Schönheitsideale Lasst doch mal bitte euren Körper in Ruhe

Ein Aufruf zu mehr Gelassenheit Von
ZEITmagazin Nr. 16/2017

Ein Abendessen mit zwei Freundinnen. Ich hatte gekocht, irgendwas mit Gemüse, weil ich wusste, dass die beiden eh kein Risotto essen würden. Wir unterhielten uns über den Film Toni Erdmann, der gerade für einen Oscar nominiert worden war. Ich schwärmte von der für mich stärksten Szene, in der die Unternehmensberaterin Ines, gespielt von Sandra Hüller, ihren Arbeitskollegen splitternackt die Tür öffnet. "Ziemlich pummelig", sagte darauf eine meiner Freundinnen, "ist die Frau aber schon." Ich hatte große Lust, sie aus meiner Wohnung zu schmeißen.

Ich bin sehr froh, als Frau zur Welt gekommen zu sein, aber manchmal finde ich Frauen doch ziemlich doof. Vor allem wenn es um den eigenen Körper geht, können Frauen manchmal rückständiger nicht sein. Ich kenne fast keine Frau, die sich nicht ständig über ihre Figur, ihre Haut, ihre Haare oder ihre Fußnägel Gedanken macht. Ich kenne fast keine Frau, die nicht immer wieder an ihrem Aussehen zweifelt. Und ich kenne auch fast keine Frau, die andere Frauen nicht teilweise nach ihrem Körper beurteilt oder den eigenen mit dem Körper anderer Frauen vergleicht. Natürlich gibt es auch Männer, die von der eigenen Erscheinung nicht hundertprozentig überzeugt sind. Aber das Verhältnis zu ihrem Körper ist bei Weitem nicht so gestört wie bei uns Frauen – und wenn doch, dann behalten sie es für sich. Manche Frauen essen erst eine halbe Tafel Schokolade und trinken dann ein Glas heißes Wasser hinterher, weil sie irgendwo gelesen haben, dass das den Stoffwechsel anrege. Sie kriegen schlechte Laune, wenn sie einen Pickel an der Nase entdecken, der für alle anderen Leute unsichtbar ist. Sie haben bad hair days. Sie posten stolz ein Bild von einer riesigen Pizza auf Instagram, schwören aber, am nächsten Morgen Sport zu machen, nachdem sie sie aufgegessen haben. Sie sind begeistert, wenn die amerikanische Glamour Lena Dunham mitsamt Cellulitis am Oberschenkel auf dem Cover zeigt. Aber sobald sie am eigenen Körper eine winzige Delle entdecken, ist das Geschrei groß. Plus-Size-Models in der Unterwäsche-Reklame finden sie natürlich auch gut, und das winzige Wämpchen, das Lady Gaga bei ihrer akrobatischen Super-Bowl-Performance entblößte, ebenso. "Inspirierend" sei dieser Bauchansatz, schrieben viele Frauen auf Facebook und Twitter, nachdem über Lady Gagas Bäuchlein eine Internetdiskussion entbrannt war. Vielleicht hoffen sie ja, dass sie eines Tages wirklich finden werden, dass eine Frau mit Bauchansatz genauso gut aussieht wie eine ohne, wenn sie nur genug Unterwäschemodels und Popsängerinnen mit Bauchansatz gesehen haben. Bis dahin finden sie Plus-Size "inspirierend". Jedenfalls, solange sie nicht selbst Plus-Size sind.

Das ist überhaupt das Ärgerlichste an der Diskussion über den weiblichen Körper: Viele Frauen tun neuerdings so, als wären sie über die Zweifel an ihrem Körper hinweg – jetzt, wo sie ja endlich Wichtigeres zu tun haben, als gut auszusehen. Insgeheim zählen sie weiter Kalorien und träumen von einer thigh gap (das ist der Instagram-Fachbegriff für Luft zwischen den Oberschenkeln). Die obsessive Beschäftigung mit dem weiblichen Körper hat noch lange kein Ende gefunden, im Gegenteil, sie nimmt gerade neue Formen an: Überall wird Selbstliebe propagiert, die Fähigkeit, "auf den eigenen Körper zu hören".

Die Modekette Zara veröffentlichte jüngst eine Kampagne unter dem Titel Love your curves – lustig daran war, dass auf dem Kampagnenfoto zwei extrem kurvenarme Frauen zu sehen waren, aber das nur am Rande. Was zählte, war ja schließlich die Botschaft! Sehr schlanke Bloggerinnen mit porenreiner Haut erzählen davon, wie sie gelernt haben, ihren Körper zu lieben, wie toll das ist und dass ihre Leserinnen das bitte auch mal versuchen sollten. Fitness-Gurus posten auf Instagram unter Bildern im Sport-BH Weisheiten wie "Es geht nicht darum, gut in etwas, sondern gut zu sich selbst zu sein", ganz so, als wären sie endlich bekehrt worden zu einem Leben, in dem man, zumindest theoretisch, Pickel und Übergewicht haben und trotzdem total glücklich sein kann, solange man nur "gut zu sich" ist. Der Gipfel der Frechheit sind dünne Frauen wie Gigi Hadid, die der britischen Vogue jüngst erzählte, Diät habe sie noch nie gehalten, ihr Standardgericht sei ein Cheeseburger mit Speck. Ach, mein Körper? Total unwichtig! Das ist die Botschaft, die heute viele Frauen vermitteln wollen. Dabei ist Frauen ihr Aussehen und das anderer Frauen natürlich überhaupt nicht egal. Allzu gern reden Frauen beim Abendessen über ihren Körper. Entweder ist er zu dick oder zu faltig, oder er wird nicht genug geliebt. Irgendein Problem findet sich immer.

