Jane Birkin "Das meiste in Frankreich ist toll!"

ZEITmagazin Nr. 14/2017
Die Sängerin Jane Birkin über ihr Leben als Engländerin in Paris, ihre Beziehung zu Serge Gainsbourg und die wankende Weltordnung. Ein Interview von

Mitten in Paris, an einem Ort, der nicht genannt werden darf und den selbst Google noch nicht enttarnt hat, liegt der Showroom des amerikanischen Gitarrenherstellers Gibson. Von außen ist das Gebäude, so viel darf verraten werden, schwarz gestrichen. Es gibt kein Fenster und kein Hinweisschild, nur eine schwarze Fassade mit Tür und Klingel. Der Ort ist geheim, weil er auf zwei Etagen kostbarste Gitarren birgt, jede einzelne davon ein Kunstwerk. Berühmte Gitarristen schneien hier gern herein, um sich für Plattenaufnahmen und für ihre Konzerte mit Bands wie Black Sabbath oder Guns N’ Roses eines dieser Prachtstücke auszuleihen.

Diese geheime Schatzkammer ist aber auch ein guter Ort, um ungestört ein Interview zu geben. Kürzlich, an einem sonnigen Märznachmittag, hielt daher vor der schwarzen Eingangstür ein Taxi, dem zuerst eine keuchende Bulldogge entstieg und dann Jane Birkin. Ausschließlich an ihren behutsamen Bewegungen merkt man, dass die Schauspielerin, Sängerin und Stilikone mittlerweile auch schon siebzig ist. Ihr Haar mag verwuschelt und ergraut sein, aber sie sieht immer noch fabelhaft aus. Birkin war in den sechziger Jahren kurzzeitig mit dem Komponisten John Barry verheiratet, die Siebziger hindurch sehr öffentlich mit dem Musiker Serge Gainsbourg liiert und danach mit dem Regisseur Jacques Doillon zusammen. Jeder dieser Männer ist der Vater einer ihrer drei Töchter: Charlotte Gainsbourg und Lou Doillon wurden beide sowohl als Schauspielerin wie auch als Sängerin bekannt. Jane Birkins älteste Tochter, Kate Barry, war eine erfolgreiche Fotografin. Sie starb 2013 nach einem Sturz aus dem Fenster ihrer Wohnung.

Seit einigen Jahren ist Jane Birkins einziger ständiger Begleiter ihre Bulldogge, die auch während des Gesprächs laut schnaufend und keuchend um ihre Beine streicht.

ZEITmagazin: Frau Birkin, stimmt es eigentlich, dass Sie Ihren Namen nicht mögen?

Jane Birkin: Ja, er klingt einfach furchtbar: (im angeekelten Tonfall) Jane Birkin! Ich hätte gern Jane Mallory geheißen. Diesen Künstlernamen hatte sich meine Mutter für mich ausgedacht. Mein Vater bestand aber auf Birkin. Mallory wurde dann nur mein zweiter Vorname, und Birkin blieb. Das Schöne ist, dass es den meisten Franzosen schwerfällt, den Namen korrekt auszusprechen. Sie sagen "Biirkiin" oder "Dschänn Brkn" – das ist toll, herrlich abstrakt.

ZEITmagazin: Auch Ihre eigenen Platten hören Sie angeblich nicht so gern. Warum?

Birkin: Es ist Zeitverschwendung, sich mit eigenen abgeschlossenen Projekten zu beschäftigen. Ich schaue mir auch keine Filme an, in denen ich mitgespielt habe. Meiner Musik wünsche ich selbstverständlich ein Publikum, aber bitte ohne mich. Das neue Album habe ich meinen beiden besten Freundinnen vorab vorgespielt, und sie waren sichtlich bewegt. Das reicht mir.

ZEITmagazin: Für die Platte "Birkin/Gainsbourg: Le Symphonique" haben Sie Lieder Ihres ehemaligen Lebensgefährten Serge Gainsbourg mit einem Orchester eingespielt. Klassiker, die Sie seit Jahrzehnten in Konzerten aufführen und mit deren Interpretationen Sie auch bereits einige Alben gefüllt haben. Was treibt Sie immer wieder zurück zu Gainsbourgs Musik?

Birkin: Es sind auch meine Lieder, weil er viele davon ausdrücklich für mich geschrieben hat, die meisten sogar. Abgesehen davon ist es einfach sagenhaft tolle Musik, immerhin war Serge einer der größten französischen Dichter und Songwriter überhaupt. Es ist ein Erbe, das ich verwalten und am Leben halten möchte. Dabei spielt es keine Rolle, dass ich ihn verlassen habe. Und ich wiederhole: Ich habe ihn verlassen. Aber nachdem ich Serge verlassen hatte, schrieb er noch schönere Lieder für mich. Kein Wunder, denn seine besten Songs schrieb er über das Unglücklichsein.

ZEITmagazin: Sie haben auch mal eine Platte mit eigenen Songs veröffentlicht.

Birkin: Ja. Und die war gar nicht so schlecht. Aber eben auch nicht wirklich gut. Danach verspürte ich jedenfalls keine Sehnsucht, das zu wiederholen – was vielleicht daran lag, dass die Platte nicht besonders erfolgreich war, vielleicht aber auch daran, dass ich mit dieser Platte alles gesagt hatte, was ich mit eigenen Songs zu sagen hatte. Mit dem neuen Album schließt sich ein Kreis: Serge arbeitete viel mit klassischer Musik, und mit der bin auch ich aufgewachsen. Mein erster Mann, der Komponist John Barry, hörte nur Klassik. Er brachte mich auf Gustav Mahler, dessen Musik ich immer noch mehr liebe als alles andere.

ZEITmagazin: Das ist auch eher sperrige und düstere Musik, oder?

Birkin: Und ebendeshalb, weil sie so düster ist, ist Mahler mein Lieblingskomponist. Mich bewegt diese Finsternis sehr. Ich hatte sogar mal Ärger mit der Polizei wegen Mahler. Da fuhr ich in meinem Auto, hörte sehr laut seine Fünfte Sinfonie und war so bewegt, dass ich gar nicht bemerkte, wie ich an einem Polizeiwagen entlangschrammte. Das war ein Mannschaftswagen mit sehr vielen Polizisten darin. Einer von ihnen sprang heraus und fragte mich fassungslos, was mit mir los sei. Mahler ist schuld, sagte ich und lud den Chef der Truppe in mein Auto ein. Wir lauschten dann eine Weile gemeinsam Mahlers Musik, sehr laut. Er war dann so gerührt und bewegt, dass er mich einfach weiterfahren ließ.

ZEITmagazin: Hören Sie zu Hause auch so laut Musik?

Birkin: Nein, nur im Auto. Wie alle alten Leute höre ich zu Hause in meiner Wohnung eigentlich nur noch Radio. Ich lebe ja auch allein, mal abgesehen von meinem Hund. Im Radio laufen oft interessante Beiträge, die mich darauf bringen, welche Ausstellungen, Kinofilme oder Theaterstücke ich sehen will. Ich gehe dreimal pro Woche ins Theater.

ZEITmagazin: Vor drei Jahren haben Sie einen schweren Schicksalsschlag erlitten, den Tod Ihrer ältesten Tochter. Haben Theater, Ausstellungen und Kino Ihnen in der Zeit danach geholfen?

Birkin: Kunst kann einem helfen, solche Situationen zu überstehen. Als es mir wirklich ganz schlecht ging, blieb mir allein das Kino als Zufluchtsort. Ich ging bis zu dreimal am Tag ins Kino.

ZEITmagazin: Dreimal pro Tag?

