Kindheit Erinnerungen an die Langeweile

Unser Autor weiß noch, wie zäh sich für ihn als Kind die Zeit dehnte. Heute ist immer etwas zu tun. Kann es sein, dass uns trotzdem etwas fehlt? Von
ZEITmagazin Nr. 13/2017

Wir saßen oben, am Anfang der Rutsche, aber natürlich rutschten wir nicht runter, dafür waren wir mittlerweile zu alt. Stattdessen redeten wir, meistens über nichts, das aber ständig. Wir redeten über dieses verbotene Lied der Band Die Ärzte, das bisher niemand von uns gehört hatte. Wir redeten über das seltsame Wort "Perestroika", das wir dauernd in den Nachrichten hörten. Und wir redeten über die Serie Miami Vice, die uns zum ersten Mal eine Ahnung davon gab, was das Wort "cool" bedeuten könnte. Aber eigentlich warteten wir auf der Rutsche nur gemeinsam darauf, dass das Leben beginnt oder dass die Langeweile endet, was für uns jedoch das Gleiche war.

Dreißig Jahre ist das jetzt her. Wir waren zwölf – und 1987 war das langweiligste Jahr aller Zeiten: Nach der Bundestagswahl im Januar wurde Helmut Kohl wieder Kanzler, im Kino lief Dirty Dancing, und es gab weder eine Fußball-Welt- noch eine -Europameisterschaft und auch keine Olympischen Spiele. Das tägliche Fernsehprogramm von ARD und ZDF startete um neun Uhr mit der Sesamstraße, nach dem Vormittagsprogramm zeigten die Sender "Videotext für alle", und erst um 16 Uhr gab es wieder Sendungen. Um Mitternacht war Schluss, nach der Nationalhymne. Die Geschäfte schlossen um 18.30 Uhr (samstags um 14 Uhr), der Mann, der James Bond spielte, hieß Timothy Dalton, und das Essen war so langweilig, dass der Mirácoli-Tag als Höhepunkt der Woche galt. In dieser Welt gab es noch kein Internet und keine Handys, kein Netflix und kein Amazon, und wir vier Jungs oben auf der Rutsche waren das einzige soziale Netzwerk weit und breit.

Daran erinnere ich mich, wenn ich mich nach Langeweile sehne und mir statt der Überforderung, die mein Leben ausmacht, ein kleines bisschen Unterforderung wünsche. Aber stimmt diese Erinnerung überhaupt? War uns wirklich so furchtbar langweilig damals? Und ist heute, 30 Jahre später, die Langeweile genauso aus unserem Leben verschwunden wie der Sendeschluss? Schließlich gilt ja die Langeweile als längst abgeschafft, sie ist ein Gefühl, das es mal gab, als wir noch keine Smartphones hatten und kein Instagram und kein Twitter und kein Facebook. Als es also all diese kleinen und großen Fluchten noch nicht gab, die uns davor schützen, mit uns allein nichts anzufangen zu können. Und weil wir so selten alleine mit uns sind – viel seltener jedenfalls als früher –, glauben wir, dass die Langeweile so ein Achtziger-Jahre-Ding ist. Wie Alf.

Die Wissenschaft hat allerdings die Langeweile jetzt gerade erst entdeckt. Für einige Forscher scheint sie eine spannende Sache zu sein, zum Beispiel für den kanadischen Neuropsychologen James Danckert. Der arbeitet eigentlich mit Patienten, die ein Schädel-Hirn-Trauma haben, welches mit einem Verlust der Selbstkontrolle und Entscheidungsschwäche einhergeht. Er stellte fest, dass sich seine Patienten seit ihrer Verletzung häufiger langweilten als zuvor. Danckert schloss daraus, dass Langeweile und der Verlust von Selbstkontrolle zusammenhängen. Wer sich langweilt, hat sich also einfach nicht im Griff.

Heute kann es ganz schön anstrengend sein, wenn man versucht, sich zu langweilen. © Dakota Gordon

Für seine Forschung ließ Danckert außerdem das langweiligste Video aller Zeiten herstellen: Zwei Männer hängen Wäsche auf, das ist alles. Wenn sich Testpersonen dieses Video anschauen, denken sie zu Beginn, dass da bestimmt jeden Moment etwas Lustiges passiert, aber es passiert: nichts. Und in dieser Erwartungshaltung, die nicht befriedigt wird, sieht Danckert so etwas wie einen Schlüssel: Langeweile entstehe dann, wenn Menschen in der nächsten Zukunft keine Veränderungen erwarten.

Langweilen wir uns also immer dann, wenn unsere Sehnsucht nach Bedeutung nicht erfüllt wird? Erinnert Menschen die Langeweile daran, dass sie eigentlich ein sinnvolles Leben führen wollten – es aber nicht schaffen, ihr Leben mit Sinn zu füllen? Möglicherweise wäre das auch ein Hinweis, dass die Annahme stimmt, Langeweile führe zu Kreativität: Um Langeweile zu überwinden, muss man nach Möglichkeiten suchen, das Leben mit Sinn zu füllen. Oben auf der Rutsche, vor 30 Jahren, versuchten wir das mit den Möglichkeiten, die Zwölfjährige zur Verfügung haben. Wir suchten nach Sinn, wo wahrscheinlich keiner zu finden war, wir dachten uns Spiele aus und schmiedeten Pläne für eine Zukunft, von der wir hofften, sie könnte unsere sein.

