Die großen Fragen der Liebe Verliert er seine Würde?

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ZEITmagazin Nr. 16/2017

Die Frage: Antonia steckt noch halb in einer Beziehung zu Markus, als sie sich in Constantin verliebt. Sie sagt ihm offen, dass sie mit Markus noch nicht ganz abgeschlossen hat, aber beide wollen es dennoch miteinander versuchen. Constantin glaubt, dass Antonia im Kopf, aber nicht im Bett noch an Markus hängt. Daher ist er perplex, als er eines Nachts Markus vor Antonias Tür trifft. Antonia sagt, sie sei sich jetzt ganz sicher, dass sie nur noch Constantin treffen will. Ein paar Tage nach dieser Szene treffen Antonia und Constantin eine gemeinsame Freundin. Constantin tut so, als ob er Antonia nicht kennen würde. Antonia will wissen, was los ist. Constantin sagt: "Du hast mich drei Monate betrogen; wenn ich mich jetzt mit dir sehen lasse, verliere ich meine Würde!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Constantin sollte um sich blicken, ob die verlorene Würde nicht irgendwo auf das Straßenpflaster gefallen ist. Bewahren lässt sie sich auf diesem Weg jedenfalls nicht. Wenn er Antonia nur noch heimlich treffen will und nach außen so tut, als sei er fertig mit ihr, macht er es nicht besser als sie. Constantin kann aus der Szene vor Antonias Wohnung lernen, dass ein neuer Freund nicht gleich herausfindet, wie wichtig die Vorgänger noch im Leben einer neuen Liebe sind. Antonia hat ihm nicht alles gesagt, aber immerhin angedeutet, dass sie noch nicht ganz frei ist. Vermutlich hat Constantin gar nicht mehr wissen wollen. Das war bequem für ihn, daher empfiehlt es sich, die Schuld nicht Antonia in die Schuhe zu schieben, sondern einen neuen Anfang zu versuchen und seine gekränkte Eitelkeit nicht an ihr abzureagieren.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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