Ich habe einen Traum Judith Kerr

"Ich will das Buch, an dem ich arbeite, noch zu Ende schreiben"
© Axel Hoedt
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Ich bin 93 und drei Viertel. In meinem Alter träumt man nicht von der Zukunft. Mein Traum ist es, 95 zu werden, um das Buch, an dem ich gerade arbeite, noch zu Ende zu schreiben. Mehr will ich nicht, ich habe in meinem Leben schon sehr viel Glück gehabt. Mein größtes Glück – abgesehen davon, dass ich die Nazis überlebt habe – war, dass ich meinen Mann Tom kennengelernt habe. Bevor ich ihn traf, war ich in einer etwas schwierigen Phase. Mein Vater war kurz zuvor gestorben, und er fehlte mir unendlich. Ich war nicht mehr auf der Londoner Kunstakademie, aber ich war noch nicht im Leben angekommen. Ich hatte Freunde – aber niemanden, der mir besonders nahestand. Einmal die Woche gab ich einen Zeichenkurs für Kinder aus armen Familien. Sie waren nett, aber eigentlich kamen sie nur, weil danach eine Tanzveranstaltung stattfand.

Judith Kerr,

93, verarbeitete die Flucht ihrer Familie vor den Nazis nach England in dem berühmten Jugendbuch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, erschienen 1971. Ihr Vater, der Theaterkritiker Alfred Kerr, starb 1948. Ihr Ehemann war der Drehbuchautor Thomas Nigel Kneale

Ich war schon 28, trug praktische graublaue Kleider, und mein Bruder stellte mir immer Rechtsanwälte vor, die er von seinem Jurastudium in Cambridge kannte. Aber ich konnte einfach nichts mit ihnen anfangen. Ich fragte mich, ob ich je irgendjemand kennenlernen würde, den ich heiraten wollte, und ob ich als Malerin jemals gut genug werden würde.

Als ich dann Tom traf, in der Kantine der BBC, änderte sich mein Leben. Wir konnten über dieselben Dinge lachen. Er schrieb für die BBC und ermutigte mich, mich bei der BBC um eine Stelle als Erstleserin von Manuskripten zu bewerben. Ich wurde genommen, und so kam ich zum Schreiben. Später hatte ich sogar eine eigene Serie.

Dann kamen meine Tochter und mein Sohn zur Welt. Aus Gutenachtgeschichten wurde mein erstes Bilderbuch. Und als meine Kinder ungefähr in dem Alter waren, in dem mein Bruder und ich gewesen waren, als wir Deutschland verließen, hatte ich die Idee, für sie aufzuschreiben, was ich in ihrem Alter erlebt hatte. Es war eine Zeit, in der es oft nur kalten Schinken zum Abendbrot gab, weil ich vergessen hatte einzukaufen. Als ich fertig war, las ich das Manuskript noch einmal durch. Ich dachte: Du hast es so ehrlich wie möglich aufgeschrieben, aber wer wird das bloß lesen wollen? Doch es kam genau im richtigen Moment heraus. So entstand das Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl.

Vor einem Jahr habe ich eine neue Hüfte bekommen, ich kann spazieren gehen, ich kann die Welt sehen, und das ist ja wohl das größte Glück. Die Themse ist nur zehn Minuten von meinem Haus in London entfernt. Am liebsten gehe ich hier am Fluss entlang, bevor es dunkel wird: Am Anfang ist alles noch ganz ländlich, und dann wird es immer städtischer. Pubs tauchen auf, eine große Brücke, der Stadtteil Hammersmith – und wenn man Glück hat, wird es genau in dem Moment dunkel, wenn die Lichter der Stadt angehen.

Ich bin bereit zu sterben, natürlich. Trotzdem, mein Traum wäre es, 95 Jahre alt zu werden und das Bilderbuch, an dem ich gerade arbeite, zu Ende zu schreiben. Ich könnte jetzt sagen, ich will 96 werden, aber ich will nicht gierig sein. 95 wäre genug.

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