Humor Let me mantertain you!

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Unser Autor ärgert sich schon lange über Männer, die sich für lustiger halten, als sie es sind. Aber aus gegebenem Anlass muss er sich fragen: Bin auch ich so ein Mantertainer? Von
ZEITmagazin

Die folgende Geschichte hat keine Pointe. Sie steht hier trotzdem, weil sie auf ein Problem hinweist. Ein Männerproblem.

Wir standen in einer kleinen Runde draußen herum, Männer, Frauen, tranken Bier und dachten uns Scherzfragen aus. Meine Frage an die Runde lautete: "Wie nennt man vier Wölfe?" Die Befragten gaben ein paar Antworten, ich beschied, die seien falsch, und gab schließlich meine Pointe preis: "Tetra-Pack!"

Am nächsten Morgen erhielt ich eine Beschwerde. Eine E-Mail von einem der Gäste, der mich darauf hinwies, ich habe eine Rätselantwort, die von seiner Freundin stammte, nicht gelten lassen, obwohl sie doch eigentlich mindestens genauso gut gewesen sei wie die als Pointe präsentierte Antwort. Nämlich: Quadrudel. Da erst fiel mir auf, dass ich mich an diese Antwort nicht nur nicht mehr erinnerte, sondern dass ich sie, in der Rolle des Witzerzählers, offenbar gar nicht wahrgenommen hatte. So sehr war ich auf die eigene Pointe konzentriert, auf meine Ich-erzähle-jetzt-mal-einen-Witz-Rolle.

Seither hadere ich mit meinem Humor. Jahrelang hatte ich argwöhnisch beobachtet, wie Männer mit schlechtem Humor viel zu viel Redezeit für sich beanspruchten und die auch bekamen. Nun dämmerte es mir, dass mich von diesen Feindbildern offenbar weniger trennt, als mir lieb sein kann. Bin ich auch so ein Typ, der nur das witzig findet, was von ihm selbst kommt?

Seit ich ungefähr 13 bin, habe ich mit Unwohlsein Jungs, später Männer beobachtet, die sich für irrsinnig witzig hielten, es aber gar nicht waren, zumindest nicht für meinen Geschmack. In der Rückschau kommt es mir so vor, als habe meine Jugend aus einer einzigen Abfolge mittelschlechter Monty-Python-Imitatoren bestanden, und alle diese Imitatoren waren männlich. Vielleicht war Neid mit im Spiel, weil ich nicht mal österreichischen Dialekt oder Marcel Reich-Ranicki nachmachen konnte. Trotzdem: Einige hatten nur einen guten Abnehmer für ihre Witze – sich selbst. Der Mensch und vor allem der Mann ist zu einiger Selbsttäuschung fähig, und in seiner Witzigkeit überschätzt er sich besonders drastisch.

Dass man sich gegenseitig Witze erzählt, ist in den vergangenen Jahren, glaube ich, aus der Mode gekommen, zusammen mit Stammtischen, Schenkelklopfen und Bier zum Frühstück. Nicht aber aus der Mode gekommen ist das Bemühen vieler Männer, auf Biegen und Brechen den Unterhalter zu geben, auch dann, wenn sie darin weder ein besonderes Talent noch Übung haben. Wenn die beliebte Wortneuschöpfung "Mansplaining" beschreibt, dass Männer gerne auch dann Frauen Dinge erklären, wenn sie weniger davon verstehen als ihr Gegenüber, so könnte man vom "Mantertainment" sprechen, wenn Männer Frauen gegenüber Witze oder Anekdoten zum Besten geben, ohne zu merken, dass die gar nicht besonders lustig sind.

Dagegen sind mir Frauen, die den eigenen Humor überschätzen, nahezu unbekannt. Wenn Frauen häufig und gerne Späße machen, dann sind sie meistens tatsächlich witzig. Sie beanspruchen auch weniger Redezeit, sie glänzen eher durch Situationskomik. Für Männer ist Humor ein Mittel, sich in den Mittelpunkt zu stellen, für Frauen eines, um einen guten Abend zu haben. Der Mansplainer hat vielleicht wirklich noch für einige Anwesende neues Wissen zu verbreiten, der Mantertainer verbreitet nichts – außer den Zwang, das Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen. Er ist eigentlich noch schlimmer.

