© Brigitte Lacombe

Brigitte Lacombe Der lange Weg zur Gleichberechtigung

Wir zeigen Frauen, die vorangehen – und beschreiben, wie ein neuer Feminismus aussehen könnte. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 16/2017

ZEITmagazin: Frau Lacombe, Ihre Porträtserie zeigt Frauen, die Herausragendes geleistet haben. Wie kam es zu dem Projekt?

Brigitte Lacombe: Die Idee hatte die erfolgreiche britische Geschäftsfrau Edwina Dunn. Sie wollte etwas tun, um junge Frauen zu inspirieren und ihnen zu vermitteln, dass sie alles erreichen können, was sie wollen, und zwar unabhängig von Geschlecht, Herkunft und sozialen Umständen. Da sie aus der Wirtschaft kommt und noch nie ein Buch mit Fotos und Interviews gemacht hatte, suchte sie sich Unterstützung.

ZEITmagazin: So kamen Sie ins Spiel.

Lacombe: Ja, ich sagte unter der Bedingung zu, dass niemand außer meiner Schwester Marian die Interviews mit den Frauen machen könne. Denn Marian ist die einzige Person, mit der ich arbeiten kann.

ZEITmagazin: Warum?

Lacombe: Meine Porträts sind sehr intim. Es geht nie um große Ideen oder Konzepte, sondern darum, Nähe zu den Fotografierten herzustellen. Kein großes Set, keine Requisiten. Aus emotionalen Gründen traue ich nur meiner Schwester zu, Teil dieser intimen Momente zu sein. Jede andere Person käme mir wie ein Eindringling vor. Sie hat dann letztlich nicht nur Interviews geführt, sondern auch Videos von den Frauen gemacht.

ZEITmagazin: Sie zeigen eine große Bandbreite: Es sind Hollywoodstars wie Meryl Streep dabei, aber auch eine Feuerwehrfrau. Wie haben Sie die Frauen ausgesucht?

Lacombe: Einerseits stellten Dunn und eine ihrer Mitarbeiterinnen eine Liste von Frauen zusammen, die afrikanische Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee zum Beispiel oder eine 14-jährige Kletterin, die ich zuvor nicht kannte. Und dann begann ich, immer mehr Frauen aus meinem persönlichen Umfeld zu fragen, ob sie mitmachen wollen, wie zum Beispiel Christine Lagarde, Meryl Streep, Tavi Gevinson oder Lena Dunham. Das machte es für mich noch persönlicher. Und es war auch deswegen gut, weil klar war, dass diese Frauen Aufmerksamkeit auf unser Projekt lenken würden.

ZEITmagazin: Warum ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt für die Porträts?

Brigitte Lacombe wurde 1950 in Frankreich geboren. Ende der siebziger Jahre begann sie, als Filmset-Fotografin zu arbeiten. Ihre Starporträts machten sie berühmt. Lacombe lebt in New York. Unter thefemalelead.com gibt es die Videos zu ihrer Porträtserie © Brigitte Lacombe

Lacombe: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, genau wie gestern und nächstes Jahr. Der Kampf um die Gleichberechtigung war hart und bleibt hart. Glücklicherweise wird den Menschen immer bewusster, wie wichtig es ist, Frauen dieselben Rechte zu gewähren wie Männern. Sie machen 50 Prozent der Bevölkerung aus! Schon allein auf ihre Leistungsfähigkeit zu verzichten ist absurd. Ich habe den Eindruck, dass sich im Moment viel tut. Nehmen Sie den Women’s March zum Beispiel, bei dem Frauen auf die Straßen gingen, um gegen Donald Trump zu demonstrieren. Was ich interessant fand, ist etwas, das eine Freundin von mir bemerkte: Es gab bei diesen weltweiten Frauenprotesten keine Gewalt, keine Verhaftungen. Das ist schon bemerkenswert, denn wenn Männer an Protesten teilnehmen, gibt es meistens Zerstörung und gewalttätige Übergriffe.

ZEITmagazin: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Welche Rolle hat es gespielt, dass Sie eine Frau sind?

Lacombe: Ich habe ganz früh angefangen, mit 17, und keinerlei Diskriminierung erlebt. Aber mir ist völlig klar, dass sehr viele Frauen das von sich nicht sagen können.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben eine Frau, zu der Sie aufgeschaut haben?

Lacombe: Früh in meiner Karriere lebte ich in Paris und arbeitete als Assistentin von Janet Leroy, die damals die Modefotografin der Stunde war. Sie wurde zu meiner Mentorin. Doch gar nicht so sehr im Hinblick auf das Fotografieren, sondern vielmehr für das gesamte Leben. Sie war das, was ich letztlich auch wurde: eine Frau, die beschloss, keine Familie zu haben. Sie hat sich auf ihre Karriere und sich selbst konzentriert. Das fand ich toll, auch weil es als Frauenbild neu war für mich. Sie war das Gegenteil meiner Mutter. Und wenn du jung bist, ist ja klar, dass du alles anders machen willst als deine Eltern.

