Marva Griffin Wilshire "Alle wollen Stühle machen"

© Alessandro Furchino Capria
Niemand kennt die jungen Designer der Stadt so gut wie Marva Griffin Wilshire. Ein Gespräch über gute und schlechte Sitzgelegenheiten – und Schönheit, die sich manchmal sogar in einem Plastikkrokodil zeigt. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Jemand, der sich beruflich mit Design beschäftigt, wohnt sicher in einer streng durchkomponierten Wohnung, in der alle Farben und Formen aufeinander abgestimmt sind – so stellt man es sich jedenfalls vor, als der Portier eines Altbaus im Mailänder Viertel Brera einem den Weg zu Marva Griffin Wilshires Wohnung weist. Aber zwei Stockwerke höher öffnet sich die Tür zu einer Wunderkammer: geblümte Sofas, ein Schemel, der mit bunten Plastiksteinchen besetzt ist, ein hellrosa Sessel, daneben ein alter Golfschläger mit Ball, eine Matrjoschka-Figur, in einer Vitrine Pokale, auf dem Parkettboden ein alter Röhrenfernseher, der als Bücherablage dient. Für junge Designer gibt es wohl kaum jemanden, der wichtiger wäre als Marva Griffin Wilshire: Sie organisiert seit 20 Jahren den Salone Satellite, auf dem parallel zur Mailänder Möbelmesse junge Designer ihre Prototypen präsentieren können. Wenn man ihr zuhört, versteht man schnell, wie diese kleine Frau es aus einem Dorf Venezuelas in die Hauptstadt des Designs geschafft hat: mit Energie, Zähigkeit und einem starken Willen.

ZEITmagazin: Frau Griffin Wilshire, wir sitzen hier in Ihrem Esszimmer. Wie wählen Sie die Einrichtung für Ihre Wohnung aus?

Marva Griffin Wilshires: Es gibt genau eine Regel, nach der ich meine Einrichtung aussuche: Es muss mir gefallen.

ZEITmagazin: Gibt es einen Einrichtungsgegenstand, der besondere Bedeutung für Sie hat?

Griffin Wilshires: Ja, im Wohnzimmer der Spiegel von Cassina, der auf einem Kunstwerk von Man Ray basiert: ein ovaler Spiegel, auf dem in Schreibschrift "Les grands trans Parents" steht, ein Wortspiel, das aus den französischen Wörtern Transparent und Großeltern besteht und das mir in seiner Surrealität immer sehr gefallen hat. Das ist das erste Designstück überhaupt, das ich mir gekauft habe. Aber eigentlich hat alles in meiner Wohnung eine Bedeutung für mich. Schauen Sie hier an der Wand: Die Teller sind von dem Künstler Piero Fornasetti. Er hat jedes Jahr einen Teller gestaltet, der für das Jahr steht. 1988 fing Piero an, mir jedes Jahr einen Teller zu schenken, und sein Sohn Barnaba setzt das fort. Ich liebe das Porzellan von Fornasetti. Die Stühle, auf denen wir sitzen, hat Richard Sapper für Magis entworfen. Ich habe ihn bewundert, er war ein guter Freund.

Marva Griffin Wilshire

wuchs in Venezuela auf. Sie organisiert den Mailänder Salone Satellite, eine wichtige Plattform für junge Möbeldesigner, die 2014 mit dem Designpreis Compass d’oro ausgezeichnet wurde. Griffin-Wilshire ist seit 2001 Mitglied des Designkomitees des MoMA in New York.

ZEITmagazin: Was ist für Sie gutes Design?

Griffin Wilshires: Design ist das älteste Gewerbe der Welt. Alles ist designt, was uns umgibt, alles. Noch der einfachste Hocker. Für mich ist das wichtigste Kriterium, dass etwas nützlich ist. Zum Beispiel ein Glas, das so gestaltet ist, dass man es gut halten und daraus trinken kann, ohne etwas zu verschütten. Oder ein Stuhl: Kein anderes Möbelstück wird so oft entworfen. Alle Designer wollen Stühle machen. Und es gibt Stühle, die interessant sind, weil sie bequem sind. Und andere, auf die man sich besser erst gar nicht setzt. Ein unbequemer Stuhl ist nicht nützlich und, aus meiner Sicht, kein gutes Design.

ZEITmagazin: Und wenn er besonders schön ist?

