© Oliver Helbig für ZEITmagazin

Oliver Helbig Was bleibt

Der Fotograf Oliver Helbig ist mehr als 100 Tage im Jahr unterwegs. Seine Reisen führten ihn unter anderem in den Iran, nach Äthiopien, auf die Philippinen und nach Jamaika. An welche Momente erinnert er sich besonders gern? Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 18/2017

ZEITmagazin: Herr Helbig, können Sie sich an Ihre erste Reise erinnern?

Oliver Helbig: Ich bin in Schleswig-Holstein aufgewachsen und hatte deshalb immer eine Affinität zum Meer. Meine erste bewusst erlebte Reise ging an die Nordsee. Ich war vier Jahre alt. Wir waren auf Sylt, ich erinnere mich an den Wind und an die Brandung.

ZEITmagazin: Sind Sie schon als Kind viel verreist?

Helbig: Wir waren ständig auf Reisen. In den siebziger und achtziger Jahren hatten meine Eltern einen Bus, ein altes Feuerwehrauto, das mein Vater gekauft und umgebaut hatte. Mit dem sind sie mit meinem Bruder und mir überall umhergefahren, vom Nordkap bis nach Südspanien. Das kann man heute leider nicht mehr so gut machen, die Straßen sind viel zu voll, und man darf nicht einfach irgendwo parken. Urlaub machten wir an eher abseitigen Plätzen. Wir hatten keinen Plan, und wenn das Wetter schlecht war, fuhren wir weiter.

ZEITmagazin: Bedeutet Reisen für Sie Freiheit?

Helbig: Auf jeden Fall. Nach dem Abitur bin ich zum ersten Mal ganz allein verreist, ich hatte gerade meinen Führerschein gemacht. Mein Vater war mutig genug, mir seinen Bus zu überlassen. Damit fuhr ich sechs Wochen lang die französische Atlantikküste runter bis nach San Sebastián. Auf dem Weg parkte ich zum Beispiel einfach am Strand auf der Île de Ré, ging surfen und fühlte mich unendlich frei.

ZEITmagazin: Schätzen Sie Einfachheit auf Reisen heute immer noch?

Helbig: Ja – für mich ist der größte Luxus oft ganz simpel. Durch meine Arbeit als Fotograf bin ich natürlich auch an Orte gekommen, an die ich privat nie gefahren wäre. In Kenia etwa wohnten wir bei den Massai in einer sehr teuren Lodge. Dabei war die gar nicht übertrieben luxuriös ausgestattet. Die Leute bezahlten dort viel Geld dafür, auf einem Berg in einem Haus ohne Wände zu schlafen, in dem abends eine Wildkatze durchs Zimmer schlich.

ZEITmagazin: Was ist für Sie ein schöner Moment auf einer Reise?

Helbig: Wenn ich ins Flugzeug steige und den Flugmodus auf meinem Telefon einschalte.

ZEITmagazin: Sie fotografieren viel aus dem Flugzeug. Wann sind Sie zum ersten Mal geflogen?

Helbig: Mit 18 Jahren, nach Paris. Ich war begeistert wie ein Kleinkind, wahrscheinlich noch mehr als mein vierjähriger Sohn heute, der schon einmal nach Jamaika geflogen ist. Sicher war es für mich etwas Besonderes, weil ich so lange darauf warten musste. Über den Wolken zu sein und von oben auf die Welt zu blicken hat etwas eigentümlich Friedliches. Glücklicherweise ist man im Flugzeug heute noch nicht mit dem Internet verbunden. Das Fliegen ist wie eine geschenkte Zeit, in der man nicht kommunizieren muss.

ZEITmagazin: Wie entstand das Bild von dem Flugzeug, das auf der Titelseite zu sehen ist?

Helbig: Ich suche mir im Flugzeug immer einen Fensterplatz, nicht direkt über dem Flügel, sodass ich rausschauen kann. Auch auf Langstreckenflügen schaue ich lieber aus dem Fenster, als Filme zu gucken. Ich achte sogar darauf, auf der Seite zu sitzen, auf der man, je nach Flugrichtung, die Sonne aufgehen sieht. Das Foto auf der Titelseite entstand während eines Flug von Hongkong nach San Francisco, als ich gerade aus dem Fenster schaute und zufällig dieses Flugzeug vorbeifliegen sah.

