein bedruckten Seiten. Dieses Buch gehört, trotz einer Weitschweifigkeit, die es locker mit jeder Wagneroper aufnehmen kann, zu den einflussreichsten der Geschichte, es ist auch seit Jahrzehnten eines der meistgelesenen. Zurzeit verkauft es sich etwa eine Million Mal pro Jahr. Der Streik ist die Bibel der Neocons, der Neoliberalen, der Libertären und aller, die nach herrschender Meinung des Teufels sind. Wie man sich zu Trump, zur Anti-EU-Stimmung oder zum Brexit irgendwie kompetent äußern kann, ohne Ayn Rand zu kennen, ist mir deshalb ein Rätsel. Das ist so, als ob man einen wütenden Artikel über den "Mai 68" und den bösen Rudi Dutschke schreibt, ohne von Marx, Ho Chi Minh oder Lenin auch nur den blassesten Schimmer zu haben – ist damals ja oft gemacht worden.