Harald Martenstein Über ein monumentales Geschenk

Von
ZEITmagazin Nr. 16/2017

Karl Marx? Immer wieder super. Als Jüngling habe ich drei Lektürekurse über das Kapital besucht, sein Hauptwerk. Ein Kurs wurde von einem orthodoxen Kommunisten veranstaltet, der zweite von einem Sponti, der dritte von einem Sozialdemokraten. Klar, Marx hat, trotz seiner jüdischen Familiengeschichte, einige antisemitische Äußerungen auf dem Kerbholz. Marx war der Martin Luther der Sozialkritik. Etliche sehr unschöne Regime haben sich auf ihn berufen. Letzteres gilt aber auch für Jesus. Für die Kreuzzüge kann Jesus so wenig etwas wie Hermann der Cherusker für die Nazis. Die Fans und die Nachwirkung hat man nicht in der Hand. Sollte nach meinem Ableben in meinem Namen eine Diktatur errichtet werden, distanziere ich mich schon jetzt. Meine Botschaft heißt Liebe.

Nun soll in Trier, zum 200. Geburtstag des Sohnes der Stadt, ein sechs Meter hohes Monumentaldenkmal errichtet werden, unweit der Porta Nigra, in bester Touristenlage. Das Denkmal ist ein Geschenk der Volksrepublik China und sieht auch so aus. Es erinnert an die überlebensgroßen Statuen für Lenin, Hitler und Stalin, die man in Deutschland glücklich entsorgt hat. Geht das jetzt wieder von vorne los? Putzigerweise findet gleichzeitig eine heftige Debatte über das Denkmal zur deutschen Einheit statt, welches in Berlin errichtet werden soll. Beschlossen wurde der Bau einer gigantischen Wippe, aber das Projekt scheint, was ja irgendwie passt, wieder zu wackeln. Warum stellt man nicht einfach einen überlebensgroßen Helmut Kohl vor das Brandenburger Tor? Kanzler der Einheit, mit einem ausgestreckten Arm Richtung Oggersheim, unter dem anderen Arm sein geliebtes Aquarium? Weil sich dann alle an den Kopf fassen würden. Die pseudoreligiöse Darstellung angeblich titanischer Menschen passt nicht zu unseren heutigen Auffassungen. Der Stadtrat von Trier hat mit den Stimmen von SPD, CDU und Linken dem Marx-Denkmal trotzdem zugestimmt, FDP und AfD waren dagegen, die Grünen sind gespalten. Auf Wunsch der CDU soll über die Größe des Bauwerks erst später endgültig entschieden werden, das war der Kompromiss.

In der öffentlichen Debatte tauchte häufig der Hinweis auf, dass es nicht nur unhöflich, sondern auch unklug wäre, die mächtigen Chinesen zu verärgern. Das ist sicher richtig. Ich hoffe nur, dass nicht eines Tages die ähnlich mächtigen USA mit dem Wunsch anklopfen, einen Donald Trump in der Pfalz aufzustellen, wo Trumps familiäre Wurzeln liegen. Was dann? Für den Pfalztourismus wäre es nicht schlecht.

Ich hätte einen anderen Vorschlag. Ich finde, man sollte den Chinesen ganz offen und freundschaftlich erklären, dass wir Deutschen einen uralten Brauch haben, den Umgang mit besonders wertvollen Geschenken betreffend. Deutsche treffen sich, jeder bringt das Geschenk mit, welches ihm in seinem Leben das liebste war. Die Geschenke werden so verpackt, dass man sie an der Form nicht erkennt. Dann wird gelost. Jeder bringt ein Geschenk mit und nimmt ein anderes mit nach Hause. Wir nennen es "Wichteln". Es ist die größte in Deutschland denkbare Ehre, wenn eines deiner Geschenke beim Wichteln weiterverschenkt wird. Ich selber bin bereit, mich zu beteiligen und gegebenenfalls den Sechs-Meter-Marx, aus Patriotismus und Liebe zum chinesischen Zentralkomitee, in meinem uckermärkischen Garten aufzustellen. Zum Wichteln bringe ich eine Statue des Komikers Groucho Marx mit, von dem das Zitat stammt: "Das Wichtigste im Leben sind Ehrlichkeit und Fairness. Wenn du diese beiden Sachen gut vortäuschen kannst, dann hast du’s geschafft."

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Mann kann es auch übertreiben. Er gehört zu unserer Geschichte, letztlich kann man selbst bei Goethe extreme Tendenzen sehen, von den ganzen Kriegsstatuen. Das mit der Statue ist immer so eine Sache, Sie kann auch mahnend sein. Ich bin dafür das Ding in einen Park von Trier aufzubauen und gut ist - 6 Meter ist auch nicht sonderlich hoch. An Marxstatuen bin ich in Chemnitz und auch in Berlin vorbeigelaufen.

Sprich ich verstehe die ganze Aufregung überhaupt nicht.