Gesellschaftskritik Über Lottospieler

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ZEITmagazin Nr. 15/2017

Der Schriftsteller Martin Walser ist gerade 90 Jahre alt geworden, was Interviews und Porträts nach sich zog, in denen er über Günter Grass und Siegfried Unseld sprach, über Religiosität und seine Vorstellung von Glück. Allerhand Tiefgründiges und Erhabenes war also über ihn und von ihm zu erfahren, wie man es bei einem Großschriftsteller nicht anders erwartet.

Doch manchmal verstecken sich die schönsten Erkenntnisse über einen Menschen ja nicht im großen Gedanken, sondern im profanen Detail. Er habe, so verriet Walser in einem Interview mit "Bild am Sonntag", neulich 7.777 Euro im Lotto gewonnen.

Martin Walser spielt also Lotto. Aber warum bloß? Walser wohnt in einem großen Haus direkt am Ufer des Bodensees, er hat unzählige hochgelobte und vielfach verkaufte Romane geschrieben, er ist seit fast 70 Jahren verheiratet, hat fünf Kinder und ist mit seinen 90 Jahren immer noch fit genug, um im Bodensee zu schwimmen. Das klingt an sich schon wie ein Lottogewinn. Außerdem sind die Chancen, durch Lottospielen richtig reich zu werden, verschwindend gering – wer also auch nur ein wenig Verstand hat, spart sich den Tippschein. Und dann ist Lottospielen traditionell eher ein Ritual aus der Welt des kleinen Mannes als aus der des großen Denkers – die Vorstellung, dass Martin Walser in einer Lotto-Annahmestelle seine Kreuzchen macht, ist zunächst mal so kurios wie der Gedanke, Günter Grass wäre begeisterter Gartenzwergsammler gewesen oder Jürgen Habermas würde sich abends in seinen Partykeller zurückziehen, um seine James-Last-Platten abzustauben.

Aber da ist noch etwas anderes – das, was das Lottospielen eigentlich ausmacht: Lotto ist die Feier des Irrationalen. Woche für Woche malen sich Lottospieler ein Was-wäre-wenn-Leben aus, ein anderes Ich, in allen Details, wider besseres Wissen. Versuchen Schriftsteller das nicht auch, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen? Und: Walser hat in einem der Interviews erzählt, dass er Bücher ohne festen Plan mit dem ersten Satz beginne und dann seiner rechten Hand dabei zuschaue, wie es weitergehe. Das Vertrauen darauf, dass daraus am Ende ein Roman wird, der seine Leser findet – ist das etwas anderes als der kindlich schöne Glaube des Lottospielers an den Eintritt des völlig Unwahrscheinlichen? Walser jedenfalls scheint diesen Glauben zu besitzen. Und wer weiß: Vielleicht hätte er es als Kind eines Gastwirts und Kohlenhändlers sonst auch nicht so weit gebracht.

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