Ich habe einen Traum Jarvis Cocker

"Ich dachte, dass das Berühmtsein alle meine Probleme lösen würde"
© Peter Hönnemann
ZEITmagazin Nr. 16/2017

Durch meine Träume geistern viele Popstars. Mal trete ich mit dem französischen Chansonnier Jacques Dutronc auf einem Kreuzfahrtschiff auf, mal sitze ich mit dem Duo Hall & Oates in einer College-Kantine, oder ich bin mit den Stone Roses in einem Naturkundemuseum unterwegs.

Jarvis Cocker,

53, wurde in den Neunzigern mit der Britpop-Band Pulp und Hits wie "Common People" berühmt. Seit dem Ende der Band ist er als Solokünstler und BBC-Moderator erfolgreich. Kürzlich veröffentlichte er zusammen mit dem Pianisten Chilly Gonzales das Album Room 29

Überhaupt träume ich viel, und zwar in Schüben: Drei bis vier Wochen lang sind meine Träume besonders wild, und ich erinnere mich beim Aufwachen an jedes Detail. Darauf folgt meistens eine ruhigere Phase.

Wie viele andere Musiker träume ich auch oft von tollen Songs und Melodien. Ich bin schon mehrmals nachts aufgewacht und habe die Melodie aufgeregt in mein Smartphone gesungen. Wenn ich mir diese Einfälle dann am nächsten Morgen angehört habe, waren sie allerdings immer nur unmelodischer Mist.

Albträume hatte ich früher immer vor großen Konzerten mit meiner Band Pulp. Damals träumte ich häufig, dass ich den Auftritt verpasse und lauter solche Sachen.

Ähnliche Albträume hatte ich zu Schulzeiten vor Klausuren. Da saß ich dann im Traum vor Klassenarbeiten, für die ich nicht geübt hatte. Das beschämende Gefühl, vor einem Blatt Papier zu sitzen und keine Ahnung zu haben, was man da hinschreiben könnte, ist mir leider bis heute bekannt.

Der größte Traum meiner Kindheit war: als Popstar berühmt werden. Diese Idee verfolgte mich Tag und Nacht. Das geht natürlich vielen Jugendlichen so, aber die meisten werden dann doch Versicherungsmakler. Aber ich zog den Popstar-Traum bis zum Ende durch.

Dass der kindliche Traum vom Leben als Popstar so weit von der tristen Realität entfernt ist, hat mich dann doch sehr mitgenommen. Aber das Gute an der Popstar-Idee ist und bleibt, dass jeder es versuchen kann.

Jeder kann ein Alter Ego erfinden und damit groß rauskommen. Oft sind es Menschen aus Gesellschaftsschichten mit niedrigerem Einkommen, die ihre Popstar-Träume ganz großartig umsetzen. Denn sie haben die Kraft, an ihre Träume zu glauben! Was bleibt ihnen auch sonst übrig?

Ich träumte davon, ein Popstar zu sein, weil ich dachte, dass das Berühmtsein alle meine Probleme lösen würde. Dass das Unsinn war, dämmerte mir erst, als ich dann wirklich berühmt geworden war.

Es gab tatsächlich eine Zeit, in der ich in England nicht auf die Straße gehen konnte, ohne dass die Leute stehen blieben und mich anstarrten. Manche verfolgten mich sogar. Das fand ich sehr merkwürdig. Und es war letztlich nicht auszuhalten. Das Berühmtsein wurde zum Albtraum für mich. Ich habe dann mit Pulp Schluss gemacht und bin nach Paris gezogen, wo ich bis heute einigermaßen anonym lebe. Alle Illusionen über das Musikgeschäft habe ich verloren. Trotzdem bin ich froh, dass ich solche Illusionen hatte. Ein Leben ohne Illusionen wäre wie ein Leben ohne Träume.

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Chilly Gonzales am Flügel, der Pulp-Sänger Jarvis Cocker obendrauf: Die beiden haben dem legendären Hotel Chateau Marmont in Hollywood ein Album gewidmet. In welche Abgründe der Page dort blicken muss? Nun... Rekorder ab!

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