Griffin Wilshires: Schönheit ist ein Element des Designs. Aber grundlegend ist die Nützlichkeit.

ZEITmagazin: Warum sind wir überhaupt bereit, Geld auszugeben für Schönheit, die über die Nützlichkeit hinausgeht?

Griffin Wilshires: Ich glaube, das ist ganz tief in uns verankert. Wenn etwas schön ist, gibt es uns ein gutes Gefühl. Wenn ich könnte, würde ich mir ein Bild von Mark Rothko kaufen, ich würde nach Hause kommen und sofort in dieses wunderbare Rot und Orange eintauchen. Bloß zwei Farben, die mir aber eine Emotion vermitteln. Wer es sich leisten kann, wird sich immer mit Dingen umgeben, die er schön findet. Aber natürlich hat jeder eine andere Vorstellung davon, was schön ist. Und das muss nicht teuer sein: Ich habe eine Freundin, die ein riesiges aufblasbares Krokodil, so eines, das Kinder zum Schwimmen benutzen, direkt im Flur ihrer Wohnung stehen hat. Sie hat eine Lampe dahinter gestellt, die es beleuchtet. Und es ist wunderschön!

ZEITmagazin: Woher kommt Ihr Interesse an Design?

Griffin Wilshires: Mir hat schon immer alles gut gefallen, was mit Häusern und Dekoration zu tun hatte. Möbel, Blumen ... Alles, was schön ist, gefällt mir, seit ich klein war.

© Alessandro Furchino Capria

ZEITmagazin: Sie sind in El Callao, einer sehr kleinen Stadt im Osten von Venezuela, aufgewachsen. Was verschafft Ihnen dort Inspiration?

Griffin Wilshires: Unser Haus. Ich bin in einem sehr großen Haus aufgewachsen, mit einer großen Familie: Wir waren acht Geschwister, und auch die Mutter meiner Mutter lebte bei uns. Das Haus war um zwei Höfe gebaut. Im ersten hatte meine Mutter einen Garten angelegt, mit Rosen, Orchideen, er war wunderschön. Und in dem hinteren Hof standen Bäume voller Mangos, Orangen, Zitronen, Avocados oder Mamónes, das sind süße, saftige Früchte mit grüner Schale. Als ich klein war, ging ich morgens im Nachthemd in den Hof, pflückte mir eine Orange, und meine Großmutter schälte sie mir. Es war wie im Paradies. Im Hof hielten wir auch Tiere, mein Vater hatte Kampfhähne, die wir nicht anfassen durften. Daneben gab es Hennen, unsere Eier, die wir morgens aßen, kamen direkt von ihnen.

ZEITmagazin: Das wievielte Kind waren Sie?

Griffin Wilshires: Ich war Nummer sechs.

ZEITmagazin: Wie hat Sie das geprägt, mit so vielen Geschwistern aufzuwachsen?

Griffin Wilshires: Es war wunderbar! Wir sind ein richtiger Clan. Ich habe selbst nur einen Sohn, aber eine meiner Schwestern hat sechs Kinder, ein Bruder fünf, und meine Mutter lud jeden August alle ihre Enkel zu sich ein. Mein Sohn hat bis heute ein sehr enges Verhältnis zu seinen Cousins und Cousinen.

ZEITmagazin: Wie bekamen Sie in Ihrer Kindheit ein Gespür für Design?

Griffin Wilshires: Es gab in unserem Dorf einen Laden, in dem alles Mögliche verkauft wurde. Auch Zeitschriften. Dort gab es genau eine amerikanische Zeitschrift: House & Garden. Die kaufte ich mir von meinem Taschengeld. Ich liebte es, mir die schönen Häuser und ihre Einrichtung anzusehen. Meine Mutter fand es immer unglaublich, dass ich später dann tatsächlich für genau diese Zeitschrift gearbeitet habe!

ZEITmagazin: Das war, als Sie schon ein paar Jahre in Italien lebten. Wann haben Sie Ihr Dorf verlassen?

Griffin Wilshires: Als ich aufs Gymnasium kam, schickten mich meine Eltern in Trinidad, in der Karibik, zur Schule. Der Unterricht war auf Englisch. Mir haben Sprachen immer gefallen, ich studierte später Sprachen in Caracas, Englisch und Französisch.

Marva Griffin Wilshire lebt zwischen Büchern und Objekten von Designern, die sie verehrt. © Alessandro Furchino Capria

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