Philippe Tabet 4

© Alessandro Furchino Capria
Der Franzose Philippe Tabet war so schlecht in der Schule, dass die Lehrer ihm rieten, Klempner zu werden. Nur Zeichnen fiel ihm leicht. In seiner neuen Heimat hat er Leute gefunden, die er seine Familie nennt. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2017

Es gibt viele gute Geschichten, die erklären, warum man Designer geworden ist. Es sind Geschichten, die Designer sich ausgedacht haben. Ich will die Wahrheit erzählen: Mich hat kein toller Stuhl oder Tisch aus Kindertagen beeindruckt und zum Design gebracht. Mit 19 Jahren war ich sehr deprimiert und traurig, ich war der Schlechteste in der Schule in Versailles. Ich verstand nichts. Und weil ich nichts verstand, fing ich an zu zeichnen. Nach dem Schulabschluss überlegte ich, was ich machen könnte. Aber mit einem schlechten Zeugnis hat man in Frankreich kaum Möglichkeiten. Die Lehrer sagten, ich solle Klempner werden.

Dem Barhocker aus Kunststoff hat Philippe Talet einen Bügel für die Füße verpasst. Auch Uhren entwirft er. © Alessandro Furchino Capria

Ich ging dann nach Kanada, um Englisch zu lernen. Zurück in Paris, habe ich mich an der Kunst- und Designschule École de Condé in Paris beworben, eine Freundin hatte mir davon erzählt. Ich dachte, die könnten mir vielleicht zeigen, was ich mit meinen Zeichnungen anstellen kann. Das erste Jahr probierte ich vieles aus und entschied mich dann für Produktdesign. Ich fand die Idee toll, dass aus einer Zeichnung richtige Objekte entstehen können. Nach dem Studium arbeitete ich für BETC Design, ein großes Designstudio in Paris, das als Kunden Firmen wie Evian hatte. Eigentlich wollte ich aber Stühle entwerfen, und ein Kollege in dem Studio sagte: "Du solltest nach Mailand gehen! Das ist die Stadt des Designs!" Ich schickte also mein Portfolio an Mailänder Studios – und Odoardo Fioravanti, einer der interessantesten italienischen Designer, antwortete. Das war 2010. Drei Jahre war ich bei Fioravanti und habe vor allem Stühle entworfen, fast 200 Stück. Nicht alle schafften es in die Produktion.

Ich kannte Mailand bis dahin nicht. Dorthin zu gehen war ein Experiment. Und es ging gut. In Paris ist der Einstieg zwar leichter. Es gibt weniger Designer und Studios. Man wird mehr gefördert und kann an kleinen Projekten arbeiten. Auch, weil der Beruf des Designers in Paris noch etwas Besonderes ist. Aber wenn man ernsthaft arbeiten will, muss man in Mailand gewesen sein. Mailand bedeutet Zugang zu den großen Firmen und Marken. Mir hat es sehr geholfen, dass ich bei Odoardo Fioravanti war. Die Mailänder Designszene ist eine family affair, jeder erschafft sich eine eigene Familie. Machst du deine Arbeit gut, wirst du weiterempfohlen. Nach dem Prinzip: Du hilfst mir, ich helfe dir.

© Alessandro Furchino Capria
Die Beine des Sessels hat Tabet unter einem Stoffbezug verborgen. Design ist für ihn Millimeterarbeit. © Alessandro Furchino Capria

2013 habe ich dann mein eigenes Studio gegründet. Dafür braucht man eigentlich nicht viel, lediglich ein gutes Netzwerk, einen Computer und ein paar Programme. Aber das Wichtigste ist Mut. Ich musste das Risiko eingehen, es war mein Motor. Ich konnte dann ab dem ersten Tag von der Arbeit in meinem Studio leben, und seit ein paar Jahren läuft es sogar ziemlich gut.

In Italien ist der Designer ein Denker, in Frankreich ein Zeichner. Ich gehöre ganz klar zur französischen Schule. Mein Werkzeug für gutes Design ist meine Hand, die versucht, eine Idee auf Papier auszudrücken. Viele Ideen werfe ich weg. Ich will ein Objekt entwerfen, das sich richtig anfühlt und mir wirklich gefällt. Die Momente, in denen ich gestalte und konzipiere, sind für mich der beste Teil der Arbeit: dieser Wow-Effekt. Wenn man das Gefühl hat, in einem Schwarzen Loch gefangen zu sein, nicht mehr weiterweiß – und plötzlich kommt doch eine gute Idee. Es geht beim Designen ja auch darum, sich selbst zu überzeugen. Etwas zu entwerfen, wozu das Gehirn laut "Ja!" sagt.

Früher habe ich beim Designen kaum über die Produktionskosten nachgedacht. Seit ich mit großen Firmen zusammenarbeite, muss ich immer wieder überlegen, wie es günstiger werden kann. Das ist oft eine Herausforderung. Aber meistens wird der Entwurf dadurch besser und einfacher. Während dieses Prozesses zeigt sich auch, ob das eigene Design gut genug ist.

Philippe Tabet, 31, hat an der École de Condé in Paris und Lyon Produktdesign studiert. 2013 gründete er sein Studio in Mailand. Er arbeitet mit Marken wie Miniforms, Infiniti, Incipit, Lexon und Pianca zusammen. Am liebsten entwirft er Stühle. © Alessandro Furchino Capria

Meine Generation hat natürlich, wie alle Generationen vor ihr, eine eigene Sprache entwickelt. Ich glaube, unser Stil ist von Masse geprägt. Von Quantität. Es gibt einfach so viel Design und so viele Designer. Ständig sehen wir neue Objekte. Im Internet, zum Beispiel auf Instagram. Die Objekte müssen dort funktionieren, ohne dass man sie anfassen kann: Sie müssen sofort verständlich sein. Wir brauchen heute eigentlich immer einen Wow-Effekt. Gleichzeitig stehen uns natürlich auch viel mehr Techniken zur Verfügung als früher. Zum Beispiel der 3-D-Druck.

Mein Held ist der englische Designer Jasper Morrison. Er ist wirklich gut. Ihm gelingt es wieder und wieder, tolle und trotzdem einfache Lösungen zu finden. Er übersetzt unsere Wünsche perfekt. Ich versuche immer herauszufinden, wie er das macht. Das frage ich mich übrigens bei allen Objekten, die ich sehe. Ein Nachteil des Berufs ist: Man sucht ständig nach Problemen, die man lösen kann. Ab und zu damit aufzuhören fällt mir schwer.

© Alessandro Furchino Capria

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Schön, wenn ein Mensch weiß, was seine beruflichen Neigungen sind und sich selbst gegen ein gut gemeinten Rat Anderer durchsetzt.
Nur überschätzen sich viele Menschen im kreativ künstlerischen Bereich häufig ihre Fähigkeiten, nach dem Motto, ich kann meine eigene Wohnung gut einrichten und verstehe was von schönen Gegenständen und gestalte gern. Deshalb sind die beruflichen Arbeitschancen eher bescheiden.