Harald Martenstein Über den Umgang mit Andersdenkenden

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ZEITmagazin Nr. 18/2017

In Berlin-Charlottenburg suchen sie immer händeringend Mitbürger, die im Namen des Bezirks den Jubilaren Glückwünsche überbringen. Es ist ein Ehrenamt, ohne Bezahlung. Seit 15 Jahren tut dies, neben anderen, der mittlerweile 71-jährige Steffen Witt. Er macht das tadellos und hat deshalb eine Ehrennadel gekriegt. Sein polizeiliches Führungszeugnis ist blütenweiß, es gibt, Stand heute, auch keine einzige politisch skandalöse Äußerung, die ihm zur Last gelegt werden könnte.

Die Auswahl war immer Formsache. Politik spielte nie eine Rolle, nur die Frage, ob die Kandidatenperson auch kein Gangster ist und ob sie alle Tassen im Schrank hat. Eigentlich dürfen Kandidaten für ein unpolitisches Ehrenamt gar nicht nach ihrer Parteimitgliedschaft gefragt werden. Jetzt hat das Bezirksparlament Witt abgelehnt, weil der alte Herr der AfD beigetreten ist. Ein Bezirksverordneter sagte, es sei nicht hinnehmbar, dass jemand wie Witt einem Homosexuellen oder einem Menschen mit Migrationshintergrund zum Geburtstag gratuliere. Aber wie sollen die eigentlich rauskriegen, was für ein Pappenheimer der Herr Witt ist? Die Formulierung "Herzlichen Glückwunsch zur goldenen Hochzeit" klingt sehr deutsch, gewiss, aber sie ist nicht ohne Weiteres sofort als rechtspopulistisch zu erkennen. Und dann darf Witt wahrscheinlich auch vielen seiner Parteifreunde nicht mehr gratulieren, in der AfD gibt es ja etliche bekennende Schwule. Die These, dass jeder 100-jährige Homosexuelle automatisch links sein muss, gehört eindeutig ins Reich der Sage. Unter den konservativen und reaktionären Autoren sind die Schwulen keineswegs unterrepräsentiert.

Bei Migranten liegt der Fall anders. Ein türkischer 100-Jähriger, der für Erdoğans Ermächtigungsgesetz gestimmt hat, würde in einer politischen Diskussion den Herrn Witt wahrscheinlich viel zu links finden. Für die Todesstrafe, für eine Präsidialdiktatur und für die Inhaftierung von Andersdenkenden ist die AfD bisher nicht eingetreten. Da muss man, wenn politischer Konsens zwischen Jubilar und Gratulant herrschen soll, wohl jemanden von der türkischen Botschaft vorbeischicken. Es ist eh wichtig, dass wir mit Erdoğan im Dialog bleiben.

Jeder, der andere wegen ihrer Ansichten unfair behandelt, glaubt, er kämpfe damit für etwas Gutes und Richtiges. Auch Erdoğan glaubt das vermutlich, auch Trump, auch Putin. Ich bin einfach ganz allgemein für Meinungsfreiheit und gegen politische Säuberungen, egal, ob es um Briefträger von der DKP geht, um Journalisten in der Türkei oder um einen älteren Mitbürger von der AfD, der sich im Ehrenamt nützlich machen will. Ob ich die jeweilige Meinung teile, ist dabei völlig egal, solange nicht Gewalt und Hass gepredigt werden. Ich nenne das "Demokratie", ein kostbares und verletzliches Pflänzchen, das mir im Lauf der Zeit doch sehr ans Herz gewachsen ist.

Solange ihr bei mir nicht Waterboarding anwendet, werde ich jedenfalls gegen solche Säuberungen eintreten, und ich werde mir auch das Wort "Säuberung" nicht verbieten lassen. Nicht aus Liebe zur AfD, sondern aus Eigenliebe. Wenn man sich daran gewöhnt, dass Leute wegen ihrer – völlig legalen – Ansichten diffamiert werden und ihren Job verlieren, dann darf niemand sich mehr sicher fühlen. Ein Klima der Angst und des Duckmäusertums entsteht. Die Freiheit des Herrn Witt ist meine Freiheit, so verschieden wir auch sein mögen.

Ich hätte für ihn allerdings einen Tipp: Er sollte einen türkischen Pass beantragen. Dann wird man mit ihm auf jeden Fall im Dialog bleiben.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Betr.: Über den Umgang mit Andersdenkenden

Sehr geehrter Herr Martenstein,
„Ob ich die jeweilige Meinung teile ist dabei völlig egal, solange nicht Gewalt und Hass gepredigt werden“, schreiben Sie in Ihrer aktuellen Kolumne. Das Verb „predigen“ haben Sie geschickt genutzt, weil es im religiösen Zusammenhang unscharf bleibt. Ihr Herr Witt hat das Glück, dass die radikal ablehnende Haltung (man könnte hier auch den Begriff Hass verwenden) seiner Partei in unserem Staat legal ist. Er darf zurecht diese Meinung vertreten, ob ihm jemand zuhört, zustimmt oder auch nicht, egal.
Dass Herr Witt allerdings nicht im Namen des demokratisch gewählten Bezirksparlamentes sprechen soll, ist genauso in Ordnung. Nicht jeder, der im gesetzlich erlaubten Rahmen seine Ansichten von sich gibt (und nur deswegen ohne Sanktionen zu befürchten, weil wir uns eine zutiefst liberale Verfassung gegeben haben), muss im Namen der demokratisch gewählten Exekutive sprechen dürfen.

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Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/tw

Mit freundlichem Gruß,
Timo Wolf