Die großen Fragen der Liebe Ist Tinder schuld, dass er sich nicht verliebt?

Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Die Frage: Tim (29) ist seit einem Jahr Single. Seit er die Dating-Apps Tinder und OkCupid auf dem Handy installiert hat, ist sein Sexleben aufgeblüht. Alle paar Wochen trifft er sich mit einer neuen Frau, und oft geht er schon nach dem ersten Date mit ihr ins Bett. Sein Problem ist: Unter all diesen Frauen ist keine, mit der er gerne längere Zeit zusammen wäre. Sie sind für gewöhnlich Studentinnen, und die meisten sind ihm zu jung. Er findet sie zwar attraktiv, glaubt aber, dass sie nicht so recht zu ihm passen, weil er bereits berufstätig ist. Er stellt diese Dating-App-Frauen meistens nicht einmal seinen Freunden vor. Zugleich sehnt er sich nach einer echten Beziehung. Liegt es an Tinder und OkCupid, dass Tim nicht die richtige Frau trifft?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die meisten Beziehungen fangen flüchtig an und entwickeln sich weiter. Wenn Tim Gründe sucht und findet, sich von seinen Eroberungen bald wieder zu trennen, weil sie für eine längere Beziehung nicht "passen", bedeutet das vor allem, dass er selbst eine solche Beziehung nicht nur ersehnt, sondern zugleich fürchtet. Er ist noch nicht bereit, sich ohne Vorbehalt zu verlieben und eine neue Abhängigkeit zu riskieren. Dass er durch eine selbst verordnete Tinder-Askese einen großen Reifungsschritt machen würde, bezweifle ich. Unsere Liebesfähigkeit wächst, wie so manches andere, weniger durch bessere Prinzipien, nach denen wir zu leben wünschen, als durch die Bereitschaft, zu üben und Fehler einzugestehen. Liebe ist kein Sport, aber Liebesniederlagen sportlich zu nehmen scheint mir eine gute Idee zu sein.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.