Stilkolumne Gestochen scharf

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 16/2017

Früher galt es als sehr cool und auch etwas verrucht, sich das Logo einer begehrten Luxustaschen-Marke tätowieren zu lassen. Heute hingegen tätowieren Luxusmarken ihre Taschen. Tod’s hat eine Tattoo-Kollektion auf den Markt gebracht: Taschen, die von der Tattoo-Künstlerin Saira Hunjan gestaltet wurden. Die maskuline Variante gibt es bei der Uhrenmarke Hublot. Dort hat der Tattoo-Künstler Sang Bleu eine Uhr geschaffen.

Damit sind Tattoos gewissermaßen ganz oben angekommen. Schon länger gibt es typische Tattoo-Motive als Aufdrucke. Die Marke Ed Hardy wurde groß mit T-Shirts, die Totenköpfe und dornige Rosen zeigten, dramatische Motive, wie man sie sonst eher auf der Haut kannte. Dass Tattoos nun auch in der Luxusmode anzutreffen sind, zeigt, wie konsensfähig die bestochene Haut mittlerweile ist. Umfragen zufolge haben schon 15 Prozent der Deutschen ein Tattoo; Frauen übrigens etwas häufiger als Männer.

15 Prozent – vielleicht liegt das daran, dass eine Tätowierung auch praktisch sein kann: Es lassen sich damit Eigenschaften zur Schau stellen, die man möglicherweise gar nicht hat. Indem sich Justin Bieber beispielsweise ein Jesus-Konterfei auf den Unterschenkel hat tätowieren lassen, erklärt er sich zum frommen Christen, ohne dafür eine Kirche besuchen zu müssen. Und David Beckham erweckt mit dem in seinen Arm gestochenen Schriftzug "Perfectio In Spiritu" den Eindruck, er habe das kleine Latinum.

Dass sich Mode und Tattoo nun scheinbar so gut vertragen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in Wahrheit Konkurrenten sind. Denn der Aufstieg der Tätowierung ist ein Symptom der Abwendung von der Kleidungsmode. Im klassischen Sinne wird Mode benutzt, um den eigenen Körper optisch aufzuwerten. Durch Absätze macht man ihn größer, durch einen Unterrock voluminöser, durch Schulterpolster breiter. Mittlerweile investieren viele Menschen jedoch das Geld, das sie einst in Mode gesteckt haben, direkt in ihre Körper. Nicht mehr die Silhouette wird gestaltet, sondern der Körper selbst. Und die Orte, wo man Eindruck schinden will, sind nicht mehr die Ballsäle, sondern die Fitnessstudios, in denen man den erfolgreich geformten Body ausstellt. Wer dort nicht hingelangt, wird mit Selfies versorgt, auf denen der Sporttreibende zumeist wenig Kleidung trägt.

Anstatt Tattoo-Produkte zu kreieren, sollte sich die Mode der Konkurrenz durch die Tätowierung selbstbewusst stellen. Immerhin kann man eine Eigenschaft sicher nicht durch ein Tattoo vortäuschen: einen guten Kleidungsstil.

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