© Herlinde Koebl

Das war meine Rettung "Ich bin das trotzige Kind geblieben"

Der deutsch-iranische Schriftsteller Said war im Exil oft verzweifelt – die deutsche Sprache half ihm. Von
ZEITmagazin Nr. 14/2017

ZEITmagazin: Said, Sie sind im Iran geboren, mussten aber mit 17 Jahren vor dem Schah-Regime fliehen und leben nun mittlerweile seit 52 Jahren in München. Sie bezeichnen sich selbst als Kompositum. Aus welchen Teilen bestehen Sie?

Said: Ein Teil dieses Kompositums sind meine beiden Sprachen, Persisch und Deutsch, und damit auch die beiden Länder Iran und Deutschland. Ich habe meine Kindheit im Iran verbracht, mit Bildern, Geräuschen, Gerüchen und Lauten, die ich später in Deutschland kaum wiederfand. Deshalb betrachte ich mich als ein Kompositum aus zwei Versatzstücken. Ganz lapidar: Mein Zuhause ist München, aber die Heimat bleibt der Iran.

ZEITmagazin: Sie tragen das Bundesverdienstkreuz und sind deutscher Staatsbürger. Und trotzdem ist Deutschland nicht Ihre Heimat.

Said: Ich bezeichne mich als heimatlos, weil ich stets auf der Suche bin. Das beflügelt meine Kreativität. Wenn ich fündig würde, wäre ich im besten Sinne des Wortes assimiliert. Das bin ich aber nicht. Wenn ich krank bin, will ich Persisch lesen, wenn ich müde bin, würde ich gerne Persisch sprechen. Durch das lange Exil bekommt man ein Gespür für die Zwischentöne, das will ich nicht verlieren.

ZEITmagazin: Sonst könnten Sie nicht mehr über Ihre Themen schreiben?

Said

69, kam als Student aus Teheran nach München. Nach dem Sturz des Schahs 1979 kehrte er kurz in seine Heimat zurück, ging dann aber ins deutsche Exil. Said ist ein Pseudonym, zuletzt erschien auf der suche nach dem licht (Verlag Peter Hellmund).

Said: Ich bin ein Fremder und habe keine andere Wahl. Meine eigentliche Heimstätte ist die deutsche Sprache. In den Jahren der totalen Einsamkeit war das meine einzige Rettung. Ich merkte, dass ich meine Empfindungen niederschreiben kann, in einer Sprache, die mich nicht ablehnt. Besonders in den Jahren nach der Islamischen Revolution im Iran, die der größte Schlag in meinem Leben war, wäre ich ohne die deutsche Sprache völlig verloren gewesen. Ich hatte die Möglichkeit, zuerst mit Notizen und Gedichten meine inneren Regungen und Ansichten in dieser Sprache aufs Papier zu bringen – zur Erleichterung meiner Seele.

ZEITmagazin: Sie haben einmal geschrieben, dass Sie ein verwöhntes, verwahrlostes Kind waren. Ihre Mutter wurde von Ihrem Vater kurz nach der Eheschließung wieder geschieden und musste Sie dann abgeben. Sie sind deshalb bei Ihrer Großmutter aufgewachsen. Wie war das für Sie?

Said: Ich fühlte mich verwahrlost, weil ich die Zärtlichkeit, die ein Kind braucht, nie bekommen habe. Mein Vater war Offizier und sehr distanziert zu mir, und er war oft unterwegs, praktisch die ganze Kindheit habe ich ohne ihn verbracht. Die Großmutter hat mir dafür eine Zuwendung geschenkt, die mir absolut widerwärtig war. Ich wurde verwöhnt, weil ich ein Einzelkind war und sie mich abgöttisch liebte. Gerade dadurch aber malträtierte sie mich. Es gab keine Ecke, wohin ich mich zurückziehen konnte.

ZEITmagazin: Ihre Mutter haben Sie erst kennengelernt, als Sie 41 waren.

Said: Ja, ich durfte nicht mehr in den Iran, und meine Mutter bekam kein Visum für Deutschland. Mein Halbbruder lebt in Toronto, er hat unser Treffen arrangiert. Mein Vater hat nie mit mir über meine Mutter geredet, und meine Großmutter hat behauptet, dass sie mich verlassen hätte. Richtig geladen bin ich zu ihr hin. Und dann erfahre ich, dass es andersrum war. Als ich meine Mutter sah, habe ich begriffen, welch eine Ungerechtigkeit ihr geschehen ist. Der Hass war sofort weg. Trotzdem war es, als ob wir beide beschlossen hätten, einander nicht zu nahe zu kommen. In den drei Wochen der Begegnung hat sie mich entweder angefasst oder angeschaut, aber nicht beides zugleich. Trotzdem glaube ich, dass die Begegnung vieles in mir gelöst hat. Ich bin dadurch weicher geworden.

ZEITmagazin: Sie schrieben: "Ich habe gebetet, Mutter, dass du so wärest, wie man sein müsste, um mich zu lieben." Wie muss man sein, um Sie zu lieben?

Said: Wenn jemand mit Strenge daherkommt, mache ich zu. Ich bin nicht zivilisierbar und nicht erziehbar. Ich bin das trotzige Kind geblieben. Manchmal reagiere ich so trotzig, dass meine Freunde mir hinterher erzählen: Wir haben dich ausschreien lassen, weil wir wissen, dass du dich nach zwei Stunden wieder beruhigst. Ich bin sogar ein bisschen stolz darauf, dass ich letztlich nicht kompatibel bin.

ZEITmagazin: Sie gaben sich selbst den Namen Said, was "der Glückliche" bedeutet. Sind Sie glücklich?

Said: Ich habe eine Reihe von Büchern geschrieben, die beachtet worden sind. Und am Ende eines Lebens, in dem ich stets nach Gerechtigkeit gesucht habe, habe ich diese zwar nicht gefunden, ich bin aber auch nicht unglücklich. Meine Form von Glücklichsein ist, dass ich die Erwartungshaltung an das Unbedingte hinter mir gelassen habe und die Dinge annehme.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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