Harald Martenstein Über Deutschlands Image im Ausland

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ZEITmagazin Nr. 14/2017

Das deutsche Image im Ausland ruht bekanntlich auf vier Pfeilern: Fußball, Bier, Mercedes und Adolf Hitler. Außerdem gelten wir bei den anderen Völkern als besonders ordnungsliebend. Das sind Klischees. An Klischees ist oft was dran.

Ich zum Beispiel bin ein typischer Deutscher, ich mag Fußball, trinke Weizenbier und habe Geschichte mit dem Schwerpunkt "Nationalsozialismus" studiert. Außerdem habe ich jahrelang einen alten Mercedes gefahren, den ich am Ende, weil er sich weigerte, die Abgasnorm ordnungsgemäß zu erfüllen, an einen russischen Exporteur verkaufen musste.

Dann gab es in Europa keine Zinsen mehr. Ich habe Ersparnisse. Im Wirtschaftsteil stand, dass der Kauf von Oldtimern eine der letzten verbliebenen Möglichkeiten darstellt, Ersparnisse zu mehren. Oldtimer können, im Gegensatz zu Aktien, nicht im Wert sinken, es sei denn, man fährt sie gegen einen Baum. Also habe ich wieder einen alten Mercedes gekauft, ein rotes Cabrio. Dieses Auto ist ein Kulturdenkmal und schöner als Claudia Cardinale in ihren besten Zeiten.

In Berlin kann man so ein Auto nicht fahren, es würde sofort angezündet werden, in Namen der sozialen Gerechtigkeit. Sie haben in unserer Gegend aus Gerechtigkeitsgefühl sogar den alten BMW eines türkischen Gemüsehändlers angezündet. Wie kann man auf einen BMW neidisch sein? Da würde ich doch eher eine Beileidskarte unter den Scheibenwischer klemmen. Mercedes verhält sich zu BMW wie Maria Callas zu Nina Hagen.

Ich habe den Mercedes sofort an einem geheimen Ort in einer Garage versteckt. Regelmäßig gehe ich in die Garage und schaue ihn an, wie andere ihr Aquarium. Leider bin ich ein schlechter Autofahrer. Ich werde manchmal von der Polizei angehalten, weil ich zu langsam fahre und ein Hindernis darstelle. Sobald ich den Mercedes hatte, der beim kleinsten Druck auf das Gaspedal Geräusche macht wie ein in die Enge getriebener Grizzly, bekam ich Angst davor, dieses Auto zu fahren. Deutsche sind gute Ingenieure und Kolumnisten, aber sie sind oft ängstlich.

Autos sind ja auch ein kontroverses Thema in Deutschland, ein Auto schön zu finden sorgt für Unmut in Teilen der Bevölkerung. Wir leben zu einem großen Teil von der Autoindustrie, aber in der Politik wird über Autos geredet wie über Atommüll, die Ausländer sollen sie halt kaufen. Die Schotten machen den besten Whisky und finden das gut, trotz der Geißel Alkoholismus.

Vielleicht sollte ich nachts fahren, wenn die Straßen leer sind? Unser großer Bayernkönig Ludwig ist immer nachts mit dem Vierspänner durch Bayern gebrettert. Ich schaue abends Fußball, trinke ein deutsches Weizenbier, vor mir liegt als Pausenlektüre die sehr empfehlenswerte Hitler-Biografie von Konrad Heiden, aber an meinen Mercedes traue ich mich nicht heran.

Damit er nicht gestohlen wird, gibt es an einer versteckten Stelle einen winzigen Hebel. Wenn ich den umlege, ist der Mercedes so unbeweglich wie die Zugspitze. Um ganz sicherzugehen, habe ich den winzigen Hebel abgezogen und versteckt. Bevor es jemand schafft, diesen Mercedes zu stehlen, fängt Deutschland eher einen Atomkrieg an.

Damit ein Auto nicht vergammelt, muss es manchmal bewegt werden. Aber ich finde den Hebel nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich gedacht habe: "Super Versteck, kein Einbrecher wird das finden." Der Mercedes wird kaputtgehen, weil ich von all den deutschen Klischee-Eigenschaften die Ordentlichkeit leider nicht besitze.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

An vier Pfeilern mußt du sägen, lieber Kolumnist - über diese Brücken des "Deutschen" können Sie nicht gehen. Nehmen wir z.B. den "Fußball" - der ist doch nun wirklich englisch-schottisch konnotiert (wenn man die Azteken mal rausläßt ...). Im Deutschen Reich um 1900 haben die "deutschen" Turner sich heftig gegen die Art von undeutschem "Stauchball" gewehrt. Und wie ist es mit Bier? Das bekannteste heißt "Pils" (ein niederländischer König nassauisch-lippischer Herkunft ließ sich Prins Pilsje anfrotzeln) und heißt nach einem tschechischem Brauort (an "Einbeck" denkt doch keiner, wenn er ein Bock-Bier bestellt - und Kölsch ist gar kein Bier, sondern eine Thekengewohnheit im Stößchen). Ja, und dieser Markenname "Mercedes" - sollen wir mal die Patin richtig anreden?! "Mercédès Adrienne Manuela Ramona Jellinek", Tochter eines österreich-ungarisch-jüdischen Geschäftsmannes und seiner französisch-sephardischen Frau - welch eine Ironie der Auto-Götter, die den Braunauer (also entlaufenen beute-österreichischen) Zollbeamtensohn in einem solchen Gefährt am liebsten offen kutschiert werden ließen. Alles "Deutscher" als Deutsch - und den Hebel zum Öffnen von Klischees (alsbald zum Verzehr gedacht) finden Sie bestimmt auch noch ... Wie sagte ein baltischer Schachgroßmeister so richtig? "Vom Aufgeben hat noch keiner eine Partie gewonnen".
P.S. Ich muß gestehen - ich habe mich gegruselt: Ein rotes "Z+" verwehrte mir den Eingang; ich schaute mich um - wo sind sie denn, die MitforistInnen?

ein Auto schön zu finden sorgt für Unmut ,die Ausländer sollen sie halt kaufen.
Ganz meine Meinung.
Als junger Mann bin ich gerne über parkende Autos gelaufen.Da war dann jedesmal die Hölle los.Eine kleine Delle am Auto und man wird gelyncht.Mir hat auch noch niemand
erläutern können was an so´ner Blechkiste schön sein soll.
Schöner als Claudia Cardinale in ihren besten Zeiten.Nä,ne. Herr Martenstein.nee.das glaube ich Ihnen nicht.Das wäre ja eine totale Verirrung.usw.usf

"Unser großer Bayernkönig" ... oje, der geschätzte Autor meint tatsächlich den "Kini", den in der 6. Episode von "Kir Royal" darzustellen der verrückte Tycoon Karl-Gustav Banz sich unterfängt?! Groß nicht, lang schon (1,90 m) - nun ja, immer wieder werden in der Spotthistorie aus trüber Quelle Geschichten geschöpft von Mariechens (preußische Mutter Ludwigs II.) Flügeladjutant von der Tann (Unterfranke), der anstelle des wg. Syphilis zeugungsunfähigen König Max II. sich heimlicher Vaterfreuden unterziehen mußte. Das wiederum sei (so meinte der Monarchist Lohmeier) eine bösartige Verleumdungskampagne "vom KGB, der Stasi und der CSU" - was nun wirklich für Authentizität spricht. Aber des Kinis Großmutter Marianne war immerhin eine von den Homburger Hesseköpp - was das anheimelnde "unser" im HM-Text erklären könnte. Mein lieber Schwan, Neuschwanstein wäre also auch typisch "deutsch"? Nee, dann lieber noch "The Loreley Fountain" in der Bronx - dem großen Deutschen Heinrich Heine san "Mir Loyal".