Harald Martenstein Über Inflation und Gerechtigkeit

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ZEITmagazin Nr. 15/2017

Mit 16 Jahren habe ich ein Konto bei der Sparkasse eröffnet. Seit frühester Jugend spare ich. Ich bin wirklich ein Vollidiot.

Martin Schulz sagt, in Deutschland geht es ungerecht zu, sein Lieblingsbeispiel sind die Managergehälter. Ich bin eigentlich gegen Neid, man muss auch gönnen können. Aber Martin Schulz zwingt mich ja praktisch zu einer Neiddebatte. Ein EU-Beamter kriegt bis zu 10.200 Euro Pension, dafür muss ein Durchschnittsverdiener ein paar Hundert Jahre arbeiten. Ich bin mir nicht sicher, ob "gerecht" da das richtige Wort ist.

Jahrelang haben sie uns gesagt, wir sollen privat für das Alter vorsorgen und sparen. Ich habe eine Frage an alle Gerechtigkeitsexperten. Wenn ein Mensch sein Leben lang gearbeitet und Steuern gezahlt und am Ende, sagen wir, 100.000 Euro gespart hat, indem er auf Verschiedenes verzichtete, fürs Alter, und nun werden ihm pro Jahr 2.000 Euro weggezaubert – inwiefern ist das gerecht? Ich kann da die Gerechtigkeit nicht erkennen. Wenn die Inflation bei zwei Prozent steht und die Europäische Zentralbank die Zinsen bei null Prozent festschraubt, dann passiert mit den Ersparnissen genau das.

Sie sagen: aus europäischer Solidarität. Aus Solidarität werden sowieso jedes Jahr Milliarden von den reicheren an die ärmeren Länder verlagert, dagegen habe ich nichts. Mit den Nullzinsen aber soll es den verschuldeten EU-Ländern erleichtert werden, weiterhin Schulden zu machen, darum geht es doch hauptsächlich. Diese Regierungen machen Schulden mithilfe von Geld, das sich vorher auf deinem und meinem Sparbuch befunden hat und nun dort ist, wo es gerechterweise offenbar hingehört, zum Beispiel in der Wahlkampfkasse von Alexis Tsipras. Klar, das ist billige Polemik. Teure Polemik kann ich mir als Sparer leider nicht mehr leisten. Was mich rasend macht, ist dieses Gefühl vollkommener Ohnmacht. Wenn irgendeine Regierung die Sparer ganz offen enteignen würde, dann wäre sie bald weg vom Fenster. Das gäbe einen Aufstand der Anständigen. Aber den Herrn Draghi kann ich so wenig abwählen wie Dauerregen im Juni. Wenn bei uns eine Regierung gewählt wird, die sagt, es ist ein soziales Verbrechen, zu sparen, das wird weggesteuert, dann ist das halt Demokratie. Herr Draghi fällt bei mir unter "Feudalismus". Der König wollte Hochzeit feiern, da gingen früher seine Soldaten zu den Bauern und nahmen denen von ihren fünf Kühen eine Kuh fort, Begründung: Solidarität mit dem König.

Man soll Aktien kaufen, steht im Wirtschaftsteil. Dann wäre im Falle eines Crashs natürlich alles weg. Sie sagen, Quatsch, es kommt schon kein Crash. Dies sagen Leute, die von sämtlichen Crashs der letzten Jahrzehnte vollkommen überrascht wurden! In der ZEIT stand: Zinsen sind kein Menschenrecht. Was ist denn das für ein Argument? Fahrradwege stehen auch nicht im Katalog der Menschenrechte. Nur das Schuldenmachen scheint ein Menschenrecht zu sein. Und das Recht auf Leben natürlich! Die Todesstrafe für Sparer wird nicht mal Draghi einführen, immerhin.

Mir hat noch kein Manager in die Tasche gegriffen und direkt was weggenommen, aber diese Satansbank tut es. Wenn ich wenigstens davon überzeugt wäre, dass die Menschen in den armen Ländern was davon haben. Aber schon ein flüchtiges Blättern im Geschichtsbuch lehrt, dass übermäßiges Schuldenmachen noch jedes Land früher oder später in den Zusammenbruch geführt hat. Das heißt, mit den zwei Prozent Euro-Soli leistet jeder deutsche Sparer seinen persönlichen Beitrag dazu, die totale Pleite der Schuldenländer ein wenig zu beschleunigen.