Aus dieser Zukunft ist eine Gegenwart geworden, in der sich eigentlich niemand mehr langweilen muss: Wenn ich auf jemanden warte, beantworte ich E-Mails. Wenn mich das Fernsehprogramm anödet, schaue ich Filme oder Serien bei einem der Streamingdienste. Wenn mich das Buch, das ich gerade lese, nicht packt, lade ich mir ein anderes runter. Wenn es mich langweilt, am dritten Tag hintereinander italienisch zu essen, dann gehe ich zum Pakistaner oder zum Israeli oder zum Hawaiianer. Und wenn ich das Gefühl habe, dass mir meine Freunde nichts Spannendes mehr bieten können, dann suche ich mir auf Facebook neue. Ich kann sonntagvormittags ins Kino gehen, ich kann mir Dinge kaufen, wann ich will, und ich kann am Wochenende nach Budapest fliegen oder nach Helsinki.

Für die Existenzialisten ist die Langeweile der Grundzustand menschlicher Existenz – und man ist in seinem Leben ja nie wieder so konsequent Existenzialist wie mit zwölf

Wir glauben, dass wir die Langeweile abgeschafft hätten, weil wir jetzt Wahlmöglichkeiten haben. Wir glauben, dass uns Langeweile nicht guttut, weil wir unsere Zeit sinnvoll nutzen wollen. Und auch, weil das Gefühl der Langeweile schon immer ein Imageproblem hatte – fast alle Philosophen haben es abgelehnt. Blaise Pascal schrieb, dass "nichts dem Menschen so unerträglich" sei, wie "in einer völligen Ruhe zu sein, ohne Leidenschaft, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne die Möglichkeit, sich einzusetzen". Immanuel Kant wurde schier sauer, als er über die "Leere an Empfindungen" schrieb und sie mit dem "Vorgefühl eines langsamen Todes" verglich. Kierkegaard nannte die Langeweile die "Wurzel allen Übels", und für Charles Baudelaire war die Langeweile (ennui) die Gefühlslage des Großstadtmenschen, in der sich Ekel und Abscheu mit der Entfremdung gegenüber dem Dasein verbinden. Dann kamen die Existenzialisten, die die Langeweile für den Grundzustand menschlicher Existenz hielten – und man ist in seinem Leben nie wieder so konsequent Existenzialist wie mit zwölf.

Matthias Kalle

Außer an die Langeweile hat sich Matthias Kalle, stellvertretender Chefredakteur des ZEITmagazins, in den vergangenen Monaten noch an andere Aspekte seiner Jugend erinnert und darüber ein Buch geschrieben. Als wir für immer jung waren – Die prägenden Erinnerungen unserer Jugend ist soeben im Fischer Verlag erschienen.

Oder? Das Problem mit den Erinnerungen ist ja leider, dass sie manchmal falsch sind und dass man Dinge verklärt. Vielleicht gilt das auch für die Erinnerung an die Langeweile, die in Wahrheit eine Erinnerung an frühen Wohlstand ist: Als Teenager in den achtziger Jahren konnte man auf eine Art und Weise rumlümmeln, die relativ neu war. In den fünfziger und den sechziger Jahren gingen Jugendliche früher von der Schule ab, um eine Lehre zu machen und zu arbeiten. Erst in den siebziger Jahren, als immer mehr Jugendliche immer länger zur Schule gingen, wurde der Nachmittag eine Zeit, die man mit Sinn füllen musste, jedenfalls bis zum Abendbrot. Schaffte man das nicht, wurde es langweilig. Ende der achtziger Jahre kam zum Glück das Kabelfernsehen auf, in den neunziger Jahren dann das Internet und das Handy, und im vergangenen Jahrzehnt kamen die sozialen Netzwerke dazu – alles Waffen gegen die Langeweile. Nur besiegt wurde sie nie, denn der Feind ist zu mächtig. Er greift uns nicht von außen an, sondern von innen. Wir können ihn nicht mit dem Handy bekämpfen, und wir verlieren den Kampf sowieso, denn wir brauchen die Langeweile, weil sie uns daran erinnert, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu ändern. 1987 war deshalb genauso wenig langweilig wie 2017. Vielleicht war 1987 einfach nur das Jahr, in dem man als Zwölfjähriger am besten seine Sehnsüchte an die Zukunft formulieren konnte. Gab ja sonst nicht viel zu tun.

Vor Kurzem bin ich zurück in den Ort gefahren, aus dem ich komme. Bei einem Spaziergang durch die Straßen meiner Jugend landete ich auf dem Spielplatz mit der Rutsche, auf der wir saßen, damals, vor 30 Jahren. Behutsam kletterte ich die Leiter nach oben und setzte mich an den Anfang der Rutsche und versuchte mich zu erinnern. An die Gespräche von damals, an die Kinder, die wir waren, und an die Hoffnungen, die wir hatten. Dann wurde mir langweilig. War ganz interessant.

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