ZEITmagazin: Welche Motive interessieren Sie?

Helbig: Viele meiner Fotos bilden eher die Vorstellung ab, die man von einem Ort hat, ohne je da gewesen zu sein – wie eine Erinnerung an etwas, was man noch gar nicht erlebt hat. Meine Reiseerinnerungen sind oft gar nicht besonders konkret. Meist erinnere ich mich weniger an Orte und daran, was ich dort gemacht habe, als an ein Gefühl und an sinnliche Erfahrungen. Wenn ich dann zum Beispiel an Griechenland denke, fällt mir der warme Wind ein, der über die Insel strich, und der Duft der Thymiansträucher.

ZEITmagazin: Sind Sie schon mal einfach drauflosgefahren, ohne irgendetwas zu planen?

Helbig: Meine erste Fernreise unternahm ich im Jahr 1993. Ich reiste meiner damaligen Freundin hinterher, die in Asien unterwegs war. Weil es noch keine E-Mails und Handys gab, schrieben wir uns postlagernd Briefe und verabredeten uns schließlich in Singapur. Dort flog ich hin, ohne sicher zu sein, ob wir uns finden würden. Von Singapur fuhren wir mit dem Boot nach Sumatra. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten würde. Ich wusste nicht, dass Indonesien ein muslimisches Land ist, dass es zu dem Zeitpunkt politisch sehr instabil war und dass es Malariamücken gab. Mit wenig mehr als dem Reiseführer Lonely Planet bewaffnet, bereisten wir als Rucksacktouristen das Land. Der Vorteil am planlosen Reisen ist, dass man sich treiben lassen kann und keine Termine einhalten muss. Wenn einem irgendwo langweilig wird, fährt man einfach weiter.

ZEITmagazin: Sie bereiten sich vor Ihren Reisen nicht auf Ihre Ziele vor?

Helbig: Mittlerweile schon. Auf viele Orte muss man sich vorbereiten. Bevor man nach Afrika reist, sollte man wissen, dass man dort nachts nicht allein über Land fährt. Zur Vorbereitung gehört auch, zu begreifen, dass man in ein fremdes Land reist, in dem eine andere Kultur herrscht, die auch einen bestimmten Respekt erfordert – beispielsweise, dass man in arabischen Ländern nicht in kurzen Hosen in eine Moschee geht. Oder dass man ein paar wichtige Sätze auf Japanisch lernt, bevor man nach Japan fährt, wo viele Leute kein Englisch sprechen.

ZEITmagazin: Wie hat sich das Reisen in den vergangenen Jahren verändert?

Helbig: Durch die Anschläge vom 11. September 2001 und die gehäuften terroristischen Attentate in letzter Zeit sind viele Leute, was das Reisen betrifft, mittlerweile sehr verunsichert. Das ist genau das, was Terroristen erreichen wollen. Ich halte die Angst aber größtenteils für unbegründet. Es gibt natürlich Orte, an die man nicht fahren sollte. Aber meistens reicht es einfach, sich an einem Ort mit einer gewissen Sensibilität zu bewegen. Als ich in Rio de Janeiro war, kamen im Minutentakt Gäste ins Hotel, die gerade überfallen worden waren. Wenn man wie ein Tannenbaum gekleidet durch Brasilien läuft, muss man sich darüber allerdings auch nicht wundern. In manchen Ecken von Frankfurt oder Berlin kann man genauso überfallen werden, wenn man seine Wertsachen auffällig mit sich herumträgt. Und Terroranschläge kann es heute überall geben. Das ist die traurige Wahrheit.

ZEITmagazin: Sie bereisen auch wenig bekannte Länder wie zum Beispiel Kasachstan. Hatten Sie eine Vorstellung davon, was Sie dort erwarten würde?

