Kunst in Mailand Zurück zu alter Größe

Die Kunst zieht es nach Mailand. In riesigen ehemaligen Industriebauten kommen die Werke zur Geltung wie kaum irgendwo sonst. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Auf den Besucher aus Berlin wirkt Mailand an diesem Frühlingsmorgen geradezu schockierend elegant. In der Bar Marchesi ist alles perfekt. Eingerichtet ist sie wie ein Traum aus dem Italien der fünfziger Jahre: Wir sitzen in dunkelgrünen Samtsesseln, die Wände sind in hellem Mintgrün gestrichen, Boden und Tische sind aus schwarzgrünem Marmor. Wenn man all die Grüntöne in diesem Raum in einen Mixer geben würde, es käme die Farbe eines besonders guten Pistazieneises heraus.

Die Bar Marchesi liegt mitten in der berühmten Einkaufsgalerie Vittorio Emanuele II, diesem im 19. Jahrhundert mit cremefarbenem Stuck vollgespachtelten und mit einer eindrucksvollen Glaskuppel überdachten Bau zwischen dem Teatro alla Scala und dem großen, weißen Marmor-Dom. Francesco Zanot hat uns hierher eingeladen, er ist 1979 in Mailand geboren und sieht aus, wie man sich einen italienischen Mann landläufig vorstellt: dunkle Locken, gut geschnittenes Jackett, offenes Lachen. Zanot ist Fotografie-Professor, er hat viele Kunstkataloge und Bücher herausgegeben, vor allem aber arbeitet er als Kurator. "In den vergangenen Jahren haben große Privatmuseen und viele kleine Initiativen die Kunstszene Mailands zu völlig neuem Leben erweckt", sagt er. Dass er selbst einer derjenigen ist, die das neue Mailänder Kunstwunder mitgeschaffen haben und weiter schaffen, unterschlägt Zanot bescheiden.

Kürzlich erst durfte Francesco Zanot die erste Ausstellung im Osservatorio einrichten, dem neuesten Ausstellungsort der Stadt, ebenfalls in der Einkaufsgalerie gelegen. Man fährt mit dem Aufzug – auch er ist mit schwarz-grünem Marmor ausgekleidet – nur ein paar Stockwerke weiter nach oben. Give Me Yesterday ist eine Ausstellung über Fotoserien, die wie Tagebücher funktionieren, über die Familienalben der Kunst sozusagen (noch bis zum 14. Mai). Es gibt eine lange Tradition solcher Bildserien, Nan Goldin und Larry Clark sind Vorgänger dieser direkten und intimen Künstlerfotografie. Zanot hat nun die Werke von 14 Fotografen aus der ganzen Welt nach Mailand geholt, die diese Tagebuch-Fotografie auf unterschiedliche Weise neu interpretieren. Auf den Fotos von Antonio Rovaldi etwa sieht man vor allem Wasser. Der Künstler ist auf zwei ausgedehnten Fahrradtouren stur die gesamte italienische Küste entlanggeradelt und hat dabei immer wieder die Kamera in die Ferne gerichtet, das Heimatland im Rücken. Ein sehr indirektes Porträt Italiens ist so entstanden.

Die meisten der hier ausgestellten Fotografen warten nicht mehr nur auf den authentischen Augenblick, die sprechende Situation, sondern sie inszenieren ihn. Wie Ryan McGinley, der regelmäßig und gut vorbereitet mit Freunden und Amateurmodels seine Heimatstadt New York verlässt, um tage- und wochenlang nackt durch die Natur zu streifen und dabei zu fotografieren.

Was Francesco Zanot an Fotografien aus Europa, Afrika, Asien und Amerika zusammengetragen hat, ist eindrucksvoll, und doch stiehlt ihnen der neue Ausstellungsort ein wenig die Schau. Nicht ohne Grund heißt diese Ausstellungshalle ja Osservatorio, also Observatorium, denn von hier oben hat man einen spektakulären Blick auf das tonnenförmige Glasdach der Galleria und das Durcheinander der Dächer Mailands. Die Hälfte der Wände sind aus Glas – und so wird die Stadt selbst zur Ausstellung.

Was unterscheidet das Mailand, das einem da zu Füßen liegt, von Rom? Zanot lacht. "Alles." Rom sei viel größer und chaotischer, es sei dort viel schwieriger, eine künstlerische Initiative in Gang zu bringen. Man sei in Rom vor allem an dem historischen Erbe interessiert, an den antiken Denkmälern. Es fehle an Geld und Energie.

Mailand hingegen ist das italienische Zentrum der Mode- und Design-Industrie, der Banken und der Werbung. Schon seit vielen Jahrzehnten ist es aber auch die Stadt mit der größten Galeriendichte in Italien. Gió Marconi, Massimo De Carlo, Lia Rummo und Zero heißen die wichtigsten Anlaufstellen für Sammler, sie befinden sich fast alle nördlich des Doms. In den vergangenen Jahren sind aber auch viele kleine Projekträume und junge Galerien hinzugekommen, sie nennen sich Mega, Fanta Spazio oder Marsèlleria. Auch die örtliche Kunstmesse Miart – sie findet jedes Frühjahr in der Vorwoche der Möbelmesse Salone del Mobile statt – hat an internationaler Bedeutung gewonnen, jetzt reisen sogar Galerien wie Gladstone aus New York und König aus Berlin an. Das Kunstmagazin Mousse wiederum, das von leidenschaftlichen jungen Mailändern in einer prächtigen Altbauwohnung am Corso di Porta Romana gemacht wird, und ebenso das Magazin Kaleidoscope tragen den Ruhm der hiesigen Szene in die Welt.

"Für italienische Verhältnisse ist Mailand eine überaus kosmopolitische Stadt", sagt Francesco Zanot. "Und eine schnelle Stadt, eine Stadt des Wettbewerbs, man reagiert hier umgehend auf die Einflüsse von außen. Wahrscheinlich beruht das vor allem auf dem Einfluss der Modeindustrie." Auch das Osservatorio ist der Modeindustrie zu verdanken, es gehört zur Fondazione Prada, der Kunststiftung von Miuccia Prada und ihrem Mann Patrizio Bertelli.

Das Osservatorio im Mailänder Zentrum ist nur ein Satellit der Stiftung, deren Hauptsitz in einem verblüffenden Bau des Architekten Rem Koolhaas am Stadtrand liegt: kein einzelnes Gebäude, sondern ein ganzer Campus für die Kunst, komponiert aus verschiedenen Architekturen auf dem Gelände einer ehemaligen Schnapsfabrik. Sieben Gebäude hat der Architekt renovieren lassen, drei andere hinzugefügt, neben Ausstellungshallen und Kabinetten mit insgesamt 12.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche gibt es auch ein Kino, eine Bibliothek und die von dem Regisseur Wes Anderson eingerichtete Bar Luce. Das alles hinter Fassaden aus durchlöchertem Aluminium, spiegelndem Glas oder aber einfachem grauem Putz. Wie ein Leuchtturm strahlt aus der Mitte dieses Ensembles ein altes, ursprünglich ganz durchschnittliches Verwaltungsgebäude in die Nachbarschaft – Koolhaas hat es bis hin zu den Fensterstreben und Regenrinnen komplett mit Blattgold bepinseln lassen. Die Fondazione Prada ist der wohl kontrastreichste und edelste Bau, den der niederländische Architekt bisher geschaffen hat.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren