© Cass Bird

Leslie Feist Aus der Tiefe zurück

Die Sängerin Leslie Feist verwandelt wie keine Zweite persönliche Gefühle in Musik und in Texte. Nach einer dunklen Zeit in ihrem Leben kehrt sie jetzt ins Rampenlicht zurück. Eine Begegnung in Berlin Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Eine Stunde vor dem Interview mit der Sängerin Leslie Feist Ende März in Berlin meldet sich eine Mitarbeiterin der Plattenfirma. Sie sei draußen auf dem Tempelhofer Feld, das Wetter sei noch so gut, deshalb würde Feist, wie sie sich als Künstlerin nennt, das Gespräch lieber draußen in der Sonne führen als in ihrem Hotel. Treffpunkt kurz vor 18 Uhr am Haupteingang Columbiadamm, in der Nähe der Moschee.

Dort angekommen, lotst einen die Mitarbeiterin per Handy vorbei an einem Sportplatz, zwei Zirkuszelten und einer Minigolfanlage, bis man Leslie Feist schließlich auf der riesigen Rasenfläche sitzen sieht, mit Sonnenbrille, die warme Frühlingssonne genießend.

Bei unserer letzten Begegnung vor sechs Jahren, auch an einem Sonntag, in ihrem Haus in Toronto war sie gerade aufgestanden und hatte sich erst einmal entschuldigt, sie habe letzte Nacht nicht wirklich geschlafen. Damals lebte sie nach einem Rhythmus, den sie "rock clock" nannte: bis vier Uhr nachts aufbleiben, bis mittags schlafen. Während des Gesprächs war sie der Sonne ausgewichen, die durchs Fenster schien. "Nachts macht doch alles mehr Spaß", hat sie damals gesagt.

Und heute?

Das Erste, was einem an ihr auffällt, als sie aufsteht und einem entgegenkommt: Ihre Haare sind heller als damals. "Das ist wirklich merkwürdig", sagt sie. "Ich musste erst nach Kalifornien, um festzustellen, dass ich eigentlich eine Blondine bin." Sie lacht. "Ich färbe meine Haare, seitdem ich 15 bin, ich wusste gar nicht mehr, was meine eigentliche Haarfarbe ist." Wieder lacht sie. "Seitdem ich die Winter in Kalifornien verbringe, muss ich aufpassen, dass die Haare nicht platinblond werden. Ich habe sie jetzt etwas dunkler gefärbt."

Sonne, helle Haare, Kalifornien, dazu ein neues Album mit dem Titel Pleasure, das Ende April erscheint. Auf den ersten Blick wirkt das alles geradezu strahlend. Lebt sie noch nach der rock clock? Sie stutzt kurz, erinnert sich. "Auf Dauer tut einem dieser Lebensrhythmus nicht gut", sagt sie dann. Sie steht meistens zwischen 8 und 9 Uhr auf und geht joggen, weil es vormittags in Kalifornien schon oft zu heiß ist für Sport.

Wir setzen uns auf den Rasen, ihr Manager bringt ihr einen Kaffee mit Milch. Feist, knappe 1,60 Meter, trägt einen dunklen Mantel, Jeans, die sie unten umgeschlagen hat, schmale, helle Lederschuhe. Die Sonnenbrille wird sie während des Gesprächs nicht absetzen.

"Ich habe eine ziemlich harte Zeit hinter mir", sagt sie jetzt. Sie habe lange überlegt, ob und wie sie darüber reden kann, weil sie ihr Privatleben eigentlich seit Langem schützt. Öffentlich bekannt ist nur eine Beziehung zu dem kanadischen Musiker Kevin Drew, mit dem sie in den neunziger Jahren liiert war. Andererseits ist sie Künstlerin, sie schreibt Songs über Gefühle, die sie erlebt, wie sollte sie das ganz voneinander trennen können?

Sie ist nicht glücklich über das erste Interview, das sie zur Veröffentlichung ihres neuen Albums vor ein paar Tagen einem Radiosender gegeben hat. "Ich bin da unvorbereitet reingegangen, anschließend wurde mir richtig schlecht." Warum? "Ich habe mir Vorwürfe gemacht, dass ich meine neuen Songs nicht angemessen erklärt habe. Das haben sie nicht verdient." Wie meint sie das? "Ich habe die beschissensten drei Jahre hinter mir, die ein Mensch erleben kann, und ich erzähle im Radio, dass ich die Zeit mit Suppekochen verbracht habe." Sie schüttelt den Kopf. Danach, sagt sie, habe sie beschlossen, dass sie einen Weg finden muss, darüber reden zu können.

Die beschissensten drei Jahre – was ist passiert? Sie nippt an ihrem Kaffeebecher, sucht nach den passenden Worten. "Vielleicht kann ich es so beschreiben: Ich habe eine gewaltige Gleichgewichtsstörung abbekommen. Es war, als ob sich die tektonischen Platten meiner Welt verschoben hätten, lange Zeit ohne dass ich es gemerkt hätte."

Das klingt gleichermaßen dramatisch und abstrakt. Was meint sie damit genau? "Es fällt mir leichter, darüber zu singen."

Das zweite Lied auf ihrem neuen Album heißt I Wish I Didn’t Miss You, und darauf singt sie: "You called me Baby / I called you one, too / Until you spoke to me with another voice." Und weiter: "I felt some certainty that you must have died / because how could I live if you’re still alive."

Kommentare

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Ich mochte Leslie Feist immer schon sehr. War bei ihrem Konzert 2011 in Berlin. Am Ende durften Leute, die Lust hatten einfach auf die Bühne kommen und tanzen. So etwas hatte ich noch nie erlebt, bei einem Konzert vor ca. 2000 Menschen.
Dass es in ihrem Leben lange Zeit dunkel war, hätte ich als Außenstehender nie gedacht. Sie ist Musikerin und kann von ihrer eigenen Musik so gut leben, dass sie sich vermutlich nie wieder finanzielle Sorgen machen muss... Dachte das würde reichen für's Glück, bzw. dass sich dann alles andere daraus einfach schon irgendwie ergibt. Mushaboom. Ist wohl nicht so, zumindest nicht bei ihr. Macht sie mir noch sympathischer. Schön, dass es ihr jetzt wieder besser geht.