© Alessandro Furcino Capria

Simone Bonanni 2

ZEITmagazin Nr. 15/2017
Simone Bonanni hat sich in die Stadt verliebt, die ihm so viele Anregungen bietet. Wenn er ein Objekt entwirft, sind ihm Form und Farbe nicht so wichtig. Er fragt sich: Wie riecht es, wie fühlt es sich an? Von

Ich versuche, mir meinen Tag in Sand und Steine einzuteilen. Meine Arbeit im Studio ist wie eine Vase: Wenn ich die Vase zuerst mit Sand fülle, also mit irrelevanten Dingen wie Facebook, E-Mails und Chats mit Freunden, ist am Ende kein Platz mehr für die Steine. Also fange ich mit den Steinen an, und wenn ich hinterher noch etwas Sand daraufkippe, füllt der den Platz zwischen den Steinen aus. Die Steine, das sind für mich die wichtigen Dinge und großen Projekte, mit denen ich gleich am Morgen beginne, wenn mein Kopf noch frisch und ausgeruht ist. Im Lauf des Tages kommt dann der Sand dazu. Am Abend lese ich. Ich finde es wichtig, mich weiterzubilden und mir neues Wissen anzueignen. Manche Designer vergessen das. Wenn sie älter werden, produzieren sie nur noch Abwandlungen ihrer alten Ideen. Oft bin ich abends sehr müde. Ich brauche den Schlaf, um meine Gedanken und meine Ideen zu ordnen. Manchmal wache ich tatsächlich mit der Lösung eines Problems auf. Nur das frühe Aufstehen, das ich mir immer vornehme, schaffe ich nie.

Ich bin in der Kleinstadt Pordenone im Nordwesten Italiens aufgewachsen. Nach der Schule ging ich nach Mailand und fing an, am Istituto Europeo di Design Produktdesign zu studieren. Mailand war für mich eine Offenbarung. Ich dachte, ich sei im Zentrum der Welt angekommen. Ich habe mich sofort unsterblich in die Stadt verliebt, und erste Lieben lassen einen ja nicht so leicht los. Mein Lieblingsort im Sommer ist übrigens der Schlosspark Parco Sempione – sehr romantisch. Nach dem Studium ging ich nach Amsterdam und arbeitete drei Jahre lang im Studio von Marcel Wanders als Produktdesigner und Produktionsleiter. Vor zwei Jahren bin ich nach Mailand zurückgekehrt und habe mein eigenes Studio gegründet.

Mailand bietet so viele Möglichkeiten. So viele Schlüsselfiguren der Möbelindustrie leben hier. Es gibt jede Menge Ausstellungen und Veranstaltungen, wo man interessante Menschen trifft und Kontakte knüpfen kann. Das ist fantastisch. Es gibt nur einen Nachteil: Die Arbeit endet nie. Wenn man nach einem langen Tag noch ausgeht, geht auch die Arbeit weiter. Das verwandelt den Beruf in einen Lebensstil.

In Mailand geht es immer um Design: Alles ist Design, und jeder will Designer sein. Das führt dazu, dass der Markt total überfüllt ist und die Arbeit des Einzelnen weniger wertgeschätzt wird. Das Angebot übersteigt die Nachfrage. Das verwirrt vor allem die junge Generation, für die ich spreche. Wir denken ständig darüber nach, wie die eigene Arbeit wieder an Relevanz gewinnen könnte und welche Wege wir gehen könnten, um herauszustechen. Das ist eine große Herausforderung, gleichzeitig aber auch eine Chance, weil man sich selbst und die eigene Arbeit immer wieder hinterfragt und kritischer wird. In den letzten 50 Jahren ist im Design viel geschehen. Früher haben sich Designer auf ein Produkt konzentriert und sich viel Zeit für die Entwicklung genommen. Das bedeutete auch, dass sie Zeit hatten, Fehler zu machen. Heute sind wir an viele Abgabetermine gebunden. Es gibt kaum noch Zeit, um zu experimentieren oder aus Fehlern zu lernen. Jede Firma braucht alle sechs Monate neue Produkte für die neue Kollektion. Das ist der Unterschied. Aber Spaß macht es natürlich trotzdem, und ich will neugierig bleiben und mich immer wieder überraschen lassen können.

Bonanni ist in einem ehemaligen Werkstattkomplex untergekommen, in dem sich Designer und Architekten einen Raum teilen. © Alessandro Furcino Capria

Früher habe ich geglaubt, ich entwerfe, um Menschen glücklich zu machen. Heute weiß ich, dass ich eigentlich für mich selbst designe, um Produkte zu schaffen, die andere Eigenschaften haben als ich. Klare, einfache Objekte, die sofort verständlich sind. Das gefällt mir an dem Beruf: Objekte zu entwerfen mit Eigenheiten, die mir fehlen. Vielleicht ist der Designprozess auch deshalb so intim für mich. Ich zeige meine Entwürfe nie anderen, bevor sie fertig sind. Wenn ich zeichne, muss ich ganz für mich sein. Ich kann nicht mal Musik hören.

Simone Bonanni

27, kommt ursprünglich aus dem norditalienischen Pordenone, er hat in Mailand Produktdesign studiert. Erst vor einem Jahr gründete er sein eigenes Studio. Er unterrichtet am Istituto Europeo di Design.

Mich interessiert es, ein Objekt zu erfahren. Wie fühlt es sich an, es zu benutzen? Es anzufassen, zu riechen, es Freunden zu zeigen? Macht sein Besitz stolz? Form und Farbe finde ich gar nicht so wichtig. Das Entscheidende ist wirklich das Gefühl. Ich habe drei Lieblingsobjekte zu Hause. Den "Knotted Chair" von Marcel Wanders, den er entworfen hat, als er noch sehr jung war und der wirklich eins der besten Designobjekte unserer Zeit ist. Nummer zwei ist ein kleines Messer. Ein ganz kleines Messer. Es ist von Guzzini und wirklich perfekt. Und mein drittes Lieblingsstück sind meine Buntstifte. Manche Farben sind noch unbenutzt, aber wie sie da so lustig auf meinem Tisch stehen, machen sie mich einfach froh.

Protokoll: Carolin Würfel

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren