© Alessandro Furchino Capria

Laura Pessoni 3

Laura Pessoni lernte im Studium, wie wichtig Ergonomie ist. Seitdem will sie nur noch Produkte entwerfen, die wirklich dem Menschen dienen. Am meisten begeistert sie sich für Licht. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Schon als Kind habe ich versucht, herauszufinden, wie die Gegenstände in unserem Haus funktionieren. Warum sie so und nicht anders gebaut wurden. Die meisten gefielen mir nicht. Ich war ein sehr kritisches Kind und habe früh angefangen, eigene kleine Objekte zu bauen.

Seit zehn Jahren lebe ich in Mailand. Ich bin hier zur Universität gegangen und habe mich, wie so viele, sofort in die Stadt verliebt. Nirgendwo ist man den Wurzeln europäischer Designgeschichte so nah. Gleichzeitig ist die Stadt alles andere als verschlafen. Ich lebe und arbeite in Isola. Früher war es hier ganz anders. Der Stadtteil war voll von kleinen Kunsthandwerksstätten, die es heute nicht mehr gibt. Dafür haben wir jetzt eine echte Skyline mit Wolkenkratzern. Ich finde es sehr wichtig, sich vorwärtszubewegen. Gleichzeitig müssen aber die vielen Identitäten, die die Stadt einmal ausgemacht haben, bewahrt werden. Wir, die junge Generation, dürfen unsere Wurzeln nicht vergessen, während wir für die Zukunft designen, uns neue Techniken aneignen und neue Technologien wie 3-D-Druck ausprobieren.

Als ich an der Universität zu studieren anfing, wollte ich eigentlich Innendesignerin werden. Aus irgendeinem Grund landete ich im ersten Semester in einem Kurs über die Grundlagen der Ergonomie. Dort lernten wir, wie unterschiedlich die Bedürfnisse von männlichen und weiblichen Körpern sind, von Erwachsenen und von Kindern und wie wichtig es ist, handhabbare und optimal auf den Menschen abgestimmte Produkte herzustellen – zum Beispiel einen Tisch, der sich optimal an die Körpergröße anpassen lässt. Für mich öffnete dieser Kurs eine neue Welt. Ich habe dadurch gelernt, Produkte zu entwerfen, die wirklich dem Menschen dienen.

Viel Platz braucht Pessoni nicht. Ein kleiner Tisch für ihren Laptop genügt, um Gegenstände wie diese Vase zu designen. © Alessandro Furchino Capria

Danach habe ich Produkt- und Lichtdesign studiert. Licht ist für mich der Wahnsinn. Wenn man Licht hat, hat man eigentlich alles. Man kann Texturen und Farben erkennen und die Welt, die einen umgibt. Ich habe die Wohnung, in der ich mit meinem Freund lebe und arbeite, auch wegen des schönen Lichts ausgesucht. Und weil der Ausblick so toll ist. Sie liegt im fünften Stock. Der Blick erinnert mich an meine Heimat Bergamo. Dort gibt es eine Aussichtsplattform, und als Jugendliche bin ich dorthin gegangen, wenn ich einen schlechten Tag hatte. Man kann auf die ganze Stadt blicken, durchatmen. Heute erlebe ich das, wenn ich von meinem Balkon aus die Skyline Mailands sehe.

Nach meinem Studium habe ich in mehreren Designstudios gearbeitet und angefangen, mit verschiedenen Marken zu kooperieren. Für diese habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder Leuchten entworfen. Bevor ich anfange zu zeichnen, frage ich befreundete Designer nach ihrer Meinung und probiere meine Ideen an ihnen aus. Erst dann skizziere ich einen ersten Entwurf auf Papier. Meistens zeichne ich das Objekt von allen Seiten und stelle es in einen Raum mit Menschen. In solchen kreativen Momenten eilt mein Kopf so schnell voraus, dass ich nur mit der eigenen Hand hinterherkomme. Mit dem Computer wäre das unmöglich.

Laura Pessoni, 34, ist in Bergamo aufgewachsen und hat an der Politecnico di Milano Produkt- und Lichtdesign studiert. Ihre Wohnung im Stadtteil Isola ist auch ihr Studio. Pessoni entwirft Leuchten für Marken wie Artemide und Danese. © Alessandro Furchino Capria

Ich liebe es, unter Druck zu arbeiten. Ich weiß, das klingt komisch, aber mich treibt der Zeit- und Produktionsdruck an. Normalerweise beginnt Ende Februar ein wunderbarer Albtraum, weil wir Designer uns alle auf den Salone del Mobile, die große Mailänder Möbelmesse, vorbereiten. Trotz der vielen Kooperationen, in die ich involviert bin, arbeite ich auch an eigenen Projekten. Es ist mir wichtig, meine Designsprache weiterzuentwickeln und an allen Phasen der Produktion beteiligt zu sein. Also nicht nur zu entwerfen, sondern auch unter eigenem Namen zu produzieren.

Wenn ich über ein neues Objekt nachdenke, frage ich mich immer: Braucht die Welt dieses Objekt? Wir dürfen nicht unterschätzen, was für einen verantwortungsvollen Beruf wir haben. Ein Objekt darf nicht bloß lustig und farbenfroh sein, es muss auch einen echten Nutzen habe – es soll im Idealfall die Lebensqualität verbessern. Gerade habe ich eine Vase entworfen, die an der einen Seite eine kleine Einbuchtung besitzt, in die man zum Beispiel seine Schlüssel legen kann. Mir geht es nicht darum, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Es genügt mir, etwas dazuzuerfinden, was es so noch nicht gibt. Eine Art Überraschungsmoment soll entstehen, wie bei einem Dreikönigskuchen, in den ein kleiner Gegenstand mit eingebacken wird, den es zu finden gilt. Das ist die Herausforderung für mich als Designerin.

© Alessandro Furchino Capria

Aufgezeichnet von Carolin Würfel.

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