Die großen Fragen der Liebe Warum verliebt sie sich in den Typ Mann, vor dem ihre Mutter sie gewarnt hat?

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ZEITmagazin Nr. 14/2017

Die Frage: Mit 18 Jahren erlebt Anna genau die Liebe, die ihre Mutter ihr ersparen wollte: Manuel ist 33, das zweite Mal verheiratet, Vater. Er behauptet, sie zu lieben, aber von seiner Frau will er sich nicht trennen. Anna denkt: Was für ein Klischee – aber bei uns ist es ganz anders. Nach einiger Zeit fragt sie sich: Warum habe ich mich auf etwas eingelassen, was mich so viel Kraft und Zeit kostet, obwohl ich doch wissen müsste, dass es nicht gut ausgehen wird? Wenn er bei mir ist, betrügt er seine Frau mit mir; wenn er nicht bei mir ist, betrügt er mich mit seiner Frau. Für Anna mischen sich die schönsten und die unangenehmsten Gefühle. Aber wenn Manuel beteuert, dass er nur sie liebt, kann er sie doch nicht im Stich lassen und mit seiner Familie in Urlaub fahren!

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wenn sich eine Achtzehnjährige in einen Mann verliebt, der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat und eine zweite Familie gegründet hat, wird sie wahrscheinlich darauf vertrauen, dass der erfahrene Partner weiß, was er tut. Aber hinter dem Nebel der großen Liebe verbergen sich Manuels Wünsche nach sexueller Selbstaufwertung. Er will Anna nicht als Partnerin, sondern als Droge, die ihm hilft, seine Entscheidungsschwäche zu vergessen. Vermutlich haben die Warnungen der Mutter, sich nie mit einem gebundenen Mann einzulassen, in Anna einen unbewussten Trotz geweckt. Deshalb ist es für sie jetzt doppelt schwer, sich Manuel zu entziehen. Wenn eine Beziehung, vor der wir gewarnt worden sind, zu scheitern droht, halten wir besonders stark an ihr fest, da wir es den Ratgebern nicht gönnen, recht behalten zu haben.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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