Ich habe einen Traum Wilko Johnson

"Als meine Frau vor zwölf Jahren an Krebs gestorben war, habe ich oft sehr intensiv von ihr geträumt"
ZEITmagazin Nr. 17/2017

Ich habe große Höhenangst und träume seit Jahren immer wieder, dass ich weit oben auf einem Telegrafenmast sitze. Mein einziger Gedanke ist: Himmel, das hier ist kein Traum, sondern die brutale Realität – und das wird ein harter Absturz. Dann falle ich und wache beim Aufprall auf.

Meine Träume sind überwiegend sehr turbulent, was mir durchaus gefällt. Neulich träumte ich, dass ich aufwache, aufstehe und im Wohnzimmer meinen leblosen Körper auf dem Boden vorfinde. Natürlich bekomme ich einen Schreck. Ich nähere mich also vorsichtig meinem Körper, der seltsam verdreht auf dem Rücken liegt, und sehe, dass mein Gesicht ganz weiß geworden ist. Wie bei einer Leiche eben. Entsetzt renne ich erst mal aus dem Zimmer, aber dann schleiche ich doch zurück, weil ich mir sage, dass das überhaupt nicht wahr sein kann. Ich nähere mich also erneut meinem Körper und versetze ihm ein paar dezente Fußtritte, um sicherzugehen, dass er sich nicht mehr bewegt. Als ich mich davon überzeugt habe, dass mein Körper völlig leblos ist, schnappe ich mir einen Block und Stifte, um meine Leiche zu zeichnen. Während ich diese Zeichnung mache, sagt mir eine innere Stimme, dass es völlig bizarr ist, seine eigene Leiche zu zeichnen. Es meldet sich aber auch eine andere Stimme, die meint, dass ich gerade das Geheimnis der Unsterblichkeit gelüftet habe. Da klopft es an der Haustür, ich öffne, und herein kommt ein alter Freund, dem ich das Problem mit meinem toten Körper schildere. Er schlägt vor, dass wir meine Leiche schnell entsorgen, damit ich wieder meine Ruhe habe. Also tragen wir meinen Körper aus dem Haus zu seinem Auto, verstauen mich im Kofferraum und fahren nach Canvey Island, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Dort gehen wir auf eine Brücke und versenken meinen Körper in einem Fluss. Ich bin heilfroh, als ich mich langsam im Wasser verschwinden sehe, und eine große Ruhe überkommt mich. Und dann bin ich aufgewacht.

Ich bilde mir zwar ein, dass meine Träume nichts mit meiner Realität zu tun haben. Aber tatsächlich bin ich in den vergangenen Jahren einige Male mit dem Tod konfrontiert worden. Vor vier Jahren wurde mir prognostiziert, dass ich in wenigen Monaten an Krebs sterben würde. Mir wurde gesagt, dass ich keine Überlebenschancen hätte – aber dann überlebte ich doch, gegen alle Prognosen. Als meine Frau vor zwölf Jahren an Krebs gestorben war, habe ich oft sehr intensiv von ihr geträumt. Mal erlebten wir in diesen Träumen gemeinsam etwas, manchmal spürte ich auch einfach nur ihre Gegenwart.

Die besten Träume sind jene, in denen man merkt, dass man träumt. Damals sah ich meine Frau im Traum, und ich wusste, dass sie in Wirklichkeit nicht mehr da ist. Also genoss ich den Traum umso mehr. In den Träumen waren wir zwei sehr real, und das war herrlich. Ich probierte, diese Träume so lange auszudehnen, wie es nur ging. Aber vermutlich sind Träume auch deshalb so aufregend, weil klar ist, dass sie endlich sind.

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Kommentare

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Was für ein wunderbarer Traum. Der erste zeigt ja klar, was das Geheimnis ist: Nämlich, dass wir nicht der Körper sind. Da ist etwas, das den toten Körper sehen und sogar entsorgen kann. Ist doch schön, wenn Sie sich dieses Anteils, der nicht der Körper ist, bewusst sind.
Der zweite Traum, auch wunderbar. Ich hatte auch mehrfach Begegnungen mit Verstorbenen in Träumen, die sehr real waren.
Eine zeitlang habe ich solche Geschichten sogar gesammelt (also mir auch von anderen erzählen lassen), weil ich durch diese besondere Erfahrungsqualität solcher Träume davon überzeugt bin, dass es auf einer subtilen Ebene diese Begegnungen geben kann. Eben, mit dem Teil, der nicht der Körper ist.
Manchmal haben diese Verstorbenen wertvolle Botschaften für die noch Lebenden.
Ich erinnere mich an eine Frau, die noch zwei Jahre nach dem Tod ihres Lebensgefährten zutiefst traurig war.
Sie erzählte mir dann irgendwann, dass sie von ihm geträumt hätte. Er habe sie spürbar am Arm berührt und gesagt: "Bitte, fang wieder an zu leben."
Wie tief tröstlich und befreiend solche Erfahrungen sein können.
Ansonsten empfehle ich Ihnen die Beschäftigung mit luziden Träumen, denn sie sind kurz davor solche zu erleben. Wenn ein Teil weiß, dass diese nur ein Traum ist, muss es nur ausgesprochen werden (also. "Das ist ein Traum") und dann verändert sich die Bewusstseinstiefe des Traumes noch einmal außerordentlich.
Eine völlig neue Erfahrungswelt tut sich dann auf.
Danke für den Artikel!

Was für ein wunderbarer Traum. Der erste zeigt ja klar, was das Geheimnis ist: Nämlich, dass wir nicht der Körper sind. Da ist etwas, das den toten Körper sehen und sogar entsorgen kann. Ist doch schön, wenn Sie sich dieses Anteils, der nicht der Körper ist, bewusst sind.
Der zweite Traum, auch wunderbar. Ich hatte auch mehrfach Begegnungen mit Verstorbenen in Träumen, die sehr real waren.
Eine zeitlang habe ich solche Geschichten sogar gesammelt (also mir auch von anderen erzählen lassen), weil ich durch diese besondere Erfahrungsqualität solcher Träume davon überzeugt bin, dass es auf einer subtilen Ebene diese Begegnungen geben kann. Eben, mit dem Teil, der nicht der Körper ist.
Manchmal haben diese Verstorbenen wertvolle Botschaften für die noch Lebenden.
Ich erinnere mich an eine Frau, die noch zwei Jahre nach dem Tod ihres Lebensgefährten zutiefst traurig war.
Sie erzählte mir dann irgendwann, dass sie von ihm geträumt hätte. Er habe sie spürbar am Arm berührt und gesagt: "Bitte, fang wieder an zu leben."
Wie tief tröstlich und befreiend solche Erfahrungen sein können.
Ansonsten empfehle ich Ihnen die Beschäftigung mit luziden Träumen, denn sie sind kurz davor solche zu erleben. Wenn ein Teil weiß, dass diese nur ein Traum ist, muss es nur ausgesprochen werden (also. "Das ist ein Traum") und dann verändert sich die Bewusstseinstiefe des Traumes noch einmal außerordentlich.
Eine völlig neue Erfahrungswelt tut sich dann auf.
Danke für den Artikel!