Harald Martenstein Über extreme Gefühle

Von
ZEITmagazin Nr. 17/2017

Ihr, die ihr dies lest, seid wunderbar – ich liebe euch. Kommt zum Essen vorbei, holt euch ein Küsschen ab. Ich streichle das Gemüse, bis es von der Wärme meiner Hände gar geworden ist.

Auf ZEIT ONLINE habe ich den Artikel eines Mannes gefunden, der von seiner Beziehung mit einer Borderline-Frau handelt. Das hat mich interessiert. Borderline-Menschen haben unter anderem extreme Stimmungsschwankungen, mal sind sie extrem lieb, so viel Liebsein haut dich total um, dann, ohne Vorwarnung, werden sie urplötzlich aggressiv oder autoaggressiv. Das Wort "Borderline" ist, soweit ich weiß, nicht mehr politisch korrekt. Da pfeife ich drauf, das ist mir scheißegal. Die Borderliner sollten alle auf den Mond geschossen werden, bitte ohne Proviant. Ihr, die ihr dies lest, seid eh blöd. Und ich bin auch blöd.

Sehen Sie – dieser Text hat jetzt einen typischen Borderline-Verlauf genommen, von total lieb zu total unangenehm und autoaggressiv. Ich wollte das nur mal illustrieren.

Der total okaye Text über die Borderlinerin begann mit einem Vorspann in kursiver Schrift, er lautete so: Warnung: In diesem Text wird selbstverletzendes Verhalten thematisiert. Das kann für einige Leser*innen erschreckend sein. Es handelt sich zudem um einen persönlichen Erfahrungsbericht und soll keinesfalls Betroffene stigmatisieren.

Diese "Trigger-Warnungen", mit denen sensible Menschen vor einer Verletzung ihrer zarten Seele vorsorglich geschützt werden sollen, stammen ursprünglich aus den USA. An manchen US-Unis kleben angeblich sogar auf Klassikern der Weltliteratur solche Warnungen, falls in dem Buch Menschen wehgetan wird oder schlimme Sachen gesagt werden. Ich glaube, es gibt keinen einzigen interessanten Text der Weltgeschichte, der garantiert niemanden erschrecken könnte. Eines der schlimmsten Beispiele: "Hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er. Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben."

Dass man in einem solchen Umfeld Lust bekommt, heimlich Trump zu wählen, kann ich verstehen. Und jetzt gibt es das also auch hier! Ich hätte nie gedacht, dass auch eine so lobenswerte Eigenschaft wie die Sensibilität ins Extremistische kippen kann. Wenn dies die Zukunft des deutschen Journalismus ist, bestelle ich alles ab und lese nur noch Zombie-Romane.

Es ist ökonomisch sehr unklug, solche Warnungen zu veröffentlichen, weil damit alle unsensiblen sowie alle intelligenten Leser, ganz zu schweigen von den Leser*innen, vor den Kopf gestoßen werden. Wir Unsensiblen sind immer noch die Mehrheit. Ich finde, auch für uns muss es eine Trigger-Warnung geben: In den folgenden Texten werden alle unangenehmen, strittigen oder schmerzhaften Aspekte der Wirklichkeit ausgespart. Das kann für einige Leser*innen mit Bildungshintergrund, mit Erfahrungshunger, Eigensinn oder Humor erschreckend sein. Es handelt sich zudem um persönliches Pillepalle und soll keinesfalls Personen mit intellektuellen Ansprüchen stigmatisieren.

Dann weiß man wenigstens Bescheid.

Sobald aber ein Text von irgendwas handelt, das dem/der jeweiligen Autor*in gegen den Strich geht, sagen wir Trump oder Frauke Petry oder das Oktoberfest oder Schlammcatchen, wird er meistens total aggressiv, dann kann er gar nicht erschreckend und stigmatisierend genug sein. Meiner Ansicht nach leidet ein Teil der Medien unter dem Borderline-Syndrom, zwischen übertrieben lieb und übertrieben böse finden sie irgendwie nicht die gesunde Mitte. Damit will ich keinesfalls Betroffene stigmatisieren.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Ich finde es durchaus sinnvoll, es zu thematisieren. Auch wenn ich - bis auf ein paar ideologie- und gendergerechte Seiten - bisher im deutschsprachigen Raum diesen Warnungen noch nie begegnet bin, fürchte ich, dass vielleicht, in vorauseilendem Gehorsam, um keine solchen Warnungen voranstellen zu müssen, bereits Selbstzensur geübt wird.

Das mag gewissen sogar wünschenswert erscheinen. Die sich daraus ergebende (Zucker-)Wattewelt bringt aber keinen einzigen Krieg zum Verschwinden, rettet keinem Flüchtling im Mittelmeer das Leben und zaubert nicht einen Liter Wasser zu den verdurstenden Kinderkehlen im Südsudan - um wieviel heftiger muss die Konfrontation mit solchen Themen sein, wenn sie sich denn mal nicht vermeiden oder verdrängen lässt!

Es bleibt zu bedenken, dass unabhängig davon, was wir an Verstörendem erlebt haben in unserer Vergangenheit, das Leben sich oft erst dann wieder als solches in Erinnerung ruft, wenn wir uns an ihm (und den nicht abgepolsterten Ecken und Kanten) stossen.

Vielleicht zur Ergänzung für die, die des Schweizerdeutschen einigermassen mächtig sind, ein passendes Lied von Mani Matter:
http://mikiwiki.org/wiki/...(Mani_Matter)
Bzw. gesungen von Jaël:
https://www.youtube.com/w...