ZEITmagazin: Was war Ihre Mutter für eine Frau?

Lacombe: Sie war Ende des Zweiten Weltkriegs eine der ersten Anästhesistinnen in Frankreich. Und dann bekam sie drei Kinder, ich war das mittlere. Sie hat ihren Beruf für uns aufgegeben, es ging einfach nicht anders. Und auch wenn ich meine Mutter geliebt und bewundert habe, habe ich lange gebraucht, bis ich ihre Entscheidung verstand, die eigene Karriere aufzugeben, um Ehefrau und Mutter zu sein. Im Nachhinein aber begriff ich, dass die Lebensleistung meiner Mutter, drei Kinder großzuziehen, mindestens so beeindruckend und wichtig war wie irgendeine Karriere. Sie hat uns Kindern Liebe und Sicherheit geschenkt. Vielleicht ist das mehr wert, als einfach noch ein Fotograf in der Welt zu sein.

Kommentare

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Ich möchte nur mal ein Beispiel zur Gleichberechtigung schreiben: Ein junger Mann, frisch von der Uni bekommt ein Gehalt von 4000 €. heiratet bekommt drei Kinder. Die Frau lässt sich scheiden. Nun können sie rechnen. Von den 4000 € bekommt er nach Abzügen ca. 2000 € dann muss er Kindergeld bezahlen und den Unterhalt für die Frau. Nun können Sie sich ausrechnen wie viel ihm zum Leben bleibt. Er ist an der Armutsgrenze !
Die Frau dagegen bekommt Ihren Unterhalt, das Kindergeld vom geschiedenen Partner und vom Staat, arbeitet nicht und wenn es dann immer noch nicht reicht wird ihre Miete, Licht usw. auch noch vom Saat - und das sind wir alle Arbeitenden - bezuschusst. Dazu kommt, dass sie mit dem nächsten Mann zusammen lebt, aber aus finanziellen Gründen nur Tür an Tür.
Diese Frau hat doch das Paradies auf Erden. Der Exmann ist doch der Angeschmierte!
Warum sollte diese Frau auch Direktorin eines Großbetriebes sein? Sie wird immer Ausschau nach gut verdienenden Männern halten und hat ein bequemes Leben. So viel zur Gleichberechtigung aus einem anderen Blickwinkel.

"Glücklicherweise wird den Menschen immer bewusster, wie wichtig es ist, Frauen dieselben Rechte zu gewähren wie Männern."

Welche Rechte fehlen Frauen im Westen? Welche Rechte haben Männer, die Frauen nicht haben? Setzen Sie, Frau Lacombe, sich dann auch dafür ein, dass Männer ein Recht darauf bekommen sich nach der Zeugung eines Kindes gegen eine Vaterschaft zu entscheiden (das männliche Äquivalent zur Abtreibung)? Setzten Sie sich gegen die genitale Verstümmelung bei Jungen ein, die in vielen westlichen Ländern immernoch legal ist? Setzen Sie sich dafür ein, dass Frauen zum Kriegsdienst verpflichtet werden?

"Es gab bei diesen weltweiten Frauenprotesten keine Gewalt, keine Verhaftungen. Das ist schon bemerkenswert, denn wenn Männer an Protesten teilnehmen, gibt es meistens Zerstörung und gewalttätige Übergriffe"

Können Sie das quantifizieren? Wieviel Prozent sind "meistens"? Haben Sie Quellen dafür?

...in diesem Zusammenhang wäre vielleicht auch das 'Teilen' als sehr wichtigen Aspekt zu sehen - mit der Gleichberechtigung wird das Teilen in allen Bereichen immer wichtiger... Liebe und Geborgenheit kann auch ein Mann geben, der die Kinder nicht geboren hat und wer sagt, dass das immer die Mutter am besten kann... und warum ist ein Aufenthalt in der Kita oder in der Nachmittagsbetreuung so schädlich für die Familie, das Familienleben... warum sind Mütter die arbeiten wollen, immer noch Rabenmütter und warum ist die Arbeitswelt nicht fähig hier flexibler zu werden.... m. E. sind wir 'leider' nicht mehr - wie in den 70igern - in der Lage, Durchschnittslöhne, mit denen man eine mind. 4 - 5 Köpfige Familie mit allem was heute nötig ist und gewollt wird, zu bezahlen - aber zwei können das erwirtschaften... daher das 'Teilen'... 'geben' und 'nehmen'... etc. ... und auch Alleinerziehende habe Wünsche, vielleicht könnte eine sogenanntes bedingungsloses Einkommen darin bestehen, dass Alleinerziehende die Kosten für Kindergarten und Nachmittagsbetreuung ersetzt bekommen... Teilen heißt in diesem Zusammenhang auch leben und leben lassen...