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Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Herr Martenstein,
bisher fand ich Ihre Beiträge amüsant, dieses Mal übertreiben Sie gewaltig.
Den Herrn Draghi können Sie nicht abwählen, genauso wenig wie Sie je die Vorstände der Bundesbank haben abwählen können.

Letzteren hätte man genauso über Jahrzehnte vorwerfen können, sie hätten Immobilienbesitz von Millionen Deutschen - und damit Alterssicherung - verhindert, weil sie die Zinsen hoch gehalten haben.

Ich danke Herrn Draghi dafür, dass er uns Deutschen endlich aufzeigt, dass Sparen nicht nur aus Zinsen auf Sparbüchern besteht sondern auch aus Immobilien und gestreuten Unternehmensanteilen. Das wussten hierzulande bisher offenbar nur diejenigen, die es zu Wohlstand gebracht haben.

"Einen Blick nach dem Grabe seiner Habe" (Schiller, Die Glocke) - sollten Sie nicht, lieber Kolumnist, wie ein besonnener Familienklassiker reagieren ("greift fröhlich dann zum Wanderstabe", ebd.) und die Häupter Ihrer Lieben zählen?! Stattdessen geben Sie den niedergeschmetterten Romantiker und Jägerburschen Max im Abgrund der Euro-Drachen..., äh, Wolfsschlucht: "Herrscht blind das Schicksal? Lebt kein Gott? Mich faßt Verzweiflung, foltert Spott!" (C.M.v.Weber, Der Freischütz). Warum jetzt die Bildungshuberei? Aus dem Prinzip der Subsidiarität heraus. Mit Entsetzen lese ich nämlich, wie man Sie schon in post-ordo- oder auch praeterpropter-neoliberalen Kreisen als "ökonomisch bildungsfernen Feuilleton-Kolumnisten" (Th. Fricke, SPON, soeben) schmäht, den das Leben bestraft, weil er zu spät gekommen ist (ehem. sowjetischer Parteichef).
Und wo bleiben Ihre MitstreiterInnen? Was tut sich auf dem Forum, wo früher (wie weiland F.Romanum) das Volk seine versammelte Sprüchemacht übte ("wilder Stürme rauhes Bette") oder wenigstens doch (wie verliebte Artikel-KommentaristInnen) "errötend folgt er ihren Spuren und ist von ihrem Gruß beglückt" ... Nichts - ... und wurden zerstreut in alle Winde (1. Buch Mose). Nach dem Turmbau zu Babel harrte dort nur aus der kleine Stamm der AbonnentInnen. Die Kommunikation war in das schmollende Exil gewandert - "heute schreiben wir in die leere Luft" (Feuchtwanger 1939). Wollen Sie wirklich einsam auf der Zippora stehen, lieber Kolunnist?

(ei verflixt ... "Zippora" geschrieben - wahrscheinlich zuviel Jethro Tull gehört - und an Moses gedacht, dessen Ehefrau Z. war. Gemeint ist natürlich die "Zikkurat", der babylonische Tempelturm).
Wenn wir schon bei Bedeutungen alter Wörter sind: "Feudalismus", jaja, kommt von fe-odum, Viehbesitz. Dummerweise ist Feudum der Terminus technicus für mittelalterliche Lehen, die natürlich nicht einfach so vom Lehnsherrn wieder eingezogen werden durften; für Streitfälle gab es das Lehnsrecht und die Lehnsgerichte. Was Sie beschreiben, lieber Kolumnist, nannte man altfränkisch "stalachia", eines dieser beliebten mittellateinischen Hybridwörter auf -agium (s. Frank Sinatra: "Love and marriage, they go together like a horse and carriage"), also wörtl. "Stallsuchung". Viehraub wiederum steht in Titel 14 der Lex Salica unter "Bandenüberfall" und wurde aufs schärfste geahndet - noch das Soester Nequam-Buch (14.Jh., Register für Verbrecher und Missetäter) sieht hierfür u.a. die Einäscherung des Anwesens der Gesetzesbrecher vor. Wollen Sie wirklich die EZB anzünden?! Mal abgesehen davon, daß Könige, die sich so benahmen, von ihren selbstbewußten Vasallen (freie Leute!) verlassen wurden ... Nein, wenn ein Herrscher klamm war, dann traf es solche, die es hatten (keine hörigen Bauern). Als König Jean le Bon 1360 aus englischer Geiselhaft ausgelöst werden sollte, brauchte er 500.00 Gold-Scuta (richtig, Écu bzw. Escudo). Das ging nur durch Umlage - voilà, neuer Franc à cheval, der Franken ...