Stilkolumne Klarer Blick

ZEITmagazin Nr. 17/2017

Wer bevorzugt, Sonnenbrillen zu tragen, die die eigenen Augen verschwinden lassen, wird in diesem Sommer wenig Freude haben. Denn der gehört der nur leicht getönten Sonnenbrille. Die Gläser sind bräunlich gefärbt wie bei Prada oder gelb wie bei Gucci. Michael Kors hat sogar eine Brille mit pinken Gläsern im Programm.

Bislang nutzte man dunkle Brillen gerne, um das eigene Antlitz zu verschatten. Vielleicht weil man prominent war und nicht in der Öffentlichkeit erkannt werden wollte. Vielleicht weil man wenigstens so wirken wollte, als sei man prominent. Vielleicht weil man in der vergangenen Nacht zu lange gefeiert hatte. Es gab viele Gründe, sich sehr dunkle Gläser vor das Gesicht zu schieben.

Das ist vorbei. Jetzt, wo überall auf der Welt Transparenz gepredigt wird, darf die eigene Gesichtsverglasung da keine Ausnahme sein. Es gilt nunmehr, jedem zu zeigen, dass man jung, frisch, wach und schön ist. Und nichts zu verbergen hat. Also werden Brillen verkauft, die alles zeigen. Früher galt, dass eine Brille umso cooler war, je dunkler die Gläser waren. Wenn nicht gar verspiegelt. Solche Modelle haben übrigens dazu geführt, dass die Sonnenbrille überhaupt mit Coolness in Verbindung gebracht wurde: Militärpiloten brauchten zur Verbesserung der Sicht verspiegelte Sonnenbrillen. Und als in den 1930er Jahren die Bilder von Ray-Ban-Sonnenbrillen tragenden amerikanischen Kampffliegern in den Zeitungen zu sehen waren, wollten viele Männer gerne sein wie sie: draufgängerisch und todesverachtend. So begann die Sonnenbrille, nicht mehr nur als pragmatischer Augenschutz zu fungieren, sondern für Selbstbewusstsein zu stehen.

Auch die Jazzmusik hat zum Image der Sonnenbrille beigetragen. Schließlich wurde im Jazz die Coolness geboren, wie Miles Davis’ 1957 erschienenes Album Birth of the Cool verrät. Die Jazzmusiker gaben sich von der Umwelt unberührt, ganz in ihre eigene Musik versunken. Sie waren eben einfach "cool". Und etliche Jazzmusiker unterstrichen ihre Unberührtheit mit Sonnenbrillen.

Anfang des 20. Jahrhunderts hätte man mit einer Sonnenbrille ganz andere Assoziationen geweckt. Denn bevor Sonnenbrillen in die Alltagskultur eindrangen, waren getönte Gläser Menschen zugedacht, die einen medizinischen Sonnenschutz brauchten. Wer Sonnenbrille trug, war also krank. Vielleicht wird man bald wieder so ähnlich von Menschen denken, die sehr dunkle Gläser tragen: Man wird vermuten, dass sie dahinter irgendetwas verbergen, was sie nicht preisgeben wollen. Irgendwas Uncooles.

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