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Das war meine Rettung "Die Menschen brauchen einen Chef"

Weil er aus Algerien stammt, fühlte sich Alain Caparros in Frankreich nicht anerkannt. Das weckte seinen Ehrgeiz. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 16/2017

ZEITmagazin: Herr Caparros, im Gegensatz zu Ihnen sind andere Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen eher selten bereit, über sich zu sprechen. Woran liegt das?

Alain Caparros: Vielleicht daran, dass die meisten in der Öffentlichkeit keine Angriffsfläche bieten wollen. Das Schweigen kommt einer Mystifikation der Vorstandsetagen gleich. Ich nenne es das Vorstandsetagen- Syndrom. In einem großen Konzern ist die Gefahr groß, dass ich nur höre, was ich hören möchte. Deshalb frage ich, hake nach, suche kluge Einwände, fundierten Widerspruch. Ich bin davon überzeugt, dass die Liebe im Management rentabel ist – also wenn du dein Umfeld magst, dich für die Menschen interessierst. Dann wirst du erfolgreich, und der Ertrag wird kommen. Wenn man nicht emotional dabei ist, nimmt man sein Umfeld weniger wahr.

ZEITmagazin: In welcher Situation befand sich Rewe, als Sie 2006 die Führung übernahmen?

Caparros: Die Situation war damals sehr prekär, ich war mehr bei der Staatsanwaltschaft als in meinem Büro, denn es gab bei einigen Vorständen den Verdacht auf illegale Handlungen. Es war überall große Anspannung zu spüren. Chaos im Vorstand und ein großer Vertrauensverlust bei den Mitarbeitern gegenüber ihren Führungskräften, nach dem Motto: Die kriegen den Hals nicht voll. Ich sagte mir: Auch wenn ich wenige Chancen habe, als Chef zu überleben, ich muss alles tun, um das Unternehmen zu retten.

ZEITmagazin: Wie gelang Ihnen das?

Caparros: Rewe lief bei dem Riesenchaos die Zeit davon, so bekam ich die Möglichkeit, Prozesse und Strukturen, ja sogar das Management zu verändern, was vorher undenkbar war. Die Unternehmenskultur war damals sehr obrigkeitshörig. Die Rettung kam, weil das Unternehmen reif für Veränderungen war.

ZEITmagazin: In Ihrem Büro hängen Karikaturen, die Sie als Napoleon abbilden. Sind Sie als Chef knallhart?

Alain Caparros

60, ist in Tiaret, Algerien, geboren. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und war Generaldirektor von Aldi in Frankreich. Seit 2006 ist er Vorstandsvorsitzender der Rewe Group. Ende Juni wird er diesen Posten aufgeben. Caparros lebt in Düsseldorf

Caparros: Mein Führungsstil ist hart, aber nur in der Sache. Die Menschen brauchen einen Chef. Ich zähle nicht die Erbsen in der Dose zweimal, das ist nicht mein Stil. Meine Rettung war auch, die richtigen Leute zu haben, denn alleine schafft man es nicht, so einen Riesentanker umzudrehen. Ich weiß genau, wo ich hinwill und mit wem – das hat Unmut erzeugt. Mein damaliger Aufsichtsratsvorsitzender hat mir oft gesagt: Caparros, die Franzosen machen gern Revolution, aber wir sind in Deutschland. Sie sollten sich ein bisschen anpassen. Die Mitarbeiter und die Führungskräfte waren dennoch sehr beeindruckt von meiner Hartnäckigkeit und Entscheidungsfreudigkeit, das hat mir geholfen.

ZEITmagazin: Woher stammt Ihr Kampfeswille?

Caparros: Meine Vorfahren sind 1849 aus der Normandie und aus Spanien nach Algerien gezogen, wo ich geboren bin. Meine Eltern bauten sich dort einen gewissen Wohlstand auf, mein Vater betrieb erfolgreich eine Mühle. Als Algerien 1962 unabhängig wurde, sah ich, wie von heute auf morgen alles verloren ging. Es war ein Drama. Meine Eltern haben das nie verkraftet. Mein Vater war damals Mitglied bei der OAS, einer paramilitärischen Geheimorganisation, die gegen die algerische Unabhängigkeit kämpfte. Ich kann mich erinnern, dass er abends immer mit seinem Revolver aus dem Haus ging. Ich war als Kind sehr stolz, dass mein Vater so einen Revolver hatte, und habe meine Mutter gefragt: Was macht Papa denn? Aber ich habe damals natürlich noch nicht verstanden, worum es wirklich ging. Weder wofür mein Vater eintrat, noch was die Sicht der nach Unabhängigkeit strebenden Algerier war.

ZEITmagazin: Wie erging es Ihrer Familie bei der unfreiwilligen Rückkehr nach Frankreich?

Caparros: Als wir in Metz ankamen, war das für uns Ausland. Wir Algerien-Flüchtlinge waren nicht willkommen, wir waren im Endeffekt unerwünscht. Wir hatten keine Freunde mehr und bekamen auch keine Anerkennung. Das hat in mir das Bedürfnis geweckt, erfolgreich zu werden – ohne zu vergessen, woher ich komme. Ich will Geld verdienen, ich will was aufbauen. Das war mein Antrieb. Ich bin sehr optimistisch, und auf der anderen Seite muss ich beweisen, dass ich etwas kann. Ich bin mit mir nie zufrieden. Derjenige, der mich am meisten Nerven kostet und Energie, bin ich selbst.

ZEITmagazin: Mittlerweile haben Sie auch einen deutschen Pass. Warum?

Caparros: Wie wir damals in Frankreich behandelt wurden, fand ich sehr verletzend. Ich fühle mich hier in Deutschland sehr wohl und bin einer der besten Botschafter Deutschlands im Ausland. Wann immer Leute mich besuchen, sage ich: Mensch, nehmen Sie sich ein paar Tage, und ich zeige Ihnen dieses Land! Ich fühle mich genauso als Deutscher wie als Franzose.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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