© Andrew Caballero-Reynolds/AFP/Getty Images

Feminismus Feministin, ich? Ja! Aber wie?

Von
ZEITmagazin Nr. 16/2017

Ich zweifle an mir. Seit einer Weile geht das schon so. Ich zweifle daran, ob ich eine gute Feministin bin. Und frage mich, was Feministin sein heute eigentlich bedeutet, ob nicht diejenigen, die immer wieder die Frage nach der Notwendigkeit des Feminismus stellen, nicht doch recht haben.

Im Jahr 2017 scheint sich der Feminismus in Posen auf Instagram und nicht enden wollenden Auseinandersetzungen um Deutungshoheiten zu erschöpfen. Und ich frage mich: Wo stehe ich?

Sehr ernst wurden meine Zweifel an jenem Wochenende im Januar, als sich am Brandenburger Tor in Berlin viele Frauen und ein paar Männer zum "Women’s March" trafen, um sich mit den Freundinnen und Freunden in Washington zu solidarisieren, die dort für Gleichberechtigung und gegen eine frauenverachtende Politik auf die Straße gingen. Auf den Schildern, die die Demonstrantinnen in Berlin hochhielten, standen die gleichen Sprüche wie auf den Schildern in Washington: "Pussy grabs back", "Nasty Woman", "Our Bodies, Our Minds, Our Power". Defensive Ansagen in englischer Sprache gegen Sexismus. Es war eine Geste der Solidaritätsbekundung und vor allem ein Versuch, sich an den amerikanischen, sehr viel älteren, sehr viel erfahreneren und sehr viel sichtbareren Feminismus anzulehnen, als wäre die Situation der Frauen in Deutschland die gleiche wie in den USA. Als gäbe es in diesem weltweiten Kampf um Gleichberechtigung keine regionalen Unterschiede.

Das stimmt nicht. Es gibt Unterschiede. Die Situation für Frauen in Deutschland ist eine andere als in Amerika. In Amerika gibt es seit vielen Jahrzehnten Frauen (und ein paar Männer), die sich öffentlich und ohne Scham "Feministen" nennen, die sich politisch engagieren, Bücher und Artikel schreiben, die Filme machen und Serien und Magazine und seit ein paar Jahren auch Podcasts über die Ungerechtigkeiten, die Fremdbestimmung, über ihren Körper, ihre Lust, über ihr Leben. Ihre Stimmen sind manchmal so laut, dass man sie auch in Deutschland hören kann. Es sind die Stimmen von Eleanor Roosevelt, Mary McCarthy, Gloria Steinem, Bell Hooks, Coretta Scott King, Judith Butler, Oprah Winfrey, Nora Ephron, Miranda July, Lena Dunham, Roxane Gay, Rebecca Solnit.

So viele Vorbilder, die sich für die Frauen in den USA aus dem Stegreif nennen lassen, gibt es in Deutschland nicht. Der Feminismus in Deutschland ist immer noch damit beschäftigt, sich für seine Existenz zu rechtfertigen. Deshalb hatte ich an diesem Demonstrationswochenende so ein komisches Gefühl, ich habe den Frauen ihre Wut nicht ganz abgenommen, von der am Ende nicht viel mehr übrig blieb als Schnappschüsse auf Instagram: Junge Frauen in pinken Mützen strecken ihre geballten Fäuste in die Luft und zwinkern fröhlich in die Kamera. Diese Fotos erweckten den Eindruck, der Women’s March sei eine dieser lustigen Berliner Wochenendveranstaltungen. Wie der Karneval der Kulturen, irgendwie politisch, aber eigentlich ein großes Familienfest, auf dem viele lustige Selfies entstehen.

Das Problem ist, dass solche Schnappschüsse dem Feminismus die Ernsthaftigkeit absprechen. Wie so viele andere Schnappschüsse und Selfies auf Instagram, die den Feminismus zu einer Pose degradieren, für die man nur das richtige Outfit und die korrekte popkulturelle Referenz braucht. Beliebte Kleidungsstücke für das Feministin-Sein auf Instagram sind zum Beispiel: gebrauchte Ledermäntel, T-Shirts mit der Aufschrift "Feminist" oder "The Future is Female", strenge Anzüge und rosafarbene Kleidungsstücke jeglicher Art. Beyoncé, ihre Schwester Solange Knowles und Girls- Erfindern Lena Dunham sind die passende Referenz. Aber Klamotten oder die Verehrung erfolgreicher Frauen machen aus niemandem eine Feministin. Dabei brauchen wir dringend Erzählungen davon, wie sich Gleichberechtigung erreichen lässt. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem der Feminismus seit 40 Jahren ziemlich verzweifelt um seine Berechtigung kämpft und in dem sich bisher kaum ein Mann öffentlich für die Bewegung ausgesprochen hat, kann "Nasty Woman" keine ernst gemeinte Forderung sein und eine T-Shirt-Aufschrift nicht mehr als ein modisches Statement.

In keinem anderen Industrieland sind Frauen finanziell so abhängig von Männern wie in Deutschland. Männer haben im Schnitt ein um 21 Prozent höheres Einkommen als Frauen. Auch wird in keinem anderen Industrieland die Mutterrolle derart überhöht. Diese Posen, die so tun, als sei der Feminismus längst Teil des Mainstreams, lenken vor allem von der zentralen Frage ab, die in Deutschland endlich gestellt werden müsste: "Wie geht feministisches Zusammenleben eigentlich ganz konkret und Tag für Tag?"

Stattdessen dominiert eine andere Frage: Brauchen wir den Feminismus überhaupt? Auf sie gibt es zurzeit drei Antworten.

Die erste lautet: "Nö." Die Emanzipation und der damit verbundene Genderwahn seien überflüssig. Gleichberechtigung sei doch längst erreicht und das böse Patriarchat nur noch ein Gespenst der Vergangenheit. Wer sich als (junge) Frau noch am Feminismus festklammere und über Ungerechtigkeiten rede und schreibe, sei eine Memme, die zum Therapeuten gehöre. Diese Memme ist meistens sehr weiß und sehr privilegiert und hat zu viel Zeit zum Nachdenken und offensichtlich keine Ahnung, was in der echten Welt so los ist, sonst würde sie mit diesem Feminismus-Quatsch nämlich sofort aufhören. Dies ist die Position der Antifeministen, von Menschen, die Feminismus als eine Art geisteswissenschaftliches Nischenfach mit sehr eigenwilligen, sehr weltfremden Theorien verstehen, konstruiert von Frauen, die Männer nicht besonders mögen, weil die superfies sein können. Dabei wisse doch mittlerweile wirklich jeder, dass der arme Mann das eigentliche Opfer der Postmoderne ist.

Die zweite Antwort auf die Frage, ob der Feminismus in Deutschland überhaupt noch gebraucht wird, lautet: "Unbedingt!" Oft ist es jene sehr privilegierte, meist junge, gebildete Frau, die sich für die Bewegung einsetzt und auf die dann doch sehr realen Ungerechtigkeiten hinweist. Zum Beispiel darauf, dass Frauen nicht nur deutlich weniger verdienen als Männer, sondern sich gleichzeitig auch noch um Haushalt, Kindererziehung und später um die Pflege der Eltern kümmern müssen, dass ihnen eher Gewalt und Altersarmut drohen. Zu den objektiven Ungerechtigkeiten kommen subjektive. Weil Frauen nicht nur dieses Paket aus Karriere, Ehe, Elternschaft und Pflege schultern müssen, sondern sich währenddessen auch dem unrealistischen Körperideal beugen, sich angrapschen und als "Mäuschen", "Mädchen" oder "Schätzchen" degradieren lassen müssen. Diese Antwort geben Menschen, die an Gleichberechtigung glauben und verstanden haben, dass es beim Feminismus nicht (nur) darum geht, dass man sich gut fühlt, sondern dass Frauen (wie Männer) endlich aus ihren zugedachten Rollen ausbrechen.

Die dritte Antwort lautet: "Na ja ..." Sie ist gerade besonders beliebt. Sie sagt Ja zur Gleichberechtigung, findet Feministinnen aber entweder irre weltfremd oder irre anstrengend. Wäre es nicht für alle angenehmer, wenn Feministinnen ein bisschen netter und braver wären, also ihre Rolle nicht so übertreiben würden? Traditionen sind ja nicht nur schlecht. Außerdem hat sich der Feminismus in den letzten Jahren immer wieder selbst ins Abseits befördert mit Kämpfen um die Deutungshoheit (während sich alte Feministinnen wie Alice Schwarzer mit jungen Netzfeministinnen zanken, zankt die Welt sich ja um noch "echtere" Themen, um das, was Diktatoren anrichten, zum Beispiel).

Alle drei Antworten nähren meinen Zweifel. Meinen Zweifel an einem tatsächlich gelebten Feminismus in Deutschland, aber vor allem an mir und den Frauen, die mich umgeben. Die Frage nach der Notwendigkeit spiegelt ja vielleicht nur wider, was wir nicht wahrhaben wollen: dass nämlich der Feminismus in Deutschland so vor sich hinwabert, weil wir ihn nur theoretisch oder ästhetisch (also fashionmäßig) denken. Weil wir immer noch wie Duckmäuserinnen leben. Weil wir gar keine Antworten haben auf die Frage: Wie könnte feministisches Leben ganz konkret aussehen? Weil wir uns gar nicht befreien wollen. Und weil wir selbst Schuld daran haben, dass sich in den letzten 40 Jahren so wenig verändert hat.

Der "kleine Unterschied" ist immer noch da. Als 1975 das Buch von Alice Schwarzer erschien, eine Art Bestandsaufnahme, in der sie die erschreckend enge Lebenssituation von 17 Frauen protokollierte, brach ein Sturm aus Wut und Abscheu los. Heute ist das Buch ein Klassiker. Aber beim Lesen der Protokolle wirkt nichts weit weg, sondern sehr viel sehr nah. Ich erkenne die Frauen wieder.

Kommentare

480 Kommentare Seite 1 von 21 Kommentieren