Stilkolumne Spitzenerzeugnisse

© Peter Langer
ZEITmagazin

Im Louvre in Paris läuft derzeit eine große Ausstellung über den Maler Jan Vermeer und die holländischen alten Meister. Auch eines der bekanntesten Bilder von Vermeer ist dabei: Die Spitzenklöpplerin. Eine junge Frau mit aufwendig frisierten Haaren sitzt an einem Arbeitstisch vor einer Wand. Sie trägt ein gelbes Kleid mit einem Spitzenkragen und beugt sich über ein Kissen, auf dem sie die Spitzen klöppelt. Als Vermeer das Bild malte, war Klöppeln ein Handwerk für die jungen Frauen der besseren Gesellschaft. Spitze bestand damals aus kunstvoll verarbeitetem Seidengarn. Sie stand für die heile, gutbürgerliche Welt. Später, als die Produktionstechniken weiter entwickelt waren und Spitze günstiger wurde, änderte sich ihre Bedeutung. Spitze diente im 20. Jahrhundert nicht mehr dazu, die wohlhabende, sondern die verführerische Frau zu markieren. Mit großflächig verarbeitetem transparentem Gewebe, unter dem die Haut durchschimmert, wie bei einem Geschenk, das man nur noch auspacken muss.

Am letzten Tag der Pariser Fashion Week war im Louvre noch mehr Spitze zu sehen – nun bei der Show von Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton. Die Models kamen in Kleidern mit Spitzenborten, die in Waben über Seidenkleider geführt waren, sodass das Ganze den Anschein einer femininen Panzerung hatte. Auch bei Valentino war Spitze für den Herbst dieses Jahres zu sehen. An manchen Modellen legten sich Spitzenapplikationen an den Armen übereinander wie die Lamellen einer Rüstung. Die Spitze dieses Jahres hat nichts mehr damit zu tun, eine Frau nackter, zerbrechlicher oder devoter erscheinen zu lassen. Sie macht sie stärker. Auch im Sommer wird schon viel Spitze der neuen Art zu sehen sein. Bei Alexander McQueen spannt sich ein martialisches Lederbustier über ein weißes Spitzenkleid, Burberry hat ebenfalls ein weißes Spitzenkleid im Angebot, bei dem sich mehrere Lagen des transparenten Gewebes übereinanderschichten, sodass keine Haut mehr zu erkennen ist, aber eine unheimliche Raumwirkung entsteht.

Derlei Spitzenerzeugnisse zeigen auch, wie begrenzt zum Teil die bisherigen Vorstellungen davon waren, wie sich eine "starke Frau" darzustellen habe – nämlich mit Anleihen an die Männergarderobe. Jacken mit breiten Schultern, Hosen und Military-Looks wurden gerne verwendet, wenn man zum Ausdruck bringen wollte, dass man für eine Kundin entwerfe, die ihre eigenen Vorstellungen vom Leben habe. Nun wird deutlich, dass Feminismus mit vielen Stoffen gekleidet werden kann. Das Vermeer-Bild wurde vom Louvre übrigens 1.870 für knapp 8.000 Franc angekauft. Das ist, in heutiger Währung, sehr viel Geld, dafür bekäme man sicher auch ein Kleid von Louis Vuitton.

Foto: Peter Langer / Ein Saum in Weiß: Spitzenkleid von Burberry, 2295 Euro

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