Die Täter sind hinlänglich bekannt: die Modewelt, die viel zu dünne Frauen über die Laufstege schickt. Unternehmen wie das Unterwäsche-Label Skarlett Blue, das im Jahr 2017 allen Ernstes mit dem Slogan Be the object of desire wirbt. Die Werbung, die immer wieder den gleichen Typ Frau zeigt: schlank, weiß, langhaarig. Die Industrie, die immer noch an alten Geschlechterklischees hängt: Schminkkoffer für die Mädchen, Fußbälle für die Jungs. Klischees einer patriarchalischen Gesellschaft, die eben noch nicht überwunden ist.

"Frauen", schreibt die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert in ihrem Buch Mode – ein Schnellkurs über die Situation im Mittelalter, "waren mithin minderwertigere Varianten des Menschlichen, das mit dem Männlichen gleichgesetzt wurde." Nach der Französischen Revolution hatten Frauen ihre ganze Energie in die Instandhaltung ihres Körpers zu setzen, um den gesellschaftlichen Status des Ehemanns zu repräsentieren. 1949 stellte Simone de Beauvoir in ihrem Buch Das andere Geschlecht fest, dass kleinen Jungen sehr früh Koketterie und Eitelkeit ausgetrieben würden – Mädchen aber nicht. Schon ein fünfjähriger Junge würde lernen, dass man als Mann nicht in den Spiegel schaut. "Alle Kinder versuchen, die mit der Entwöhnung einhergehende Trennung durch verführerische und kokette Zurschaustellung auszugleichen", schrieb de Beauvoir. "Doch der Junge wird gezwungen, dieses Stadium zu überwinden; man befreit ihn von seinem Narzissmus, indem man diesen auf den Penis fixiert. Das Mädchen dagegen wird in der allen Kindern gemeinsamen Tendenz, sich selbst zum Objekt zu machen, bestätigt." Weil das Mädchen keinen Penis habe, über den es sich definieren könne, drücke man ihm ersatzweise eine Puppe in die Hand. Die wiederum führe dazu, dass das Mädchen anfange, sich mit der Puppe zu identifizieren und selbst eine Puppe sein zu wollen: "Bald weiß es, dass man, um zu gefallen, 'bildschön' sein muss. Es möchte einem Bild gleichen, es verkleidet sich, es betrachtet sich im Spiegel, vergleicht sich mit Märchenprinzessinnen und zauberhaften Feen."

Heute werden Schönheitsideale von Frauen selbst gemacht. Germany’s Next Topmodel wird von einer Frau moderiert. Frauenmagazine werden von Frauen geführt, ihre Diät-Tipps von Frauen erfunden. Es sind Frauen, die die ganze Zeit vom weiblichen Körper sprechen, als handele es sich dabei um eine einzige Baustelle – oder zumindest um etwas, das besondere Behandlung erfordert. Seit einiger Zeit kursieren im Internet Bilder von Grapefruit-Hälften, die an eine Vagina erinnern sollen – damit bitte alle verstehen, dass wir ein total offenes Verhältnis zu unseren Geschlechtsteilen haben. Die italienische Fotografin Sara Lorusso veröffentlichte vor einigen Monaten eine viel beachtete Bilderserie über die Menstruation, darauf zu sehen: blutgetränkte Unterhosen, eine junge Frau, die sich den Unterleib hält, Blutspuren in der Toilette. Lorussos Kommentar dazu: "Ich finde wirklich, dass die Periode als eine Art Krankheit gesehen werden sollte, die es uns erlaubt, zu Hause zu bleiben." Solche Botschaften werden oft als feministisch verstanden und gefeiert. Dabei fördern sie nichts weiter als die Annahme, dass der weibliche Körper irgendwie speziell sei, anders, wenn nicht sogar krankhaft, zumindest alle 28 Tage.

Frauen sollten aufhören, ihren Körper zu hassen. Sie sollten sich nicht zwingen, ihn zu lieben, das ist nämlich auch nicht so einfach. Vor allem sollten sie aufhören, ihm so viel Bedeutung beizumessen. Egal ob sie damit angeben, Cheeseburger in sich hineinstopfen zu können, ohne zuzunehmen, oder sich über Hautunreinheiten beklagen oder beim Small Talk über das Befinden ihrer Vagina berichten, dahinter steckt vor allem eins: Eitelkeit. Und die ist nicht gerade etwas, das einen in dieser Welt voranbringt.

Die Unternehmensberaterin Ines in Toni Erdmann hat das natürlich längst verstanden. In dem Moment, in dem sie ihren Kollegen nackt die Tür öffnet, ist ihr nichts egaler als ihr Körper.

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