Tierarten Die Republik der Tiere

In Deutschland leben ungefähr 50.000 Tierarten in freier Natur und in den Städten, die meisten von ihnen bekommen wir nie zu Gesicht. Wie geht es den Tieren in unserer Umgebung? Ein Interview über das ungezähmte Deutschland. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 13/2017

ZEITmagazin: Herr Professor Haszprunar, als Direktor der Zoologischen Staatssammlung München kennen Sie sich mit Tieren aus wie kaum jemand sonst. Wenn wir drei Tage Zeit hätten, in Deutschland eine neue Tierart zu finden: Was würden wir tun?

Gerhard Haszprunar: Wir würden etwas Waldboden ausgraben, da ist mit hoher Wahrscheinlichkeit was Neues drin, eine Milbe oder ein kleiner Wurm. Es würde allerdings länger dauern, nachzuweisen, dass es sich um eine neue Art handelt. Wir müssten in Datenbanken und Fachbibliotheken recherchieren, um festzustellen, ob nicht irgendein Forscher sie vor 150 Jahren bereits beschrieben hat.

ZEITmagazin: Kommt es vor, dass Spezies mehrfach beschrieben werden?

Haszprunar: Bei den Landschnecken in Europa ist es so, dass auf jede Schnecke im Mittel zehn Namen kommen, einfach weil man früher jede Schalenvariante für eine neue Art gehalten hat. Heute sehen wir dank DNA-Analysen: Schaut etwas anders aus, ist aber genetisch dasselbe. Es ist eine gute Zeit, um neue Arten zu entdecken: Es gibt zwar immer weniger Spezialisten, die Arten bestimmen können. Aber diese wenigen werden dank Digitalkameras und DNA-Sequenz-Analyse immer effektiver.

ZEITmagazin: Und wenn man eine Art findet, darf man diese nach sich benennen?

Haszprunar: Grundsätzlich ja, ist aber verpönt. Im Allgemeinen werden sie nach dem Fundort oder einer markanten Eigenschaft benannt. Oder, wie neulich, nach Donald Trump, auf den im Januar eine kleine Motte getauft wurde, die Neopalpa donaldtrumpi.

ZEITmagazin: Im Ernst?

Haszprunar: Ach, es war und ist durchaus üblich, Entdeckungen einem Herrscher zuzueignen. Auch einen Anophthalmus hitleri gibt es, einen augenlosen Käfer, natürlich braun.

ZEITmagazin: Und man hat ihn nie umbenannt?

Haszprunar: Das geht nicht. Es gibt international verbindliche Regeln – was einmal beschrieben ist, das hält auf ewig.

ZEITmagazin: Wie viele beschriebene Tierarten gibt es derzeit in Deutschland?

Haszprunar: 45.000 bis 50.000, hinzu kommen viele Arten, die bislang unentdeckt geblieben sind.

ZEITmagazin: Hat Deutschland eher viele oder eher wenige Tierarten?

Haszprunar: Auf der Welt kennen wir ungefähr 1,6 Millionen Tierarten, in Deutschland dürften wir da im unteren Mittelfeld liegen. Generell nimmt die Diversität zum Äquator hin zu. Auch dort, wo es hohe Berge gibt, erhöht sich der Artenreichtum. Deshalb haben wir auch in Deutschland ein starkes Süd-Nord-Gefälle, das heißt, in Bayern gibt es deutlich mehr Tierarten als in Schleswig-Holstein – vor allem wegen der Alpen.

ZEITmagazin: Gibt es eine Schätzung, wie viele einzelne Wildtiere in Deutschland leben?

Haszprunar: Nein. Aber wenn Sie nicht nur die Wirbeltiere mitzählen, sondern auch Gliederfüßer, Insekten, Spinnentiere, Krebse und diverse Wurmgruppen, müssen es viele Milliarden sein.

ZEITmagazin: Trotzdem vergehen ganze Tage, an denen wir kein einziges davon zu Gesicht bekommen.