Birkin: Nicht immer so oft, aber manchmal schon, und zwar immer in Begleitung meiner besten Freundin. Die Geschichten anderer Leute lenkten mich von meiner eigenen ab. Abends war ich dann auch oft im Theater. Die übrige Zeit habe ich mich zu Hause verbarrikadiert. Aber nach zwei Jahren, die ich allein verbracht hatte, wurde mir klar, dass ich wieder mehr unter Menschen sein muss. Das war eine gute Ausrede dafür, mal wieder auf Tournee zu gehen. Und so kam mir dann auch die Idee zu dem neuen Album.

ZEITmagazin: Vor ein paar Wochen, am 2. März, jährte sich zum 26. Mal Serge Gainsbourgs Todestag. Schalten Sie auch an solchen Tagen das Radio ein?

Birkin: Der 2. März ist natürlich immer sehr emotional für mich. Seit Serges Tod hat seine Popularität in Frankreich ja noch zugenommen. Seine Songs sind auch an normalen Tagen schon sehr oft im Radio zu hören, aber an seinem Todestag gibt es wirklich kein Entkommen, da ist er allgegenwärtig. Früher habe ich um diesen Tag herum manchmal das Land verlassen, um meine Ruhe zu haben. Dieses Jahr war ich am 2. März für einen Auftritt in Hongkong. Dort hörte ich seine Songs zwar nicht im Radio, sang sie aber selbst auf der Bühne. Das war auch aufwühlend, irgendwie habe ich das dann allerdings hinbekommen. Was ich am Radiohören mag, ist das Gefühl, zu wissen, was in der Welt los ist.

ZEITmagazin: Schlagen Ihnen die Nachrichten in diesen Zeiten nicht auch aufs Gemüt?

Birkin: Es ist alles furchterregend. Auch hier in Frankreich.

ZEITmagazin: Sie sind geborene Britin. Würden Sie Frankreich verlassen, falls Marine Le Pen gewinnen sollte?

Birkin: Nein, das ist ausgeschlossen. Wenn Le Pen an die Macht kommt, muss ich hier in Frankreich Widerstand leisten. Ich liebe das Land zu sehr, um mich sofort aus dem Staub zu machen, wenn es mal ungemütlich wird. Das meiste hier ist doch toll! Die Grundhaltung in Frankreich ist eher links. Das passt gut zu mir. Wenn es mal eng wird, muss man eben helfen.

ZEITmagazin: Ihr Vater David Birkin war ein britischer Offizier, der im Zweiten Weltkrieg die französischen Widerstandskämpfer unterstützte. Haben Sie von ihm Ihre Liebe zu Frankreich geerbt?

Birkin: Es stimmt, mein Vater liebte Frankreich. Und vielleicht bin ich auch deshalb so glücklich hier. Mein Vater ist gegen inakzeptable Verhältnisse vorgegangen, das zeichnete ihn aus. Er sorgte im Krieg dafür, dass heimlich in Frankreich gelandete Fallschirmjäger auf Dachböden und in Kellern versteckt wurden. Das war eine bravouröse Leistung, denn jeder, der so einem Soldaten Unterschlupf gewährte, riskierte sein Leben. Und es gibt immer Nachbarn, die genau darauf achten, wie viele Eier in einem Haushalt verbraucht werden, und die sich wundern, wenn ein Paar mit nur einem Kind plötzlich auffallend viel Müll rausträgt. Ich weiß, wie es ist, wenn man beobachtet wird, so sind nun mal die Menschen. Die Generation meines Vaters hat drastische Erfahrungen gemacht, die in Vergessenheit zu geraten drohen. Zu viele junge Menschen halten es für selbstverständlich, dass unsere Welt in Ordnung ist. Dabei wankt die Weltordnung: Trump! Brexit! Le Pen! Furchtbar. Ich lebe in Paris im 5. Arrondissement, in der Nähe der Universität, eine sehr angenehme Umgebung. Trotzdem schleichen sich auch in mein Leben zunehmend düstere Gedanken ein.

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