Gesellschaftskritik Über die Optik von Politikern

© Michael Gottschalk/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 14/2017

Gibt es eigentlich eine Formel, wie Politiker aussehen müssen, um Erfolg zu haben? Martin Schulz zum Beispiel. Keiner hat je ein Programm von ihm gelesen, geschweige denn sich in die Feinheiten seiner politischen Vergangenheit eingearbeitet. Egal: Der Mann sieht genauso aus, wie man sich einen Kämpfer für die Entrechteten vorstellt.

Zum Beispiel dieses Bild vom Parteitags-Wochenende, Arm in Arm mit zwei Parteigenossinnen, gemeinsam einer besseren Zukunft entgegen. Im Hintergrund Backsteinwände (ein stillgelegtes Stahlwerk?), dazu das zuzzelige Haar, das aussieht, als hätte er es sich bei nächtelangen Ortsvereinssitzungen in den Räumlichkeiten der AWO ruiniert. Genau der Typ, nach dem sich Deutschland nach Jahrzehnten des Turbokapitalismus sehnt. Ergebnis: größter Hoffnungsträger der SPD seit Ewigkeiten.

Allerdings funktioniert das Prinzip "optische Verstärkung des Partei-Image durch Spitzenkandidaten" nicht immer: Der strengen, von den herrschenden Verhältnissen ernsthaft genervt wirkenden Sahra Wagenknecht traut man die sofortige flächendeckende Einführung der Zentralverwaltungswirtschaft zu, weshalb sie nie an die Macht kommen wird. Und auch die Kombination aus dem smarten Christian Lindner und der FDP wirkt einfach nur furchteinflößend, während derselbe Mann bei den Grünen erfrischend unideologisch wirken würde. Ähnlich wie Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident im Rollenfach des rüstigen Rentners von der Schwäbischen Alb, der für die baden-württembergische Mittelschicht deshalb wählbar war, weil er ihr zwar das gute grüne Gefühl gab, aber gleichzeitig nicht so aussah, als wolle er ernsthaft etwas verändern; ein Kunststück, das ihm jetzt auf Bundesebene Göring-Eckardt, verkleidet als Kirchentagsteilnehmerin, und Cem Özdemir, verkleidet als Gentleman, nachmachen wollen, was bei ihnen aber aus irgendeinem Grund nicht funktioniert.

Wahrscheinlich geht die Formel einfach so: Wenn eine Partei tun soll, wofür sie eigentlich steht, braucht sie einen Kandidaten, der dem Parteiklischee entspricht (Schulz, Seehofer). Wenn das Volk will, dass sie das tut, wofür sie eigentlich steht, aber auch ein bisschen das Gegenteil davon, kommen optische Hybridformen besser an (Merkel, Schröder, Fischer). Ist das oberflächlich? Ja. Aber so sind wir Wähler. In den nächsten Wochen werden wir uns dann intensiv mit den Wahlprogrammen beschäftigen – versprochen!

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