Haszprunar: Insbesondere die Stadtbevölkerung hat sich stark von der Natur entfernt, auch weil die Nahrungsmittelproduktion ausgelagert ist. Früher hat man Karnickel oder Tauben gehalten, ist in den Wald gegangen, um Beeren zu sammeln oder Holz. Und wenn man fernsehen wollte, hat man in den Himmel geschaut und die Schwalben beobachtet. Das Verhalten der Tiere gab den Menschen wichtige Hinweise: tief fliegende Schwalben als Vorboten eines Gewitters, die Ankunft der Störche für den Beginn des Frühlings. Man nahm sich selbst als Teil dieser Welt wahr.

ZEITmagazin: Wie geht es denn unseren tierischen Mitgeschöpfen?

Haszprunar: Es geht ihnen schlecht, das muss man einfach so sagen. Deutschlandweit gibt es immer weniger Arten und weniger individuelle Tiere – quer durch alle Tiergruppen. Die Insekten stellen über 90 Prozent unserer einheimischen Tierwelt, und sie stehen schwer unter Druck. Untersuchungen zeigen, dass wir nur mehr ein Viertel so viele haben wie vor 30, 40 Jahren. Gleichzeitig gibt es in Deutschland viele neu eingewanderte Tiere durch die Globalisierung, wie die Spanische Wegschnecke, die sich in Topfpflanzen von Spanien aus über ganz Europa verbreitet hat. Das dritte Phänomen ist, dass jetzt auch wärmeliebende Arten hier überleben. Trotzdem ist die Gesamtzahl der Tiere bei uns rückläufig.

ZEITmagazin: Gibt es Tiere, die typisch sind für bestimmte Gegenden in Deutschland?

Haszprunar: Viele Arten sind auf die Alpen beschränkt, der Steinbock oder das Schneehuhn zum Beispiel. Andere brauchen einen gewissen Salzgehalt in der Luft und sind deshalb nur an der Meeresküste zu finden, wie die Strandassel, ein Krebs. Oder sie brauchen gewisse Mindesttemperaturen, die es nur im Rheintal gibt: Dadurch, dass es sich von Süd nach Nord zieht, kann die Warmluft weit nach Norden fließen. Ein auffälliges Beispiel ist der Halsbandsittich, eine giftgrüne Papageienart, die vermutlich vor Jahrzehnten aus einer Voliere ausgebrochen ist und sich nun im Rhein-Neckar-Gebiet niedergelassen hat – allerdings nur in Städten, weil es dort besonders warm ist.

ZEITmagazin: Gibt es auch Tiere, die typisch sind für bestimmte Städte?

Haszprunar: Die Zwergdeckelschnecke, Sadleriana bavarica, ist eine kleine Wasserschnecke, die es nur in München gibt und sonst nirgendwo auf der Welt. Die nächsten Verwandten sind in Slowenien und Kroatien. Das lässt darauf schließen, dass sie vor der Eiszeit viel weiter verbreitet war. Warum sie gerade in diesem Bach überlebt hat, kann man nicht sagen, wahrscheinlich weil das ganze Jahr recht kühles Quellwasser verfügbar ist.

ZEITmagazin: Wo genau in München findet man sie?

Haszprunar: Im Stadtgebiet, in einem Nebenbach der Isar. Genauer sag ich’s nicht, denn dann ist sie fort. Es gibt Leute, die solche seltenen Schneckenschalen auf eBay anbieten.

ZEITmagazin: Wie viele Exemplare existieren noch?

Haszprunar: Vielleicht ein paar Hundert.

ZEITmagazin: Schauen Sie ab und zu nach ihnen?

Haszprunar: Meine Mitarbeiter schauen gelegentlich vorbei. Ich hab sie einmal gesehen, hier im Institut, im Glas, wo wir einige Exemplare mit Genehmigung gesammelt haben. Sie misst zwei bis vier Millimeter, ihr Haus ist spiralig, hellbraun mit einer halb durchsichtigen Schale.

ZEITmagazin: Ist es ein besonderes Gefühl, die Letzten einer Art zu sehen?

Haszprunar: Schon. Weil man sich bewusst ist: Wenn wir das jetzt zerstören, dann ist eine gesamte Tierart von diesem Planeten verschwunden.

ZEITmagazin: Wie viele Jahre geben Sie ihr noch?

Haszprunar: Solange das Ökosystem intakt ist, kann das noch viele Hundert Jahre so gehen. Es kann aber auch passieren, dass irgendein Zufallsereignis sie ausrottet, etwa ein blöder Unfall mit einem Laster, der Gift transportiert.

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