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Fehler beim Kochen Halb so schlimm

Warum mich Fehler in der Küche nicht ärgern – und welche Kreationen aus einem Missgeschick entstehen können. Von , , und
ZEITmagazin Nr. 17/2017

Einige berühmte Gerichte verdanken wir der Ungeschicklichkeit des Kochenden, zum Beispiel den Kaiserschmarrn oder die Tarte Tatin. Für mich wäre es eine große Freude, wenn aus einem meiner gescheiterten Kochversuche mal ein legendäres Gericht würde, über das man dann einen Wikipedia-Eintrag lesen könnte. Er begänne etwa so: "Der Legende nach war Elisabeth Raether an jenem Abend schon sehr müde, als sie ihren Topf mit Tomatensoße auf dem Herd vergaß, während sie zur selben Zeit nämlich auf dem Sofa lag und eine heute vergessene Netflix-Serie sah. Als der Rauch sie in die Küche eilen ließ, hatte sie eine Idee ..."

Misslungene Gerichte haben ihren eigenen Charme. Ich habe zum Beispiel eine seltsame Vorliebe für verbranntes Gemüse und zerkochte Nudeln (ich halte mich natürlich trotzdem meistens wie alle braven Deutschen an das Al-dente-Gebot). Auch finde ich Klümpchen im Pudding köstlich, und die Zubereitung ist ganz leicht: Geben Sie sich null Mühe, wenn Sie die Stärke in die heiße Milch rühren, und tippen Sie am besten gleichzeitig auf Ihrem Telefon herum.

Aber die Nachwelt wird von meinen Misserfolgen wohl nichts wissen wollen. Ich fürchte, meine Niederlagen bleiben wirklich einfach Niederlagen. Ich habe zum Beispiel neulich eine Pasta Vongole gekocht, die im Prinzip gut war, nur dass sie so geschmeckt hat, als hätte ich sie mit Wasser aus dem Hafenbecken gekocht, weil wohl irgendwas mit den Muscheln nicht in Ordnung war. Ich habe sie trotzdem gegessen.

Ein Klassiker unter meinen Küchenunfällen: Der Kuchen geht nicht auf, weil ich das Backpulver zu schlampig eingerührt habe oder warum auch immer. Die Wege des Kuchenteigs sind unergründlich. Schlimm ist es auch, wenn ich ein schönes (teures) Stück Fleisch gekauft habe und es zu lange brate, sodass es trocken wird. Und dann gibt es da noch die versalzenen Salatsoßen, die ich aus Selbstüberschätzung, ohne abzuschmecken, über den Salat kippe. Auch den esse ich dann trotzdem. Mein Gefühl dabei würde ich mit dem vergleichen, das einen quält, wenn man sich aus Versehen auf die Zunge gebissen hat und nicht nur die immer wieder überraschend starken Schmerzen ertragen muss, sondern auch das Wissen, dass man zu ungeschickt ist, unfallfrei eine Zunge zu besitzen.

Vom Scheitern lebt die Küche, die Literatur, die Kunst, angeblich wurde ja auch das Penicillin durch eine Dusseligkeit erfunden, meinetwegen lebt also die ganze Menschheit vom Fehlermachen. Und ja, aus Niederlagen wird man bestimmt klug. Aber in dem Moment, in dem es einem passiert, ist es einfach nur mies. Es mag verschiedene Arten geben, mit Fehlschlägen umzugehen, zum Beispiel Selbstbezichtigung als Vorstufe zum Selbstmitleid oder Jähzorn; bewährt hat sich auch die Methode, anderen die Schuld zu geben ("Du hast mich abgelenkt!"). Eines ist allen gemeinsam: Man fühlt sich schlecht.

Ich weiß, dass zu jedem Tun die Niederlage gehört. Ich kenne das Zitat von Samuel Beckett, das lautet: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Ich kenne auch das Silicon-Valley-Mantra Fail fast, fail often. Aber ich habe auch gelesen, dass die Leute dort alles tun, um auf keinen Fall zu scheitern, und niemand an dieses Mantra glaubt, denn – ach was? – Scheitern bringt Einsamkeit, Wut und Scham mit sich.

Das Problem scheint mir zu sein, dass zu wenig über Küchenniederlagen gesprochen wird. Deshalb kommt man, so ganz allein in seiner Küche, leicht auf die Idee, Misslingen und Kochen hätten gar nichts miteinander zu tun. Im Sport zerbrechen Menschen an ihrer Niederlage, aber immerhin sieht ihnen dabei jemand zu. Essen dagegen tut immer so mühelos und verbirgt die Anstrengung, die die Zubereitung bedeutet. Niemand soll wissen, wie viele Tränen geflossen sind, bevor die Cremetorte auch endlich wie eine schmeckt und aussieht, wie viel aus Wut zerbrochene Kochlöffel es braucht, bis Ei und Öl sich auch wirklich zu einer Mayonnaise vereinen.

Dieses Heft soll das ändern. Fehlschläge werden dadurch nicht weniger schmerzhaft, und es kann auch gut sein, dass Sie es nicht schaffen werden, die Rezepte aus dieser Ausgabe nachzukochen. Nur wissen Sie jetzt, dass Sie mit dem Scheitern nicht allein sind.

Kommentare

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Viele Erfindungen gehen letztlich auf Zufälle oder Missgeschicke zurück, warum also nicht auch beim Kochen? Ich habe einen Vakuumierer von Arvac zu Hause und kam letzthin auf die Idee vakuumiertes Fleisch in heissem Wasser zu garen, ist super gelungen und ich dachte schon, ich hätte was tolles erfunden bis ich rausfand, dass es sich hierbei um sous-vide handelt. Dumm gelaufen :-)