© Alessandro Furchino Capria

Ilaria Innocenti 1

Für dieses Heft haben wir vier junge Designer gefragt, auf welche Weise Mailand sie inspiriert. Hier schwärmt Ilaria Innocenti vom italienischen Handwerk und erklärt, warum ihr Ikea ein Vorbild ist. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Ich habe in Mailand am Instituto Europeo di Design studiert. Allerdings nicht Produkt- und Industriedesign, sondern Interior-Design. Ich habe mich damals vor allem dafür interessiert, wie man Farben, Materialien und Objekte miteinander kombiniert, und ich dachte, man müsse als Industriedesignerin vor allem Staubsauger entwerfen. Das war natürlich albern. Nach meinem Abschluss 2005 habe ich angefangen, frei als Interior-Designerin zu arbeiten und eigene Produkte für die Häuser zu entwerfen, die ich einrichten sollte.

Die Designszene Mailands hat sich seit meinem Studium und der anschließenden Finanzkrise 2008 sehr verändert. Davor war es ziemlich leicht, ein eigenes Studio zu eröffnen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber seit der Krise herrscht ein viel größerer Wettbewerb unter uns Designern. Der Druck ist gestiegen, und der Markt ist kleiner geworden. Es gibt leider nicht für jeden genug Arbeit.

Ein Designer war ursprünglich mal ein Intellektueller und Denker. Heute muss man auch noch Unternehmer sein. Nach dem Motto: Wir sind die coolen Köpfe und machen gleichzeitig die großen Geschäfte in London. Das ist der Spagat, den der Markt von uns erwartet. Man entwirft nicht mehr nur Objekte, sondern bietet den Firmen ein Paket an. Wir unterstützen sie beim Marketing, in der Kommunikation und beim Verkauf.

In der Vergangenheit galten "junge" Designer als aufregend und frisch. Man wollte unbedingt mit ihnen arbeiten. Heute schenkt man ihnen kaum noch Aufmerksamkeit. Mit "man" meine ich vor allem große, einflussreiche Möbelfirmen. Man zieht mit der Zuschreibung "jung" sogar eine klare Grenze, die bestimmt, wer mitspielen und wer Forderungen stellen darf. Es ist auch ein Weg, um die Preise zu drücken. Jung zu sein ist ein echter Nachteil geworden. Man wird nicht ernst genommen und absichtlich kleingehalten. In Italien ist diese Haltung besonders verbreitet. Das Land tat sich immer schon schwer mit jungen Menschen. Frankreich und die Niederlande unterstützen Talente mehr.

Wir denken jeden Tag darüber nach, ob Mailand wirklich der richtige Ort für uns ist. Mailands Vorteil sind die vielen Manufakturen in der Umgebung. Alles, was wir für die Produktion unserer Objekte brauchen, ist nur eine Armlänge entfernt. Aber es wäre auch toll, einen Teil des Jahres in Sizilien zu leben. Giorgio, mein Studio- und Lebenspartner, kommt aus Sizilien. Manchmal träumen wir davon, dass wir von dort aus arbeiten könnten. In den Sommermonaten, von Anfang Juni bis Ende August, in einem Haus mit Blick auf das Meer. Das sollte doch eigentlich möglich sein, wenn man selbstständig ist und nicht abhängig von einem festen Arbeitgeber. Aber im Moment ist das nicht möglich. Wir sind in Mailand sehr eingespannt. Unsere Kunden sind hier, und wir nehmen an vielen Messen teil. Die Wochen sind bis Ende Juli völlig durchgeplant. Ich wünsche mir für die Zukunft ein bisschen mehr Freiraum.

Giorgio und ich waren erst nur ein Liebespaar, bevor wir anfingen, zusammen zu arbeiten. Jetzt sind wir 24 Stunden zusammen. Wir versuchen, die Arbeit und das Privatleben voneinander zu trennen. Aber man redet natürlich trotzdem beim Abendessen über Projekte. Ich bin sehr froh darüber, jemanden zu haben, der mich versteht, wenn ich lange arbeiten muss oder an den Wochenenden auf Messen herumstehe, wenn also jemand da ist, der dieses Leben kennt. Unsere Arbeit ist auch unsere Leidenschaft. Das bedeutet natürlich, dass es keine Grenzen gibt, dass man immer ein Leben als Designer führt. Der Kopf ist überfüllt von neuen Ideen und Eindrücken und auch von den Problemen, die man gerade zu lösen versucht.

Im Studio teilt sich das Paar die Arbeit: Sie kümmert sich um die Kunden, er um die Produktion. © Alessandro Furchino Capria

Giorgio und ich arbeiten häufig mit kleinen Werkstätten zusammen, die noch per Hand und in kleiner Auflage produzieren. Wir lieben es, am Wochenende aus der Stadt rauszufahren und neue Manufakturen zu entdecken. Im italienischen Hinterland gibt es so viel Kunsthandwerk. Oft entstehen unsere Ideen aus den Materialien und Techniken, die die Handwerker, die wir besuchen, benutzen. Unsere erste Regel ist: nie nur ein einziges Material. Die zweite Regel ist: Unsere Objekte sollen in jedes Haus passen und alltagstauglich sein. Ich glaube, das ist auch ein Merkmal unserer Generation: Wir wollen gemocht werden. Schuld daran sind Instagram und Facebook. Wir wollen, dass unsere Objekte vielen Menschen gefallen. Deswegen würden wir auch wahnsinnig gern mit Ikea zusammenarbeiten. Ikea ist nicht der Feind. Ikea ist das Ziel. Ikea verkauft gutes, massentaugliches Design zu einem fairen Preis. Mir gefällt die Idee: Design für alle.

Protokoll: Carolin Würfel

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren