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Das war meine Rettung "Ich fühlte mich wie in einem Zombiemodus"

Nach der Auflösung ihrer Band geriet Judith Holofernes in eine Krise – und fand ein ungewöhnliches Mittel dagegen. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 17/2017

ZEITmagazin: Frau Holofernes, auf Ihrem neuen Album staunen Sie in Ihren Texten immer wieder über das unverschämte Glück, das Gelingen und das Ankommen. Gleichzeitig singen Sie aber auch: "Ich bin das Chaos." Ist das Wunschdenken? Weil es gar nicht so einfach ist, für Chaos zu sorgen?

Holofernes: Ich habe diese Faszination fürs Chaos als kreative Kraft. Es steht für Zerstörung und Geburt. Ich muss immer an Kali denken, die Hindu-Göttin der Zerstörung und der Geburt, mit ihren vielen Armen. Auch in der Kunst gilt: Man muss furchtlos sein gegenüber der Zerstörung, vor allem der Ego-Zerstörung. Man muss zur Selbstaufgabe fähig sein und den Selbstschutz fallen lassen, um etwas erschaffen zu können.

ZEITmagazin: Zu welchem Selbstschutz greifen Sie am ehesten?

Holofernes: Spazierengehen, Nichtstun, Meditation. Das Nichtstun zum Beispiel hat mich schon mehrmals gerettet. Als wir die Band "Wir sind Helden" auf Eis gelegt haben, war das für mich eine echte Lebenskrise.

ZEITmagazin: Worin bestand die Krise?

Holofernes: Ich habe dieses Ding sehr geliebt und deshalb lange daran festgehalten; was meine eigenen Kräfte betrifft: zu lange. Man hätte das auch fünf Jahre früher aufgeben können.

ZEITmagazin: Woran haben Sie gemerkt, dass es an der Zeit war, mit der Band aufzuhören?

Judith Holofernes

40, ist in Westberlin geboren. Sie wurde als Sängerin und Gitarristin der Band Wir sind Helden bekannt, die sich vor fünf Jahren auflöste. Holofernes ist praktizierende Buddhistin. Soeben erschien ihr zweites Soloalbum Ich bin das Chaos

Holofernes: An ausgeprägter Müdigkeit, die nicht mehr wegging. Ich bin überhaupt nicht anfällig für Drogen, bin es nie gewesen, was mich geradezu zu einer Exotin in meiner Branche machte. Aber ich erinnere mich an einen Moment in dieser Krisenzeit, als ich mir sagte: Wenn jetzt jemand käme und mir die richtigen Drogen anbieten würde, wie ein Medikament ohne Nebenwirkung, das für Wachheit sorgt – ich würde zugreifen.

ZEITmagazin: Drogen ohne Nebenwirkung – was ist denn das für eine Haltung!

Holofernes: (lacht) Daran merkte ich jedenfalls, dass etwas nicht mehr in Ordnung war. Ich fühlte mich wie in einem Zombiemodus, ich funktionierte nur noch mühsam. Wenn mir jemand im falschen Moment die Hand auf die Schulter legte, schob ich sie weg, weil ich alles wegschieben musste, was mich von dem letzten bisschen Fokus ablenkte, den ich brauchte, um klarzukommen. Also hörten wir mit "Wir sind Helden" auf.

ZEITmagazin: Wie ging es dann weiter?

Holofernes: Ich habe schnell gemerkt, dass da Kräfte waren, die mich ganz schnell wieder ins Machen ziehen wollten – damit ich wieder wer bin. Zum Glück hatte ich eine Eingebung, die sagte: Du machst jetzt erst einmal gar nichts.

ZEITmagazin: Woher kam diese Eingebung?

Holofernes: Aus dem weisesten Teil meiner selbst vielleicht. Durch meine Erfahrung mit buddhistischer Meditation wusste ich, welche Kraft mich da drängen wollte. Das ist das Ego, das Angst vor Auflösung hat und sich im Machen behaupten möchte. Es ist sein Überlebensimpuls: Nicht stillhalten, nicht abwarten – machen! Das war Gold wert, dass ich dem einfach mal zugucken konnte.

ZEITmagazin: Andere kriegen vom Nichtstun Panik.

Holofernes: Nichtstun ist auch beunruhigend. Das war bei mir nicht anders. Es gab einen Moment, da habe ich mich gefühlt, als würde ich im Meer ganz weit rausschwimmen, und plötzlich wird es von unten ziemlich kalt. Man denkt dann: Schnell wieder zurück an Land, in vertraute Gefilde. Aber ich hatte Vertrauen, das auszuhalten, weil ich ahnte, dass es das wert ist. Wenn man gleich wieder an Land zurückkehrt, fällt man in alte Muster. Ich wusste, es tut mir gut, ein paar Monate niemand zu sein. Ein Jahr lang ließ ich alles offen, und das hat sich bewährt. Ich habe mich sehr mit dem Nichtstun beschäftigt.

ZEITmagazin: Wo genau haben Sie nichts getan?

Holofernes: Hier, auf diesem Sofa in meiner Berliner Arbeitswohnung. Am Ende habe ich es geschafft, vier Stunden auf dem Sofa zu liegen und vor mich hinzugucken. Nichts lesen, keine Musik. Die erste halbe Stunde ist okay, dann wird es echt unangenehm, man fühlt ein Ziepen und Ziehen überall am Körper. Dann kommen die ersten Impulse, etwas zu machen, etwas aufzuschreiben zum Beispiel, weil man doch gerade so einen tollen Gedanken hatte. Wenn man dem nicht nachgibt, stößt man auf Gold. Am Ende dieser Sessions war ich beseelt, selbst das Lichtspiel der Bäume an der Wand konnte mich entzücken.

ZEITmagazin: Worauf sind Sie noch gestoßen?

Holofernes: Auf wichtige Einsichten, Freude, die nicht sofort wieder wegging, ein Gefühl von Frieden. Ich stieß auf kreative Ideen, die sich vielleicht erst am nächsten Tag einstellten. Irgendwann hat die Musik dann ihre Ellenbogen ausgefahren und mich wieder vom Sofa gestoßen.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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