Mailand Aufsteiger

Mailand galt immer als erfolgreich und ein bisschen langweilig, denn die Stadt ist Italiens Wirtschaftsmetropole. Jetzt hat sie sich neu erfunden. Mitgeholfen haben die weltbesten Architekten, Künstler und Designer. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Es gibt in Mailand keinen öffentlichen Platz, an dem man auf einen Cappuccino verweilen wollte. Denn Mailand ist keine Stadt, in der man gern verweilt. Mailand hat immer etwas zu tun. In Mailand trappeln Millionen Füße über den Corso Vittorio Emanuele II und die Via della Spiga. In Mailand schieben sich die Autos hupend den Corso Venezia entlang. In Mailand will man immerzu irgendwohin, ist immer unterwegs, immer spät dran. Wer hier stillsteht, kommt sich schnell fehl am Platz vor. Man hat dann das Gefühl, man sollte ganz schnell etwas Wichtiges tun.

Viele Städte in Italien sind wie Museen. In Rom kann man die Antike bestaunen, in Florenz die Renaissance – in Mailand aber wird die Zukunft gemacht. Es ist die Stadt der Visionen, manchmal auch des Größenwahns. In Mailand steht das Alte neben dem ganz Neuen, das Pittoreske neben dem Brutalistischen. So fing man schon in den fünfziger Jahren an, in Mailand schroff anmutende Hochhäuser zu bauen. Sie stehen noch heute, erheben sich störrisch aus dem Häuser-Einerlei, etwa der Torre Velasca mit seiner eigenwilligen Betonkrone oder das sechseckige Pirelli-Hochhaus in der Nähe des Bahnhofes. Es war bei seiner Fertigstellung 1958 das zweithöchste Gebäude Europas, entworfen von den Architekten Pier Luigi Nervi und Giò Ponti. Ponti, geboren in Mailand, war einer der bekanntesten Architekten und Designer Italiens. Andere Spuren von Designern sind weniger monumental. So stehen überall auf den Straßen von Mailand Betonpoller – entworfen von der Designlegende Enzo Mari.

Mailand ist das Zentrum der italienischen Wirtschaft. Firmen wie Alfa Romeo und Pirelli sind hier zu Hause. Mailand ist auch der Sitz der italienischen Börse. Die Stadt trägt ein Zehntel zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. In Mailand funktioniert vieles, was in anderen italienischen Städten nicht funktioniert. Deswegen war Mailand immer ernster und grauer als der Rest des Landes. Man kam dorthin, um Geld zu verdienen und Karriere zu machen – aus keinem anderen Grund. Denn in Mailand war der Verkehr lauter, das Essen schlechter und das Wetter mieser. Mailand schien eigentlich gar nicht zu Italien zu gehören.

Doch wer in diesen Tagen dorthin kommt, betritt eine andere Stadt. Mailand hat sich neu erfunden. Heute ist hier nicht nur das Geld zu Hause, sondern auch die Kunst. Bürgermeister Giuseppe Sala, der zuvor die Expo 2015 in Mailand verantwortete, arbeitet am Wandel der Stadt. Mailand investiert in Museen, neue Wohnquartiere und spektakuläre Gebäude. Im Norden der Stadt zieht der Hangar Bicocca Kunstfreunde an – eine ehemalige Fabrikhalle, die zu einem Ausstellungsort umfunktioniert wurde. Im Süden entwarf Rem Koolhaas, der Hausarchitekt von Miuccia Prada, das Gelände der Fondazione Prada. Er hat ein ehemaliges Fabrikgelände in einen unvergleichlichen Kunst-Campus verwandelt.

Außerdem sind völlig neue Stadtviertel entstanden. Etwa die Porta Nuova, ein Quartier mit Einkaufsstraßen, Bürohochhäusern und Gebäuden wie dem Bosco Verticale, das aus zwei Wohntürmen besteht, geplant vom Büro des Architekten Stefano Boeri. Er hat einen 120 Meter hohen vertikalen Wald angelegt: Auf allen Geschossen stehen Bäume auf Plattformen an der Fassade. Man wohnt inmitten der Stadt und blickt auf Grün vor dem Fenster – falls man sich die Kosten von 10.000 Euro pro Quadratmeter und die Aufwendungen für den Fassadengärtner leisten kann. In Schatten der Hochhäuser flanieren Touristen und Einheimische, Jugendliche üben Breakdance. Als wäre es hier schon immer so gewesen. Über die Entwicklung der modernen Metropolen ist viel geklagt worden, über die ausgestorbenen Innenstädte, die Uniformierung des Einzelhandels durch Geschäfte, die alle das Gleiche anbieten. In Mailand hingegen wurde eine neue Innenstadt geschaffen mit aller Vielfalt, die solch einen Ort spannend macht. Und unter der Szenerie gleitet unsichtbar die neue U-Bahn-Linie M5, die Fahrgäste in die neu belebten Stadtteile bringt.

