Matteo Thun Der Wilde

ZEITmagazin Nr. 15/2017
Als Matteo Thun jung war, musste Design nüchtern und funktional sein. Das sah er nicht ein und gründete die Memphis-Bewegung – von da an war Design bunt, laut und emotional. Zu Besuch bei einem Revolutionär. Von

Es begann mit einer Rose. Der Designer Ettore Sottsass war in den siebziger Jahren in Los Angeles, um einen Vortrag zu halten. Bevor er zum Flughafen fuhr, wollte er schnell noch eine Blume am Grab von Marilyn Monroe ablegen, aber er wusste nicht, wo es zu finden ist. Das war die große Chance eines jungen Designstudenten aus Bozen, der Ettore Sottsass verehrte: Matteo Thun.

Er studierte damals in Los Angeles und hatte Sottsass’ Vortrag gehört. Der hatte darin das Ende des Designs beschworen. Was bemerkenswert war, denn Sottsass war einer derjenigen, die das Design in Italien groß gemacht hatten. Der Italiener war damals ein Superstar. Er spürte den Zeitgeist vor allen anderen, seine Haare waren schon lang, als die Beatles noch brave Scheitel trugen. Er hatte den ersten Computer für Olivetti gestaltet. Er war der coolste Designer der Welt – und Thun wusste, dass er diesen Moment nutzen musste, um sich seinem Idol zu nähern. Also sprach er Sottsass an – Sottsass fragte nach dem Grab. Thun führte ihn zu Marilyn Monroe, und er besorgte auch die Rose. Zum Dank sagte Sottsass, Thun solle ihn doch in Mailand besuchen.

Das war eine Höflichkeitsfloskel. Wenige Monate später stand Thun tatsächlich vor der Tür. Und er blieb. Es war der Beginn einer schicksalhaften Zusammenarbeit. Daraus erwuchs eine weltbekannte Designbewegung, die ihr Zentrum in Mailand haben sollte: das Memphis-Design.

Matteo Thun ist jemand, den man treffen muss, um Mailand zu verstehen. Thun gehört heute selbst zu den großen Namen des italienischen Designs. Seit 40 Jahren steht er für die Mailänder Designgeschichte. Er steht für das Gestern und das Heute dieser Metropole, in der Designer wie Achille Castiglioni, Richard Sapper und Enzo Mari groß wurden. Und eben Ettore Sottsass, mit dem Thun fast schicksalhaft verbunden ist.

Bevor Matteo Thun nach Mailand zog, hatte er in Florenz gelebt und Architektur studiert. Florenz ist die Schatzkammer Italiens. Und Mailand? "Mailand ist die Fabrik", sagt Thun. Als er als junger Mann hierher zog, war ihm klar, dass er nun vor allem arbeiten wollte. Er erzählt, Sottsass sei keineswegs erfreut gewesen, als Thun sich bei ihm vorstellte. Aber er habe ihm etwas zu tun gegeben. Matteo Thun sollte einen Salzstreuer zeichnen. Für die Firma Alessi. Und dann einen Weinkühler. Sottsass, sagt Thun, sei damals gerade dabei gewesen, sich von seiner Frau zu trennen, und habe sich oft mit Wodka narkotisiert. Er konnte Unterstützung gebrauchen.

In Mailand wird in den achtziger Jahren hart gearbeitet und hart gefeiert. Es ist die Zeit, als Keith Haring im Plastic Club mit dem DJ knutscht. "Du konntest jeden Abend neue interessante Leute kennenlernen", sagt Thun. "Mailand war eine Familie ohne Futterneid – jeder gönnte jedem den Erfolg, denn Erfolg war für alle gut."

Heute hat Matteo Thun mit seiner Firma Thun & Partners ein Atelier mitten im Universitätsviertel Brera. Ein unscheinbares Schild weist auf die Firma hin. Im Konferenzraum mit Blick auf den Innenhof empfängt Thun seine Gäste. Er ist 64 Jahre alt, aber hat noch immer etwas von einem jugendlichen Draufgänger. Der Designer und Architekt beschäftigt 70 Mitarbeiter. Er ist ein Pionier des ökologischen Bauens. Er war der Erste, der ein Solar-Fertighaus errichtete, der Erste, der Bäume in einen Wohnraum stellte. Bei Thun geht es stets um die Versöhnung des Menschen mit der Natur. Und um Einfachheit. Gerade hat er im Auftrag der Solinger Firma Zwilling eine Messerserie für den chinesischen Markt entworfen. Es sind Messer mit bunten Griffen und Klingen, aus so hartem Stahl gefertigt, dass sie nie stumpf werden.

Auch in Mailand hat Thun viele Spuren hinterlassen. Im Quartier um die Via Tortona hat er eine Wohnsiedlung gestaltet. Die Atmosphäre in seinem Atelier ist eher familiär. Er wolle seinen Betrieb gerade so groß haben, dass er noch am Schicksal jedes seiner Mitarbeiter teilhaben könne, sagt er. Thun ist ein guter Verkäufer, er kann einem einen schlichten Gegenstand, etwa eine Kaffeetasse, so beschreiben, als vereine das Stück nicht nur alle Gesetze der Gestaltung, sondern sei auch noch auf der Grundlage ethischer Prinzipien gestaltet. Thun ist Sportler, er hat sich beim Drachenfliegen und beim Skeleton schon manchen Knochen gebrochen. Beim Skeleton rast man bäuchlings auf einem Schlitten einen Eiskanal hinab.

Immer wieder kommt Thun auf Ettore Sottsass zu sprechen. Alles habe er bei Sottsass gelernt, sagt er. Vor allem die Reduktion. Ein ums andere Mal habe sein Chef ihm aufgetragen, die Dinge einfacher zu gestalten. "Lass weg, was du weglassen kannst, mach es so einfach wie möglich!" Nächtelang saß er im Atelier von Sottsass und ließ weg.

Design hat für Thun eine gesellschaftliche Aufgabe. Es muss die Welt besser machen. Politisch sein. Die wenigsten Designer würden heute für sich beanspruchen, die Welt zu verbessern, wenn sie einen Stuhl entwerfen. Thun tut das immer noch. Selbst wenn er ein Luxushotel auf einer Insel bei Venedig baut, verbindet er seinen Entwurf mit dem Anspruch, besonders nachhaltig zu planen. Er will reduziertes Design machen, No-Design, so nennt er das.

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