Ich habe einen Traum Sienna Miller

"Intimste Details aus meinem Privatleben wurden in die Öffentlichkeit gezerrt"
© Anatol Kotte
ZEITmagazin Nr. 14/2017
Sienna Miller

35, ist in New York geboren und in England aufgewachsen. Sie war ein erfolgreiches Model, bevor sie sich auch als Schauspielerin einen Namen machte. Miller spielt eine Hauptrolle in dem Abenteuerfilm Die versunkene Stadt Z, der jetzt in deutschen Kinos zu sehen ist

In meinem eindringlichsten Traum werde ich entführt und in einer Art Kapsel gefangen gehalten. Gesichtslose Wesen ziehen meine Erinnerungen direkt aus meinem Kopf heraus und verarbeiten sie zu kleinen Häppchen, wie Schokoriegel. Diese Snacks verteilen sie an fremde Menschen. Jeder kann davon essen, von meinen Erinnerungen, von meinen Erfahrungen, von meinem Leben – es ist alles zum Verzehr freigegeben. Ein schrecklicher Albtraum, der mit Erlebnissen aus meiner Vergangenheit zu tun hat. Damals wurde ich von Paparazzi verfolgt, ein britisches Boulevardblatt zeichnete meine Telefonate auf und verbreitete die Inhalte. Intimste Details aus meinem Privatleben, auch meine Gefühle, wurden in die Öffentlichkeit gezerrt. Es war eine schreckliche Zeit, die sich wohl in diesem Traum niedergeschlagen hat.

Trotz dieser Erfahrung würde ich mein Leben aber als traumhaft bezeichnen. Vielleicht weil ich krankhaft optimistisch bin. Schon als kleines Mädchen träumte ich davon, Schauspielerin zu sein. Mein Vater hat mich oft gefragt, wie mein Notfallplan aussehe, schließlich sei eine Schauspielkarriere nicht planbar. Ich hatte keinen Notfallplan und wollte auch keinen. Meine Fixierung auf den Schauspielerberuf hat mir gute Dienste geleistet. Zu viele Wahlmöglichkeiten können auch lähmend wirken, das erleben ja heute viele junge Menschen. Ich bin in jedes Vorsprechen mit der festen Überzeugung gegangen, dass ich gute Chancen auf die Rolle habe.

Diese Selbstsicherheit und diesen Ehrgeiz habe ich heute allerdings nicht mehr, meine Beziehung zur Arbeit hat sich verändert. Nicht zuletzt durch meine Tochter habe ich gelernt, mein Ego beiseitezuschieben und mich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren.

Eigentlich beschäftige ich mich ungern mit der Zukunft. Ich widme meine Aufmerksamkeit lieber der Gegenwart. Oder der Vergangenheit, ich bin sehr nostalgisch. Und trotzdem: Es ist beängstigend, wenn man ein kleines Kind hat und sich nicht vorstellen kann, wie die Welt, in der es leben muss, in zehn Jahren aussehen wird. In einer Zeit, in der die ganze Menschheit verrücktspielt und heillos zerstritten ist, hoffe ich auf ein Umdenken. Darauf, dass wir lernen, Egoismus, Gier, Ausgrenzung und Hass zu überwinden. Wie gesagt, ich bin wirklich krankhaft optimistisch.

Seit einiger Zeit träume ich von Beständigkeit. Mein Job ist unberechenbar, oft fühle ich mich entwurzelt und ruhelos. Noch ist es mir aber nicht gelungen, den Ort zu finden, an den ich gehöre, und das Leben zu führen, in dem ich mich wirklich angekommen fühle. Ich sehne mich zum Beispiel nach Routine. Deshalb erleichtert mich die Vorstellung, dass meine Tochter bald in die Schule geht. Ich träume davon, mein Leben zu vereinfachen und mehr Kontrolle zu haben. Und nicht – wie bisher – alles geschehen zu lassen. Ach ja, meine Tochter träumt von Geschwistern. Auch ein schöner Traum.

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