Stilkolumne Gelb regiert die Welt

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 18/2017

Gelb wird in der Mode gerne als "schwierige Farbe" bezeichnet. Es heißt, wer Gelb trägt, wirke schnell blass, Gelb sei nicht leicht mit blonden Haaren zu kombinieren und stehe, wenn überhaupt, nur Menschen mit dunklem Teint. Trotzdem wird Gelb immer wieder als Trendfarbe des Sommers ausgerufen. Gerade ist es wieder im Kommen – und zwar unter besonders schwierigen Vorzeichen. Denn nun ist es nicht nur die Frau, die sich gelb kleiden soll, sondern auch der Mann. Gelbe Sakkos bei Armani, gelbe Polos bei Hermès – und bei Alexander McQueen kleidet Designerin Sarah Burton den Herrn sogar in einen kanariengelben Mantel. Geht das denn? Was denkt man wohl von einem Mann, der in einem leuchtend gelben Mantel durch die Welt spaziert? Wenn überhaupt, scheinen starke Farbtöne nur für Frauen tragbar zu sein. Während es bei der Frau als modisches Statement gewertet wird, wenn sie knallige Farben trägt, wird beim Herrn schnell auf charakterliche Besonderheiten geschlossen. Erschiene ein Angestellter in einem sonnengelben Anzug im Büro, würde das in vielen Unternehmen als Affront gewertet. Noch dazu gilt Gelb nicht als besonders männliche Farbe.

Dabei gibt es durchaus auffällige Männerkleidung, an der niemand Anstoß nimmt. Wenn Seemänner in gelbem Ölzeug an Deck stehen, findet das niemand feminin. Der Müllwerker trägt kein Gelb, aber immerhin schreiendes Orange, ohne dass dies jemand unpassend fände. Ein weiterer Typ Mann, der ohne Probleme knallige Farben tragen kann, ist der Sportler. Er darf in Neongelb, Neonpink und Neongrün auftauchen und gilt als völlig korrekt gekleidet. Es kommt offenbar auf den Zusammenhang an, in dem eine Farbe getragen wird. Und als Mann muss man stets einen für jeden erkennbaren äußeren Grund anführen, damit man leuchten darf.

Dass der bunte Mann als gesellschaftlich problematisch gilt, ist ein Erbe des Protestantismus. Um sich vom schmucken Adel abzugrenzen, trugen die bürgerlichen Männer im 18. Jahrhundert einen Gehrock in gedeckten Farben als Zeichen ihrer Ernsthaftigkeit. Den Frauen hingegen oblag es, mit ihrer Kleidung den Wohlstand der Familie auszustellen. Ansonsten sollten sie in der Gesellschaft keine tragende Rolle mehr spielen. Solche Kleiderordnungen zählten zu den Grundlagen der Geschlechtertrennung, die wir heute als so schädlich empfinden. Wir sollten diese schleunigst überwinden. Wenn Männer heute also in knallgelber Kleidung umherspazieren, setzen sie damit ein Zeichen für die Gleichberechtigung. Sie gehören darin unbedingt unterstützt.

Foto: Peter Langer / So viel Gelb muss sein: Mantel von Alexander McQueen

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Die Farbigkeit von Sportkleidung hat weniger mit Mode zu tun und mehr damit, zu Werbezwecken absichtlich auffallen zu wollen. In der Hobbysportbekleidung hat sich dieselbe Farbgebung durch Imitation der Profis durchgesetzt. Für Radfahrer und Jogger hat es den zusätzlichen Vorteil, im Straßenverkehr sichtbarer zu sein. Es ist also Funktionskleidung mit Funktionsfarben.

Was allerdings gerade im Bezug auf die im Artikel behandelte Farbe zumindest als Randerscheinung in der Mode etabliert hat, das sind gelbe Lederarbeitshandschuhe oder Motorradhandschuhimitationen von gelben Lederarbeitshandschuhen unter Fahrern von Harley-Davidsons und Vintagemotorrädern, ganz im Sinn des allgemeinen Trends zu urischer Männlichkeit mit seinen dicken Vollbärten und Tattoos und dem Vortäuschen von Handwerklichkeit. Wer damit Motorrad fährt, der will sagen: "ich hab gerade eben noch angepackt und gehandwerkt, und jetzt düse ich auf meinem knatternden Motorrad davon; was für ein Mann ich doch bin!"

http://static.mksstore.s9...

Allgemein ist farbenfrohe Männerkleidung allerdings zu begrüßen, sofern sie noch einen gewissen Grad an Schicklichkeit erkennen lässt, also senfgelb statt sonnenblumengelb.