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Das war meine Rettung "Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Begeisterung heilt"

Nachdem Bertrand Tavernier eine Krebsdiagnose erhielt, misstraute er der Empfehlung des Arztes. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

ZEITmagazin: Monsieur Tavernier, Sie zählen zu den bekanntesten französischen Filmemachern. Gab es abseits Ihrer vielen Erfolge auch schwierige Zeiten, in denen Sie nicht weiterwussten?

Bertrand Tavernier: Aber ja, beispielsweise wenn ich Geld für Filme beschaffen musste und immer wieder scheiterte. Eine sehr schwierige Zeit war es auch, als ich den Film Mord in Louisiana mit Tommy Lee Jones drehte. Es gab Meinungsverschiedenheiten mit dem amerikanischen Produzenten, und es kam zu einem langwierigen Streit. Ich finde es unglaublich, dass der Film nie in die amerikanischen Kinos gekommen ist. Auch bei meinem aktuellen Film Voyage à travers le cinéma français gab es Schwierigkeiten – und dann erfuhr ich plötzlich, dass ich Krebs habe.

ZEITmagazin: Wie haben Sie davon erfahren?

Tavernier: Es war bei einer Routineuntersuchung, die ich schon vor vielen Jahren hätte machen sollen, ich war aber immer zu träge. Als die Ärzte Darmkrebs diagnostizierten, war das ein sehr schwieriger Moment für mich. Wir haben einen Experten konsultiert, den meine Frau ablehnte, weil er meinte, ich solle eine Chemotherapie machen, das sei eigentlich nichts Schlimmes. Meine Frau fand jedoch heraus, dass eine derartige Behandlung viele Nebenwirkungen hat. Darum suchten wir einen anderen Arzt auf, der anstelle von Bestrahlungen eine sofortige Operation empfahl. Das war für mich letztlich die Rettung. Einige Ärzte sagen dir zwar, eine Chemotherapie sei harmlos, aber das ist schlicht unwahr.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst vor den Bestrahlungen?

Tavernier: Ja, die Vorstellung hat mich sehr erschreckt, denn ein bekannter Arzt hat bei meiner Mutter mit einer Strahlentherapie einen kleinen Tumor im Hals behandelt und die Stelle dabei derart stark verätzt, dass sie nicht mehr schlucken konnte. Der Arzt gab später zu, es übertrieben zu haben. Mein Gott, sagte ich ihm, Sie müssten dazu verurteilt werden, mit meiner Mutter zu leben, so wie wir. Meine Mutter liebte es, zu essen und zu trinken, aber sie konnte es nicht mehr. Ihre letzten Tage waren schrecklich.

ZEITmagazin: Sie haben sich also für eine Operation entschieden.

Tavernier: Die OP dauerte elf Stunden. Ich dachte danach, ich müsste die Arbeit an meinem Film stoppen, aber meine Frau hat mich fantastisch unterstützt. Eines Tages habe ich beschlossen, daran weiterzuarbeiten, und die Begeisterung kam zurück. Die Ärzte meinten, dass ich mich dank meiner Leidenschaft und Energie drei Monate schneller als erwartet erholt hätte.

ZEITmagazin: Kann Leidenschaft den Heilungsprozess beschleunigen?

Tavernier: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Begeisterung heilt. Sie half mir aus meiner Situation heraus und gab mir die Kraft, schneller wieder arbeiten zu können, also trotz der Schwere der Krankheit keine Zeit zu verlieren. Anne Berger, eine wunderbare Ärztin am Georges-Pompidou-Krankenhaus in Paris, sagte mir, die psychische Einstellung könne 70 Prozent eines Heilungsprozesses ausmachen. Sie war selbst überrascht, wie schnell und gut alles bei mir verlaufen ist.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst vor dem Tod?

Tavernier: Bevor ich mich entschied, mich operieren zu lassen, hatte ich definitiv Angst zu sterben. Danach nicht mehr. Ich hätte sicher sehr viel mehr Angst empfunden, wenn man mir gesagt hätte, ich würde leiden müssen bis zum Tod – aber ich hatte die Hoffnung zu überleben. Mehr im Scherz fragte ich meine Ärztin, ob ich die Operation überstehen würde. Sie meinte: "Wenn es Leberkrebs wäre, wüsste ich es nicht. Aber in Ihrem Fall bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie das überleben werden." Ich mochte ihre direkte Art. Sie war jeden Morgen um neun Uhr da und verließ das Krankenhaus nicht vor 23 Uhr. Ich bewundere sie sehr. Sie steht für das Beste, was der öffentliche Dienst leisten kann. Leidenschaft, die ich bei Politikern sehr oft vermisse.

ZEITmagazin: Wie konnten Sie in einer solchen Situation überhaupt Ihren Humor bewahren?

Tavernier: Du hast eine Hoffnung, und wenn du an dich glaubst, dich nicht hängen lässt, dann findest du auch wieder zurück zu deiner Leidenschaft. Fast alle Krankenschwestern hatten Probleme beim Blutabnehmen, sie haben immer mehrmals versuchen müssen, die Vene zu erwischen. Eine Nachtschwester aus Martinique jedoch war immer sofort erfolgreich. Also habe ich gesagt, ich will nur sie. Ich bin ein relativ unkomplizierter Patient, aber ich lasse mich weder quälen noch aus mir ein Stück Fleisch machen. Wege zu suchen und zu kämpfen, in vielen kleinen Dingen zu gewinnen und nicht seinen Humor dabei zu verlieren, ist sehr wichtig. Du kannst immer Dinge entdecken, die lustig sind, wie das Verhalten mancher Menschen oder etwas, das du irgendwo liest. Humor ist eine gute Medizin.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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