Feminismus Feministin, ich? Ja! Aber wie?

Mit all diesen Zweifeln im Kopf könnte man jetzt therapeutisch weitere Gründe für die Mängel des Feminismus und vor allem für das Fehlverhalten junger Frauen (mich eingeschlossen) aufzählen. Man könnte zum Beispiel über die Mütter schreiben, die uns falsch erzogen haben, nämlich zu Frauen, die sich kleinmachen, zu Frauen, die insgeheim immer noch an den Prinzen glauben, der sie rettet, und daran, dass sie sich rarmachen sollten. Man könnte schreiben, wie blöd wir Frauen sind, dass wir immer noch die Namen unserer Ehemänner annehmen, kochen und die Wohnung einrichten und uns vor unangenehmen Gehaltsverhandlungen drücken, davor, Verantwortung zu übernehmen. Ich könnte schreiben, dass ich eine schwache Feministin bin, weil ich weder auf Instagram und erst recht nicht im realen Leben laut genug für meine Rechte einstehe, weil auch ich mich immer wieder angrapschen und mir über den Mund fahren lasse, ohne entsprechend zu reagieren. Dass ich immer wieder den Versuch unternehme, mich den propagierten Körperidealen anzunähern, und kläglich scheitere. Dass ich so sein will, wie mich die anderen haben wollen.

Laurie Penny, die britische Feministin, sagt, dass wir in einer Welt leben, "deren grausame Logik es will, dass du keine strukturellen Probleme siehst, sondern nur Probleme bei dir selbst und den noch viel marginalisierteren und verletzlicheren Leuten". Jetzt ist diese Logik also in meinen Kopf angekommen und manipuliert meine Gedanken. Redet mir ein: Ich muss mich ändern. Ich muss mich anpassen. Ich bin das Problem. Und aus diesem Ich wird schnell ein Wir. Also ein: Wir müssen uns ändern. Wir müssen uns anpassen. Wir Frauen sind das Problem. Dabei ist das nur ein ganz gemeiner Trick der Gesellschaft, ein Ablenkungsmanöver. Wir sollen die Fehler bei uns suchen, anstatt das System infrage zu stellen. Lieber Körper- und Seelenschau betreiben und uns mit unseren Zweifeln und unserem Schmerz instrumentalisieren lassen, reduzieren lassen auf die eine persönliche Geschichte, die nicht politisch ist, sondern lächerlich und peinlich erscheint in ihrer Selbstbezogenheit. Auch das hat Laurie Penny mal gesagt: "Wenn wir unsere Energie daran verschwenden, uns selbst zu hassen, wird sich nichts ändern."

Die falschen Fragen, sie müssen aufhören. Sie animieren uns zum Zweifeln. Die Frage, ob wir Feminismus brauchen, muss aufhören. Es ist doch klar, warum wir ihn brauchen. Weil es nur logisch und sinnvoll und gerecht ist, dass jeder Mensch – egal welchen Geschlechts – die gleichen Rechte genießt. Und: Es gibt auch keine guten und keine schlechten Feministinnen. Es gibt nur Frauen, die jeden Tag Wege nach vorn suchen.

Also versuche ich, etwas anderes zu schreiben. Etwas gegen den Zweifel und vor allem gegen die Scham und den gedanklichen Schwachsinn. Eine Art Anleitung zur feministischen Selbstsorge. Ich weiß, auch diese Anleitung, geschrieben von einer weißen, privilegierten Frau, erfasst vielleicht nicht, wie es den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft geht. Aber das heißt Gleichberechtigung ja auch: dass jede Stimme zählt.

1. Hör auf, dich für deine Wut zu entschuldigen!

2. Hör auf, dich als hässlich, unbegabt, unsympathisch, fett zu bezeichnen. Die Selbstzweifel verhindern, dass du wächst.

3. Hör auf, deinen Körper zu hassen. Streichle deinen Bauch!

4. Hör auf, auf deinem Teller herumzustochern und in deinem Kopf alles aufzuzählen, was du heute gegessen hast. Wenn du hungrig bist, iss!

5. Hör auf, dich mit anderen Frauen zu vergleichen! Jede Frau hat ihr eigenes Tempo.

6. Hör auf, dich bei deinem Partner für Tätigkeiten im Haushalt zu bedanken! Und hör auf, dich für diese Tätigkeiten verantwortlich zu fühlen.

7. Hör auf, Grapscher und Sexismus zu entschuldigen.

8. Hör auf, andere Frauen zu verurteilen. Vor allem Hausfrauen. Frage sie, wie es ihnen geht, und hilf ihnen dabei, nicht zu verschwinden.

9. Hör auf zu glauben, dass Intellekt und Sexappeal sich nicht vereinen lassen. Es gibt Männer, die keine Angst vor klugen, heißen Frauen haben. Finde sie.

10. Hör vor allem damit auf, verständnisvoll oder – noch schlimmer – dankbar zu lächeln, wenn ein Mann zu dir sagt: "Du bist erschreckend schlau!" Nimm ihn stattdessen in den Arm und erkläre ihm, dass Feminismus auch bedeutet, dass er sich aus seinem Käfig befreien kann.

11. Hör auf, schüchtern zu sein, leise, vorsichtig! Dafür haben wir keine Zeit mehr.

12. Hör auf zu glauben, dass du zu viel willst. Das ist auch so ein Trick.

13. Hör auf, dich zu rechtfertigen.

14. Hör auf, dich Schönheitsritualen zu unterziehen, die dir wehtun.

15. Hör auf, dir über den Mund fahren zu lassen, und greife ein, wenn du merkst, dass anderen Frauen über den Mund gefahren wird.

16. Hör auf, dir einzureden, Traditionen seien gar nicht so schlecht. Die Unterdrückung von Frauen fängt mit Traditionen an.

17. Hör auf, an Märchen zu glauben. Märchen wollen, dass du dich gut benimmst und deinen Platz als Frau findest. Dieser Platz ist sehr klein.

18. Hör auf, die Männlichkeit deines Partners zu beschützen. Es gibt weder weibliche noch männliche Tätigkeiten. Wenn dein Freund deine Bluse bügeln will, lass ihn.

19. Hör auf, auf deine Mutter zu hören.

20. Hör nicht auf, den Begriff Feminismus zu benutzen. Oder an Feminismus zu glauben. Diese Welt braucht mitdenkende, weit und frei denkende Frauen, ihre Stimmen, ihren Mut und ihren Kampfgeist. Gerade jetzt ist es notwendig zu wissen, wer man ist.

Ich bin eine Feministin!

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