Gesellschaftskritik Über Kollegenveräpplung

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ZEITmagazin Nr. 12/2017
Dieser Artikel stammt aus dem ZEITmagazin Nr. 12 vom 16.03.2017.

Manchmal ist es schon ganz schön, für eine Zeitung zu arbeiten und nicht für das Fernsehen, auch wenn das bedeutet, dass morgens beim Bäcker niemand in Ohnmacht fällt und sich die Zahl der Twitter-Follower auf ewig im niedrigen dreistelligen Bereich bewegen wird. Denn dafür wird man als Zeitungsredakteur nicht auf offener Bühne veräppelt und hinterher öffentlich geschmäht für so viel Dummheit.

In der ZDF-Fernsehshow zur Verleihung der Goldenen Kamera kam es gerade zu einem für die Macher äußerst peinlichen Moment: Die Circus HalliGalli-Redaktion um Joko und Klaas hatte in die Preisverleihung einen Doppelgänger von Ryan Gosling reingeschmuggelt, der nur entfernt so aussah wie der echte. Offenbar genügte es, eine fiktive Agentur schreiben zu lassen, der Schauspieler sei gerade in der Gegend und bereit, einen Preis anzunehmen, und schon bekam ihn sein Doppelgänger. Live im Fernsehen, auf der großen Bühne.

Man könnte den Scherz loben: Er offenbart, wie kleingeistig die deutsche Fernsehbranche doch ist. Kaum klopft ein Star aus Hollywood an, legt man sich für ihn hin. Andererseits: Den deutschen Minderwertigkeitskomplex aufzudecken, was Stars anbelangt, ist schon ein wenig oll, oder? Man kennt ihn doch. Dafür der ganze Aufwand?

Als die Titanic 1988 Wetten, dass..? reinlegte mit der berühmten Wette, Buntstifte am Geschmack erkennen zu können, da veräppelte ein Winzling einen Giganten. Heute sind die Verhältnisse umgekehrt: Joko und Klaas sind die Giganten, die schließlich auch mal als Gottschalks Nachfolger gehandelt wurden. Der Winzling ist die Uralt-Fernsehsendung Verleihung der Goldenen Kamera.

Man könnte leicht Mitgefühl entwickeln, wenn man sieht, wie triumphal Joko und Klaas ihren Streich auskosteten, mit weit ausgebreiteten Armen, sich um den Hals fallend. Der Titanic-Redakteur Bernd Fritz stand vor knapp 30 Jahren am Ende der Sendung recht aufgeregt neben Gottschalk und dankte dem ZDF, ganz unironisch. Diesmal hingegen bedankte sich der Veräppelte artig beim Veräppelnden: "Chapeau, @halligalli! Der Prank war erfolgreich. Die GOLDENE KAMERA gibt’s nächstes Jahr ;)"

Gelassen im Tonfall, selbst ein wenig witzig und dabei den Gegner auch noch lobend: Solche Tweets dürften die undankbarsten im Leben eines Social-Media-Redakteurs sein.

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