Ich habe einen Traum Marina Abramović

"Mein großer Traum ist es, ohne Angst zu sterben"
ZEITmagazin

In meiner Kindheit haben meine Tagträume mir Zuflucht geboten. Meine Eltern waren serbische Widerstandskämpfer. Ich bin in einem kalten, lieblosen Elternhaus aufgewachsen, das von der Erinnerung an Gewalt geprägt war. Alles drehte sich um die Nazis und den Krieg. Kontakt zu anderen Kindern wurde unterbunden. Stundenlang habe ich beobachtet, wie Staubpartikel in den Sonnenstrahlen tanzten, die durch unser Fenster fielen. Für mich waren diese Staubkörner Raumschiffe aus einer anderen Galaxie. Meine nächtlichen Träume habe ich damals gemalt. Meine ersten Bilder zeigen allesamt Inhalte meiner Träume.

In meinen Träumen kann ich in eine Parallelwelt eintauchen, Tag und Nacht. Diese Freiheit genieße ich sehr. In einem wiederkehrenden Traum komme ich von einer langen Reise zurück und gehe durch einen Wald auf ein großes Schloss zu. Dort findet eine immerwährende Party statt. Alle meine Freunde sind dort. Allerdings nur Traumfreunde, niemand, den ich im realen Leben kenne. Dieser Traum war für mich lange Zeit eine wunderbare Parallelwelt, in die ich immer wieder zurückkehren konnte. Dann blieb der Traum plötzlich einige Jahre lang aus. Als ich ihn dann endlich wieder träumte, war es zwar derselbe Wald, dasselbe Schloss, aber jeder dort war jetzt grau und alt, alle lagen im Sterben. Zu erleben, dass es auch in diesem Traum Vergänglichkeit gab, war sehr merkwürdig.

Meine Kindheit und frühe Jugend waren geprägt von Symmetrie und Ordnung. Meine strenge Mutter war von Ordnung besessen. Die habe ich in meinen Träumen immer wieder durchbrochen: Einmal war ich ein General, der seine Soldaten abschritt. Sie standen in Reih und Glied vor mir, in perfekter Symmetrie. Ich habe dann von jeder Uniform einen Knopf entfernt, immer einen anderen, um die Ordnung zu zerstören. Aus solchen Träumen bin ich in Panik erwacht, in Erwartung der drakonischen Strafe, die so etwas in der Realität nach sich gezogen hätte.

Nach dem Tod meiner Mutter habe ich alte Briefe von ihr gefunden, in denen sie von ihrem Leben erzählt. Da habe ich begriffen, wie verletzlich sie war. Das hat sie mir nie gezeigt. Ich wünschte, ich hätte auch nur eine Seite dieser Briefe zu ihren Lebzeiten gelesen, das hätte unsere Beziehung völlig verändert. In meinem schrecklichsten Albtraum sehe ich am Straßenrand meine Mutter, sie rennt wie eine Furie auf mich zu, laut schreiend, und zerrt mich an meinen Haaren in unser Haus. Sie ist völlig irre. Ich sehe in ihr Gesicht und erkenne, dass ihr Wahnsinn irgendwann mein Wahnsinn werden wird – wenn es mir nicht gelingt, ihm zu entkommen.

Jetzt, mit 70, beginnt für mich eine neue Lebensphase, in der ich lernen möchte, wieder neugierig wie ein Kind zu sein und demütig und mit Humor auf die Welt zu blicken. Sanft und fürsorglich zu mir und meinem Körper zu sein. Mein großer Traum ist es, ohne Angst und bei klarem Bewusstsein zu sterben. Und ohne Wut. Darauf bereite ich mich vor.

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