Helbig: Ich hatte ein paar Klischees im Kopf. Teilweise wurden die auch bestätigt. Kasachstan ist ein Land der maximalen Widersprüche. Auf der einen Seite gibt es absurden Reichtum, von dem einige wenige profitieren, auf der anderen Seite größte Armut. Auf unserer Reise besuchten wir ein Golfturnier, bei dem die meisten Männer in ihren Trainingsanzügen mit ihren geschorenen Köpfen und dicken Uhren am Arm wie Zuhälter aussahen, was sehr bizarr war. Wir waren damals in der alten Hauptstadt Almaty. Die neue Hauptstadt ist Astana, eine künstlich geschaffene Metropole mit gigantischer Architektur.

ZEITmagazin: Was suchen Sie auf Ihren Reisen?

Helbig: Ich bin kein typischer Entdecker. Ich muss nicht irgendwo hinfahren, um etwas zu besichtigen oder zu erforschen. Ich schaue mir meine Ziele auch nicht vorher auf Google Street View an. Am liebsten lasse ich mich treiben. Schön ist es, wenn man nicht das Gefühl hat, gehetzt zu sein oder irgendwelche Punkte abhaken zu müssen. Wichtige Sehenswürdigkeiten besuche ich natürlich trotzdem gerne.

ZEITmagazin: In Ägypten haben Sie eines der sieben Weltwunder besucht, nämlich die Pyramiden von Giseh.

Helbig: In Ägypten war ich im Januar 2011, kurz vor dem Beginn des Arabischen Frühlings. Es war eine eigenartige Atmosphäre, auf dem Tahrir-Platz wurde schon demonstriert, und ich wusste gar nicht, wohin das alles führen würde. An den Pyramiden war es relativ leer, weil wir außerhalb der Hochsaison dort waren. Letztlich habe ich aber auch nichts gegen Touristen, man ist ja selbst einer. Wir gingen in ein Café, in dem es aussah wie in einem arabischen Lokal in Berlin-Kreuzberg, nur mit dem Unterschied, dass man durch die Fenster auf diese mehrere Tausend Jahre alten Pyramiden schaute. Die touristische Infrastruktur drum herum, mit den Souvenirverkäufern, die einen belagerten, sorgte für einen komischen Effekt, gehörte aber eben dazu. Generell versuche ich immer, außerhalb der Hauptsaison zu verreisen. Südfrankreich im August stresst mich.

ZEITmagazin: Von Erich Kästner stammt der berühmte Spruch, dass die Toren in fremden Ländern ins Museum gehen, die Weisen aber in die Tavernen. Wie finden Sie Zugang zu einem Land?

Helbig: In China war ich einmal in einem Restaurant, in dem am Eingang ein Mann saß, der einen kurz betrachtet und einem dann aufgrund dieser Expressdiagnose gesagt hat, was man essen sollte. Entsprechend bekam man ein individuell abgestimmtes Gericht serviert. Das fand ich faszinierend. Essen ist oft der Schlüssel, um ein Land zu verstehen, zum Beispiel in afrikanischen oder arabischen Staaten, wo das gemeinsame Essen mit Gästen sehr wichtig ist. Und jedes Land hat seine eigenen kulinarischen Sitten – in China gilt es zum Beispiel als unhöflich, seinen Teller ganz zu leeren, weil der Gastgeber dann denkt, man sei nicht satt geworden. Über das Essen lernt man viel darüber, was in einem Land wichtig ist, genau wie über die Farben. In Island sind viele Häuser in bunten Farben gestrichen, weil das Licht dort sehr kühl und gleißend ist – anders als in Marokko, wo die Häuser eher gedeckte Farben haben.

ZEITmagazin: An welches Essen erinnern Sie sich besonders gern?

Helbig: Auf den Philippinen habe ich frisch aufgeschlagene Kokosnuss mit Zitrone, Salz und Chili gegessen. Das bekommt man dort an jeder Straßenecke. Oft sind es einfache Gerichte, die mir in Kombination mit dem Ort in bester Erinnerung geblieben sind. Auch in Äthiopien hat mir das sehr schlichte Essen geschmeckt. Man isst dort morgens, mittags und abends immer das Gleiche, nämlich ein schwammartiges Brot namens Injera, das man überall reintunkt. Das muss man mögen. Ich bin kein Mensch, der ab dem vierten Tag sein Continental Breakfast vermisst.

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