Zum Beispiel ins neue Viertel City Life. Auf dem Gelände der ehemaligen Messe entsteht ein Stadtteil, der sich um drei Wolkenkratzer gruppiert, die Tre Torri. Das Gebiet wird von den Architekturbüros Zaha Hadid, Arata Isozaki und Daniel Libeskind erschlossen. Einer der drei Türme ist gewunden, einer gerade, der dritte scheint sich zu beugen. In ihnen sollen einmal 4.000 Menschen arbeiten, das Areal wird umgeben sein von einem 170.000 Quadratmeter großen, von Wasserläufen durchzogenen Park mit Tausenden von Bäumen.

Denn auch das ist neu in Mailand: Die Stadt wird grüner. Mailand war bekannt als Ort der Grautöne. Stein und Beton, wohin das Auge sah. Nun nutzt Mailand seine Baulücken, um die Natur hereinzuholen. Wie sehr sich die Stadt verändert hat, lässt sich auch am Salone del Mobile sehen, der alljährlichen Möbelmesse im April. Falls man den Salone noch als Möbelmesse bezeichnen möchte: Denn aus der Veranstaltung ist ein Designfestival für die ganze Stadt geworden. Neben dem Programm auf dem 2005 neu eröffneten Messegelände hat sich ein Straßenkarneval des Designs entwickelt, der sich in der ehemaligen Gewerbegegend um die Via Tortona genauso ausbreitet wie in dem Universitätsviertel Brera und dem ehemaligen Industrieviertel Lambrate. Überall wird die Schönheit gefeiert. Aus der ganzen Welt strömen die Menschen nach Mailand. Die Hotels sind häufig alle belegt. Die Hauptstadt der Lombardei ist nun nicht mehr der Ort, von dem man schnell wegwill. Alle wollen hin.

Lange hatte die Stadt den Ruf, zu etabliert zu sein und zu alt. Mittlerweile gibt es jedoch eine junge Kunst- und Designszene, die in Mailand alles findet, was sie braucht: eine Infrastruktur von potenten Marken, hoch spezialisierten Handwerkern – und Menschen, die neue Ideen verwirklichen wollen. Die Modeszene, die Designszene, die Kunstszene: In Mailand kommt alles zusammen. Warum geschieht dies in der Lombardei und nicht in London, Paris oder Berlin? Es liegt wohl daran, dass in Mailand zwar Neues aufkommt, aber auch auf einer langen Tradition aufbaut. So wurde etwa die seit 1966 nördlich von Mailand angesiedelte Möbelmarke B&B Italia nicht dadurch bekannt, dass man perfekte Polsterei betrieb, wie so viele Handwerker rund um Mailand. Der Firmengründer Piero Ambrogio Busnelli verstand es vielmehr, Handwerk mit industrieller Fertigung zu verbinden. Er schuf Designmöbel aus Polyethylenschaum. Und schon damals zeigte sich auch, wie Architektur und Design einander inspirieren: Das Verwaltungsgebäude von B&B Italia nördlich von Mailand baute Renzo Piano. Ein Kubus, bei dem die Versorgungsleitungen außen verlaufen. Das Vorbild für die Fassade des Centre Pompidou in Paris.

Natürlich gibt es auch viele Probleme in der 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt. Der soziale Wohnungsbau hinkt hinterher, der Verkehr bleibt chaotisch, und die Bürokratie verschleppt etliche Projekte. Dennoch zeigt Mailand, dass man auch in Europa Städte radikal erneuern kann – und nicht nur in Asien oder den Arabischen Emiraten. Wenn sich Mailand heute abermals neu erfindet, ist dies auch Teil der Tradition. Mailand ist eine Stadt der Möglichkeiten. Menschen kommen hierher, die wissen, was sie vorhaben – und einen Ort suchen, um es zu verwirklichen. Man wird noch viele Erfolgsgeschichten hören. Aber eines wird sich auch an den vielen neuen Plätzen, die die Stadt nun erschließt, nicht einstellen: das Gefühl von Muße.

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