Das war meine Rettung "Ich habe einfach versucht, ich selber zu sein"

Ann-Kathrin Kramer zog als junge Frau ohne Job und Plan nach München – ein Wagnis, das sich als richtig erwies. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 13/2017

ZEITmagazin: Frau Kramer, Sie haben mal gesagt, Sie hätten es lange bedauert, ein Mädchen zu sein. Warum?

Ann-Kathrin Kramer: Weil ich als Kind merkte, dass Jungs und Mädchen mit zweierlei Maß gemessen werden. Ich war laut, direkt, stürmisch, ich hatte eher Lust auf Mutproben als auf Häkeln, und deshalb bin ich oft angeeckt. In der Schule war das hart für mich, ich war eben nicht das liebe, nette Mädchen, das seine Buntstifte sortiert, sondern ich saß hinten und habe mit irgendwas geworfen oder mich auch mal geprügelt. Dabei habe ich immer gemerkt, dass die Akzeptanz für dieses Verhalten für mich als Mädchen geringer war. Das fand ich sehr ungerecht, es hat mir ganz tief widerstrebt, und es hat bei mir als junger Frau dazu geführt, dass in mir eine Art Kampfeslust aufkam, wenn ich gemerkt habe, okay, hier geht es nicht um die Sache an sich, sondern darum, ob man ein Mann ist oder eine Frau. Später bin ich aber lässiger geworden.

ZEITmagazin: Hatten Sie als Kind auch eher Jungs als Freunde?

Kramer: Ich hatte immer auch eine beste Freundin, aber am liebsten habe ich mit Jungs gespielt. Ich war viel draußen. Bis es dunkel wurde, war ich mit meiner Gang unterwegs. Angefangen hat das, als ich drei Jahre alt war, und ging bis in die Pubertät. Dann gab es einfach andere Themen.

ZEITmagazin: Sie sollen sich mit den Jungs sogar mal im Wettpinkeln gemessen haben.

Kramer: Das stimmt. Irgendwann zog gegenüber eine sogenannte Gastarbeiterfamilie ein, die gerade aus Italien nach Wuppertal gekommen war. Deren drei Söhne haben nicht verstanden, dass in unserer Gruppe ein Mädchen, also ich, das Sagen hatte. Einer der Brüder hat erst Streit mit mir gesucht, dann haben wir uns geprügelt, und als nichts half, stieg er auf eine Mauer, zog die Hose runter und pinkelte mir vor die Füße, mit so einem Blick: Das kannst du aber jetzt wirklich nicht! Es war sein letztes Mittel, um mir klarzumachen, dass er jetzt der Chef ist. Ich war so sauer, dass ich mich auch auf die Mauer gestellt und das Gleiche gemacht habe.

ZEITmagazin: Guter Konter.

Kramer: Es ging nicht anders. Und wir wurden später Freunde.

ZEITmagazin: Sie haben auch Tanzunterricht genommen – wie passt das in diese wilde Kindheit?

Kramer: Sehr gut, finde ich. Ich habe als Kind nicht versucht, ein besserer Junge zu sein – ich habe einfach versucht, ich selber zu sein. Und das bedeutete: Wenn ich Bock hatte, Ballett zu tanzen, tanzte ich Ballett. Und wenn ich Rugby spielen wollte, ging auch das. Ich wollte mich nicht in irgendeine Schublade stecken lassen, nur weil irgendwer das erwartet.

ZEITmagazin: Haben Sie diese Willensstärke als junge Erwachsene bewahrt?

Kramer: Ja. Ich bin mit 16 nach Griechenland gegangen, einfach losgezogen, und habe mich dort in einen Kunststudenten verliebt, der Touristen porträtierte. Er brachte es mir bei, davon lebte ich einige Zeit, aber es wurde mir dann doch langweilig.

ZEITmagazin: Sie gingen wieder zurück?

Kramer: Ja. Zu Hause machte ich eine Ausbildung zur Schauwerbegestalterin. In meiner Familie gab es keine Schauspieler, keine große Welt, nichts, was vorgezeichnet hätte, dass ich später diesen Beruf ergreifen würde. Und auch wenn ich den Wunsch zum Schauspielen verspürt habe, war diese Ausbildung das Künstlerischste, was in diesem Umfeld möglich schien. Deshalb war es meine Rettung, dass ich mich nach der Ausbildung getraut habe, einfach von zu Hause wegzugehen, ohne zu wissen, was passiert.

ZEITmagazin: Wo sind Sie hingezogen?

Kramer: Nach München. Ich hatte keinen ausgefeilten Plan, kein Ziel, aber diesen starken Impuls, dass es im Leben mehr geben muss. Das trieb mich an, ich wollte raus, auch auf die Gefahr hin, dass ich auf die Nase falle. Ich hatte mir 1.000 Mark zusammengespart und mietete in München eine minikleine Wohnung. Ich wollte Schauspielerin werden, hatte aber das Gefühl, dass es dafür noch zu früh ist. Dass ich erst einmal was erleben sollte. Und weil ich Geld verdienen musste, bin ich losgezogen, in Läden reingegangen und habe gesagt: Ihr Schaufenster ist ja schön, aber es könnte viel schöner sein! Ich machte mich selbstständig, und als ich gut davon leben konnte, kam der nächste Schritt: Mit 24 ging ich dann endlich auf die Schauspielschule.

ZEITmagazin: Diesen Mut, etwas zu tun, ohne zu wissen, wohin es führen könnte – spüren Sie den noch?

Kramer: Der ist ganz unverändert da. Ich lebe nach wie vor so, dass jeden Tag alles möglich ist. Klar, mein Leben ist ruhiger geworden, der Fokus liegt auf der Familie, und das ist gerade gut und richtig. Aber ich kenne mich, und ich weiß, dass ich eines Morgens aufwachen kann und sage: So, jetzt mal die Füße vom Tisch, ich muss wieder los.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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