Wandern Komm du mir nach Hause!

Unser Kollege Henning Sußebach ist einmal quer durchs Land gelaufen, von der Ostseeküste bis zur Zugspitze – und das möglichst ohne Asphalt zu betreten. Wie das war? Darüber hat er mit sich selbst gesprochen. Von
ZEITmagazin Nr. 18/2017

Eintausendzweihundert Kilometer, zu Fuß, querfeldein. Warum nur? Mir war aufgefallen, dass wir Gegenwartsmenschen zwar viel unterwegs sind, dabei aber meist spurtreu auf Straßen und Schienen bleiben, in Einkaufszonen und auf Parkplatzwüsten. Unser Alltag ist asphaltiert, wir verbringen ihn fast ausschließlich auf jenen 6,2 Prozent der Fläche Deutschlands, die in Statistiken als "versiegelt" geführt werden. Was, wenn man die Logik umdrehte? Ich, ein Stadtkind, habe es versucht. Fünfzig Tage schlug ich mich durchs Land. Bei meiner Rückkehr war ich, wie man so sagt, nicht mehr der, als der ich loszog. Deshalb hier ein Gedankenspiel: Der Heimkehrer trifft den Stadtmenschen, der ich einmal war, aber nicht mehr bin. Die Szene beginnt mit einem Rumpeln vor der Tür eines Hauses am Hamburger Stadtrand. Offenbar hat jemand seinen Rucksack abgeladen. Dann rasselt ein Schlüssel im Schloss.

Stadtmensch: Ah, da ist er ja, der Wandersmann! Wie war dein Selbsterfahrungstrip?

Wanderer: Mein Trip? Das war deine Idee, dein urbaner Ulk, mich loszuschicken. Wirst noch sehen, was du davon hast. Ich war doch nur dein ausführendes Organ.

Und wie geht’s dem ... ausführenden Organ? Siehst ziemlich struppig aus.

In der Tat: Dem Wanderer ist ein Bart gewachsen. Seine Hose zerrissen, die Schuhe verdreckt, der Gürtel im letzten Loch und trotzdem noch locker.

Ich habe sechs Kilo weniger drauf als du. Und fühle mich zehn Jahre jünger. In dieser Hinsicht waren alle Sorgen, die du hattest, grundlos.

Keine Probleme? Knie? Knochen?

Die Muße, andauernd in mich reinzuhorchen, hatte ich da draußen gar nicht. Tut’s mir hier weh? Hab ich da was? Klassisches Stadtsyndrom, Nabelschau der Hypersensiblen, wenn du mich fragst. Klar, die ersten Tage waren zäh, ich hatte Blasen, der Rücken tat weh. Aber nach einer Woche war dem Körper Laufen lieber als Sitzen. Ich habe nachts geschlafen wie ein Baby, auch mitten im Wald. Und ich habe nicht eine einzige von den Schmerztabletten gebraucht, die du mir eingepackt hattest.

Angeber.

Weichei. Im Übrigen hat nicht eine deiner Prognosen gestimmt. Die Hälfte der Ausrüstung war total überflüssig.

Mehr als tausend Euro habe ich im Outdoorladen für dich ausgegeben!

Das ist der Preis, den du für dein Unwissen bezahlt hast. Oder den ich gezahlt habe da draußen. Das Pfefferspray habe ich nie benötigt, Tag für Tag ist es tiefer im Rucksack versunken. Ein Stock hätte mir geholfen.

Ein Stock ist was für alte Leute.

In deiner Welt vielleicht. Mir hat er gefehlt, als Tastinstrument – immer wenn ich mich durch ein Dickicht schlug, Schritt für Schritt durch Böschungen zwischen zwei Äckern beispielsweise, und plötzlich knietief im Sumpf stand. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wassergeädert Deutschland ist, vor allem der Norden. Du glaubst, endlose Weiten vor dir zu haben, stehst aber andauernd vor Entwässerungsgräben. Ach ja: Ein Stock hilft übrigens auch, wenn du einen summenden Elektrozaun übersteigst. Wenn du da den Draht nicht runterdrückst, kriegst du ruck, zuck einen Stromschlag in den ...

(der Stadtmensch lacht)

Ich bin stundenlang durch Wälder gestreift, um einen geeigneten Stock zu finden. Die meisten Äste waren morsch und brachen, sobald ich mich ernsthaft aufgestützt habe.

Hast du dich wenigstens an die Vorgaben gehalten? Straßen nie längs laufen wie im normalen Leben ...

... sondern immer nur queren, und das auch nur dort, wo es gar nicht anders geht, jaja. Du hast das ja noch intellektuell veredelt mit dem ersten Satz aus Uwe Johnsons Buch Mutmassungen über Jakob: "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen."

Und?

