Stilkolumne Kalte Schulter

ZEITmagazin Nr. 15/2017

Der schottische Schriftsteller Sir Walter Scott brachte 1816 in seinem Roman The Antiquary seine Ansichten über einen besonderen Körperteil zu Papier: die kalte Schulter. "I must tip him the cold shoulder, or he will be pestering me eternally." Ich muss ihm die kalte Schulter zeigen, oder er wird mich ewig belästigen. Scott hat einer Redewendung zu Popularität verholfen, die bis heute jeder versteht.

Die Schulter spielt eine besondere Rolle in unserer Wahrnehmung. Darüber lohnt es sich nachzudenken, denn dieser Körperteil wird uns im Sommer oft begegnen. Die aktuellen Modekollektionen vermitteln bereits eine Ahnung davon, was auf uns zukommt: Freie Schultern sieht man etwa bei Hugo Boss, Ann Demeulemeester, Burberry, Rodarte, Saint Laurent, Versace und Ralph Lauren. In ihren Kreationen wird allerdings immer nur eine einzelne Schulter zur Schau gestellt. Diese Asymmetrie zieht die Blicke noch stärker an. Man könnte auf die Idee kommen, da sei etwas verrutscht, und vermutet etwas Ungehöriges. Wären beide Schultern freigelegt, würde einem dies gar nicht so auffallen.

Die freie Schulter hat eine lange Geschichte. Bereits die Römer waren an ihren Anblick gewöhnt. Die klassische Toga wurde über die linke Schulter gelegt, um den Oberkörper zu bedecken. Den oberen Rand drapierte man dabei schräg über den Rücken und zog den Zipfel unter dem rechten Arm hindurch, sodass die rechte Schulter unbedeckt blieb. Nach dem Untergang des römischen Imperiums brachen modisch andere Zeiten an. Im 20. Jahrhundert war die freie Schulter wieder häufiger zu sehen. Christian Dior wie Elsa Schiaparelli experimentierten mit Kleidungsstücken, die die Schulter zur Geltung brachten. Das sichtbare Schlüsselbein ist heute die Vorstufe des Dekolletés. Vielleicht sieht man deshalb so viele freie Schultern: In einer Welt, in der einem Nacktheit von jedem Bildschirm entgegenspringt, ist großflächig freigelegte Haut allein nicht mehr aufregend. Interessanter wird es, wenn die Schulter so anmutet, als gehöre sie eigentlich verdeckt. Erst die Verknappung schafft Begehrlichkeiten.

Es gibt übrigens die Auffassung, dass die von Walter Scott zitierte kalte Schulter als Redewendung bereits im Mittelalter bekannt war. Als Besucher in einem fremden Heim war man es gewohnt, als Zeichen der Gastfreundschaft eine warme Mahlzeit serviert zu bekommen. Rückten die Gäste dem Gastgeber zu sehr auf die Pelle, soll der sich zur Wehr gesetzt haben, indem er ihnen kalte Hammelschulter vorsetzte. Dieses Gericht wurde üblicherweise vom Hauspersonal gegessen. Die kalten Reste waren für ungeliebte Gäste. Eine nackte Schulter hätte sie vielleicht eher erfreut.

Foto: Peter Langer / Schön schief: Schulterfreies Kleid von Hugo Boss

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"You grace me with your cold shoulder" (Adele, 2008) - und das ist natürlich nicht die starke Schulter, an die frau sich anlehnen könnte. Die wiederum hat etwas mit dem mitfühlenden Busen zu tun: "Fremdling, wollt ich deine Gunst gewinnen, dich an meinen warmen Busen drücken" (Morgenblatt für gebildete Leser, 1833: "An meine deutsche Leier", wohl Adalbert von Chamisso, ursprünglich Franzose). Die Rückseite ist kalt, knochig, abweisend - und wird vorzugsweise von Damen gezeigt; so auch in Walter Scotts Novelle "The Antiquary" (1816), die Countess "just showing o' the cauld shouther" gegenüber der jungen Miss Neville. Das Zitat im Text, lieber Autor, stammt aus Scotts Novelle "Saint Ronan's Well" (1823). Die Gegensatzpaare Schulter - Busen und kalt - warm zeigen deutlich, daß es gesamteuropäisch um Empfangsriten ging. Die Story mit der kalten Hammelschulter stammt hingegen aus einer spekulativen Salon-Etymologie, wenn dort die 3. Runde Soda-mit Whisky-ohne Soda durch die Kehlen gelaufen ist.