Dass der Mantertainer das jahrhundertelang nicht gemerkt hat, liegt wahrscheinlich an seinen Buddies, die ihn, komme, was wolle, mit einem großen, brüllenden "Hahaha" unterstützen. Frage an mich selbst: Akzeptiere ich nur diejenigen Leute als Freunde, die über meine Witze zu lachen bereit sind?

Und so wird der Mantertainer von seinem Unterstützersystem, wie man das bei Alkoholikern nennt, weiter in seinem Problemverhalten bestärkt, während er zudem dauernd in der Zeitung liest, dass Frauen in Umfragen angegeben haben, der Humor sei ihnen besonders wichtig in der Partnerwahl, wichtiger noch als Gehalt, Aussehen, Muskeln. So wie es überhaupt das größte Kompliment ist, über jemanden zu sagen, er sei wirklich witzig. (Vielleicht wollte ich ja deshalb unbedingt mal den caption contest, den Leser-Wettbewerb um die beste Unterzeile zu einem Cartoon im New Yorker, gewinnen, weil dann ein für alle Mal bewiesen wäre, dass ich Humor habe, für alle Welt lesbar, mit Namen.)

Als mir eine Bekannte vor einiger Zeit schrieb, sie habe Migräne und könne daher nicht in die Pizzeria kommen, schickte ich ihr neben den Genesungswünschen einen gezeichneten Witz, den ich gerade in einer Zeitschrift entdeckt hatte. Ihre Antwort lautete: "Sorry, ich verstehe den Witz nicht." Erst da fiel mir auf, wie unsensibel es war, einer Kopfschmerzpatientin einen kniffligen Cartoon zu schicken. Als ich etwas später beim Mittagessen mit einer humorversierten Kollegin über diese Peinlichkeit sprach, erzählte sie mir, wie sehr sie es hasse, wenn sie ein Date habe und der Mann anhebe, eine lustige Anekdote zu erzählen. Das passiere leider fast bei jedem Date. Wenn Männer Anekdoten erzählen, gefallen sie sich nicht nur selbst als Redner, sie wollen beweisen, dass sie so viel Intelligenz besitzen, dass sie auch noch für die komischen Seiten des Lebens Hirnkapazitäten frei haben. Sie wollen ihren geistigen Motor aufheulen lassen.

Dabei zwingt der Anekdotenerzähler die Zuhörerin, wirklich gut zuzuhören, um bloß nicht die Pointe zu verpassen. In nicht wenigen Fällen ist das eine schwierige Übung. Nach der Pointe erwartet der Mann, dass die Frau zumindest ein Lächeln zeigt, besser noch ein hörbares Lachen beziehungsweise Lob und Erstaunen darüber, dass das Vorgetragene tatsächlich so stattgefunden hat. Der Mann von 2017 weiß, dass er keinesfalls erwarten darf, dass eine Frau seinen Ausführungen zum letzten Karriereschritt zuhört. Aber dass sie über seine Geschichten lacht, erwartet er schon.

Die Situation wird noch bedrückender, wenn wir Männer, was nicht selten vorkommt, nicht merken, dass unsere Pointen nicht zünden, und, den nett gemeinten Beifall missverstehend, weitermachen. Oder: Wir merken zwar, dass die erste Pointe nicht gezündet hat, legen aber weitere nach, in der falschen Hoffnung, irgendwann müsse das Feuer durchlodern.

Es gibt eine Geschichte, die ich selbst für unglaublich lustig halte. Sie ist meine Lieblingsgeschichte. Ich erzählte die Geschichte einer Freundin, den sicheren Lacherfolg erwartend. Sie schwieg. Sie meinte, sie lache aus Prinzip nicht, wenn es von ihr erwartet werde. Selbstironie, sagte sie, finde sie dagegen gut. Aber auch das bekämen deutsche Männer nicht hin.

Sollten Männer also in der Gesellschaft von Frauen jegliche Form von Witzen, Scherzfragen, lustigen Anekdoten vermeiden? Natürlich nicht. Es genügt schon, wenn der Mann es auch nur für möglich hält, dass die unterhaltsamste Person am Tisch eine Frau sein könnte. Und wenn er weiß, dass das keine Schande für ihn wäre. Dann kann es eventuell sogar lustig werden. Auch für ihn.

Hinter der Geschichte:

Eigentlich hatte Matthias Stolz seine lustige Lieblingsgeschichte auch in den Artikel hineingeschrieben. Aber die Kolleginnen, denen er den Text vorab zum Lesen gab, rieten ihm, sie wieder rauszustreichen – sie sei leider einfach nicht witzig genug.

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