Hab ich gemacht. Das war nicht immer ganz jugendfrei. Ich weiß nicht, wie viele Zäune und Gesetze ich überschritten habe. Als "Person im Gleis" auf einer schnurgeraden Hochgeschwindigkeitsstrecke geht der Puls ganz schön hoch, das sage ich dir. Nichts wie auf die andere Seite des Schotterwalls! Oft bin ich ewig an Schallschutzwänden langgelaufen, bis sich ein morastiger Durchschlupf unter einer Autobahn fand. Da bin ich dann durch wie eine Bisamratte. Und manchmal, an sich endlos ziehenden Landstraßen, bin ich wie besprochen quer rübergehuscht: vom Grünen übers Graue ins Grüne. Fühlte sich ein bisschen so an, wie quer statt längs im Bett zu schlafen. Oder als habe jemand die Welt unter unseren Füßen um neunzig Grad gedreht.

Wie oft kam das vor? Ich hatte ja diese Analyse von Satellitenbildern aufgetrieben: Weltweit gibt es nur noch 600 000 unbebaute Gebiete, die in einem Umkreis von mindestens einem Kilometer von keiner Straße zerschnitten werden. In Deutschland so gut wie keins.

Tja. Auch da war meine Wahrnehmung aus der Froschperspektive eine andere. Das Land, durch das ich lief, war überraschend leer. Mein – also: dein – Prinzip hat mich ja ferngehalten von allen Städten. Ich war da, wo du nie bist! Mecklenburgische Ödnis, brandenburgische Einsamkeit, Harz, Werratal, Rhön, einige Tage auf der alten DDR-Grenzschneise. Mal habe ich drei, mal zehn Straßen pro Tag überquert, aber ich war derart ab vom Wege, so tief in der Provinz ... Die erste Tankstelle zum Beispiel habe ich erst nach vierhundert Kilometern gesehen.

Quatsch!

Du als Autofahrer und Bahncard-Besitzer wirst das komisch finden, aber Deutschland ist nur dann voller Supermärkte, Gewerbegebiete, Raststätten und Schnellrestaurants, wenn man seine Wahrnehmung mit 100 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit verdichtet. Ich habe für eine Autostunde, die Elle der Neuzeit, drei Tage gebraucht. Eine interessante Erfahrung ist das: im Gehen langsamer zu sein als im Sitzen.

Das klingt jetzt echt eso ...

Musst du mit klarkommen.

Sympathischer bist du mir nicht geworden.

Geht mir mit dir ähnlich.

Schweigen.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: In dieser Langsamkeit des Laufens dehnt sich der Raum. Und noch aufregender als das Umgehen der Straßen war auf einmal das, was im riesigen Dazwischen geschieht, auf den unverbauten 93,8 Prozent, die für dich ja nur eine abstrakte Zahl waren. Wenn plötzlich Tiere aufstoben. Wenn sich, passend zum andauernden Hunger, ein Brombeerstrauch fand. Oder wenn ich, sichtbar wie eine Vogelscheuche, über einen frisch gepflügten Acker stapfte, an dessen Rand noch der Bauer im Traktor seine Bahnen zog.

Gab’s Stress?

Dachte ich erst. Aber die haben gewinkt. Unser Land ist nicht so hasserfüllt und misstrauisch, wie du und deine Kollegen es oft beschreiben.

Sagst du aus deiner subjektiven Wanderer-Perspektive!

Wie du aus deiner subjektiven Stadtsicht.

Was war denn so nett da draußen?

Meine Notizbücher sind voller Begegnungen. Werde ich alles aufschreiben.

Gerade hast du noch behauptet, das Land sei leer.

Aber in der Leere war ich unübersehbar. Eine Randfigur, die vor allem von Randfiguren angesprochen wurde – die normalen Leute waren ja alle eilig in ihren Autos unterwegs. Ich habe bei Hippies übernachtet, unter Marihuanabüschen. Ein AfD-Wähler hat mich zum Abendessen eingeladen. Arbeitslose wollten morgens mit mir Bier trinken. Einmal bin ich aus Versehen auf einen Golfplatz geraten – zack: gab’s Essen statt Ärger.

Habe ich mir wegen des Proviants also auch umsonst Gedanken gemacht.

Es war irre! Das Bild des Wanderers hat in allen etwas angerührt: Die Ökos sahen in mir einen Menschen, der die Natur liebt. Die Nazis einen Mann, der das Land liebt. Die Armen einen, der mit noch weniger auskommt als sie. Und die Reichen jemanden, der ihre geheimen Aussteigersehnsüchte auslebt. Ich habe da draußen mehr Lebenswelten durchwandert, als du dir in deiner städtischen Blase mit deinen Mittelschichtsnachbarn und Journalistenfreunden vorstellen kannst.

O nein! Jetzt kommt die Selbstbezichtigungs-Suada ...

Ich weiß auch nicht, ob das lange anhält, aber ich bin wirklich demütiger geworden. Wir in der Stadt glauben ja gern, superpolitisch zu sein, megaschlau, und draußen ist so eine Art Dumpfland. Stimmt nicht! Ich denke jetzt zum Beispiel, dass politische Entscheidungen, die in der Stadt gefällt werden, die größten Konsequenzen oft auf dem Land haben. Was in der Stadt dann aber niemanden mehr interessiert.

Zum Beispiel?

