Luca Guadagnino "Die Schönheit liegt in den Hinterhöfen"

ZEITmagazin Nr. 15/2017
Der Film "I Am Love" löste weltweit Bewunderung für die Stadt aus, in der er spielt: Ein Gespräch mit dem Regisseur Luca Guadagnino, den Mailand sehr fasziniert. Ein Interview von

ZEITmagazin: Herr Guadagnino, Ihr Film I Am Love hat uns 2009 gezeigt, wie großartig Mailand ist, wie stilsicher und elegant. Er löste eine regelrechte Sehnsucht nach der Stadt bei uns aus. War das Ihre Absicht?

Luca Guadagnino: Ehrlich gesagt, nein. Man sollte die Ästhetik des Films nicht mit seiner Handlung verwechseln. Der Film spielt zwischen 1999 und 2001. Er erzählt die Geschichte einer Mailänder Industriellenfamilie, die eine sehr elitäre Vorstellung vom Leben hat und sich den Umbrüchen der Zeit stellen muss. Um die Geschichte ihrer kleinen Welt erzählen zu können, musste ich diese genauso schön und reich und elegant darstellen, wie sie eben ist. Ich kann Oberflächlichkeit im Film nicht leiden. Aber diese akkurate Abbildung sollte auf keinen Fall dazu anregen, dieses Leben nachahmen zu wollen. Gleichzeitig verstehe ich natürlich, dass man sich von dem Film und vor allem von seinen Figuren leicht verführen lassen kann.

ZEITmagazin: In Vorbereitung auf I Am Love haben Sie die Buddenbrooks von Thomas Mann gelesen. Auch eine große Familiengeschichte. Was verbindet die beiden Geschichten?

Guadagnino: Ich habe die Buddenbrooks in der Bibliothek meiner Eltern entdeckt, als ich sehr jung war. Ich glaube, ich war zwölf Jahre alt. Ich erinnere mich genau daran, wie ich das Buch in Palermo las, es prägt bis heute meine Bildsprache. Außerdem faszinieren mich Familiensagas – diese unsichtbaren Gewebe zwischen Menschen –, und mich fasziniert auch die Vergänglichkeit. Ich habe viel über das Buch nachgedacht, als ich I Am Love schrieb. Tatsächlich bildet mein Film nur einen winzigen Ausschnitt ab. Im Buch wären es vielleicht fünf Seiten. Mein Traum ist es, eines Tages die Buddenbrooks zu verfilmen.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Mailand-Besuch?

Guadagnino: Ja, ich war 17 Jahre alt. Es war Weihnachten, und ich war mit einem Freund und seiner Familie in der Stadt. Ich war ein dunkelhäutiger Junge aus Palermo. Meine Kindheit habe ich in Äthiopien verbracht, meine Mutter ist Algerierin. Ich bin also Südländer, ich war immer schon fasziniert vom Leben der Nordeuropäer. Man fühlt sich ja meistens von dem angezogen, was man nicht hat. In Palermo war es immer heiß. Die Stadt ist chaotisch, die Farben sind intensiv, wie die Gerüche. Und plötzlich fand ich mich in diesem zurückhaltenden, bescheidenen Mailand wieder und war glücklich. Danach bin ich zurückgekehrt, sooft ich konnte. Im Jahr 2000 zog ich zum ersten Mal nach Mailand, in ein sehr kleines Haus, wo ich viele Partys veranstaltet habe. Eine kurze Episode, bevor ich wieder nach Rom zurückging. In Rom fühlte ich mich überhaupt nicht wohl und war furchtbar rastlos. Dort begann ich, das Drehbuch zu I Am Love zu schreiben. Ich wusste sofort, dass der Film in Mailand spielen muss. Eine wunderbare Stadt, die ihre Schönheit nicht sofort preisgibt. Diese liegt versteckt in den kleinen Hinterhöfen. Manchmal fahre ich mit dem Auto herum, lasse mich treiben und entdecke neue, unbekannte Straßen.

ZEITmagazin: Haben Sie einen Lieblingsplatz?

Guadagnino: Ich mag die Piazza San Marco im Stadtteil Brera. Dort gibt es ein Restaurant, das La Latteria. Es ist sehr klein und wird seit Ewigkeiten von einer Familie betrieben. Es ist ziemlich kitschig eingerichtet, überall stehen Plastikblumen. Jeden Tag gibt es ein anderes Gericht. Man kann nicht reservieren und nur bar bezahlen. Es ist toll!

ZEITmagazin: Mittlerweile leben Sie in einem alten Palazzo in Crema, vierzig Minuten außerhalb von Mailand. Warum sind Sie nicht wieder in die Stadt gezogen?

Guadagnino: Als ich 2011 aus Rom nach Mailand zurückgekehrt bin, habe ich die Liebe meines Lebens getroffen, und es war klar, dass ich in der Nähe bleiben will. Gleichzeitig sehnte ich mich nach einem großen, wunderschönen Haus. Ein Freund erzählte mir von dem Palazzo in Crema, der seit Jahren leer stand. Ich sah ihn mir an und dachte, das ist ein guter Kompromiss: Ich kann in meinem Haus leben und meiner Liebe und Mailand trotzdem nah sein.

ZEITmagazin: Ein Großteil von I Am Love spielt auch in einem wunderschönen Haus in Mailand, in der Villa Necchi Campiglio.

Guadagnino: Ich bin in einem Alter, in dem ich feststelle, dass sich durch meine Filme immer wieder ähnliche Muster und Motive ziehen. Neben den Buddenbrooks und Mailand gibt es noch ein weiteres Muster, das ist meine Liebe für Art déco. Die Villa Necchi, gebaut von Piero Portaluppi, ist ein Meisterwerk dieser Epoche. Auch hier liegt die Schönheit im Detail. Das Auge kann über Marmorwände schweifen und über Holzdecken. Die Villa vereint Funktionalismus und Luxus, sie ist der perfekte repräsentative Ort. Es gibt diese tollen Salons und Esszimmer im Erdgeschoss und in der ersten Etage noch drei große Schlafzimmer.

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