Bei mir – also dir – war die Energiewende mit einer Unterschrift unterm Ökostromvertrag erledigt. Jetzt habe ich Leute getroffen, die keine Arbeit mehr haben, seit der einzige Bauer im Ort von Viehhaltung auf Mais umgestellt hat, um die Biogasanlagen am Laufen zu halten. In Deutschland wächst dreimal mehr Mais als früher, fast schon eine Monokultur. Deshalb gibt es auch eine Wildschweinplage. Die Leute schießen wie verrückt in die Felder. Jeden Abend habe ich’s knallen hören.

Bist du jetzt gegen die Energiewende?

Merkst du, wie du sofort kategorisierst?

Mir kommt’s eher so vor, als hättest du eine Art Stockholm-Syndrom. Du bist ein Gefangener der Geschichten, die du gehört hast!

Geschichten, die du nicht gehört hast.

Und da wirfst du mir Besserwisserei vor ...

Dass ich jetzt ein paar neue Meinungen nach Hause bringe, heißt ja nicht, dass ich jede Ansicht teile. Aber du hast mich runter von der Straße geschickt – und ich habe Denkbahnen verlassen. Sogar Helden habe ich getroffen.

Helden, herrje ...

Einen jungen Schlachter zum Beispiel. Er kam mir im Wald entgegen. Joggend. Mitten am Tag. Seit dem Konflikt in der Ukraine hat er kaum noch Arbeit. Wegen der Sanktionen gegen Russland.

Trägst du die jetzt auch nicht mehr mit?

Hör doch mal zu! Um seinen Job zu retten, müsste er eigentlich Linke oder AfD wählen, sagte der Schlachter, die einzigen Parteien, die gegen die Sanktionen seien. Aber das bringe er als Demokrat nicht über sich! Seine Überzeugung war ihm wichtiger als sein Auskommen. Da kann ich mich – und dich – schon mal fragen: Mussten wir beide je gegen unsere existenziellen Interessen stimmen? Geht das in der Stadt überhaupt noch? Wählen wir Grüne, nehmen wir allenfalls drei Prozent höhere Steuern in Kauf. Wählen wir CDU, wird’s leider nichts mit breiteren Radwegen.

Steile These.

Ich finde eher, dass auf der Wanderung ein paar Gewissheiten, vor allem Selbstgewissheiten, erschüttert wurden. Und du – du bist übrigens auch nicht der, der du zu sein glaubst. Warst du da draußen zumindest nicht.

Jetzt redest du von dir.

Von uns. Du hattest daran zu knabbern, wenn die Leute nicht deinen Labels entsprachen. Wenn der Gift spritzende Industriebauer dir genauso viel Wasser, Wurst, Käse und Brot übern Zaun gereicht hat wie der Biobauer tags zuvor. Und schießwütig warst du!

Ich? Du? Wer jetzt?

Du, als du ich geworden warst. Irgendwann hatte ich bei jedem Rascheln im Wald oder an Feldrändern Schiss vor Wildschweinen. Jeden Bauern auf den Äckern habe ich gefragt, wann die nächste Jagd ansteht. Wenn’s kracht, wollte ich auf der richtigen Seite der Gewehrläufe stehen. Und ich – also du: Du hattest da draußen plötzlich eine richtige Kirchensehnsucht.

Kirchensehnsucht? Niemals.

Doch. Du warst raus aus deinem Umfeld, aus deinem Hier und Jetzt. Ich glaube, da wurde das Kind wieder sichtbar, dein Kern, sozialisiert in Westfalen. In Mecklenburg hast du dauernd rumgejammert: "Gar keine Kirchtürme hier." Oder: "Die Dörfer haben keine Mitte." Südlich der Elbe wurde es besser.

Offenbar macht Wandern esoterisch und konservativ zugleich. Fehlt nur noch, dass du dir am Ende in Bayern eine Lederhose gekauft hast. Mit Hirschhornknöpfen.

Bayern ... oje. Da war wieder alles anders. Wenn du im Auto über die Landesgrenze hinwegfliegst, bemerkst du den Unterschied zu Hessen oder Thüringen kaum. Hinter der Windschutzscheibe kriegst du auch von den Mentalitätsgefällen im Land nichts mit, da hörst du an den Tankstellen höchstens die Dialekte wechseln. Aber zu Fuß? Ich kann dir jetzt den Unterschied zwischen einer protestantischen und einer katholischen Landschaft erklären. Ich muss dir auch von einem Tag im Kloster berichten und von einer Nacht auf einem Müllberg bei München. Von der dementen Hilde, die mir nachgelaufen ist. Von einem 14-jährigen Bullensperma-Experten. Und, und, und. Erzähle ich dir alles noch ausführlich.

Vorher könntest du mal duschen.

Hinter der Geschichte: Nach dem Duschen hat sich Henning Sußebach, Redakteur im Dossier der ZEIT, auch noch rasiert. Anschließend hat er ein Buch über seine Wanderung geschrieben – es ist zugleich ein Porträt der Bundesrepublik im Wahljahr geworden. "Deutschland ab vom Wege" ist soeben im Rowohlt Verlag erschienen.

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